Literatur als Party in: Wuppertal

Kein Grund zur Klage. Wuppertals Szenelandschaft bietet jungen Schriftstellern seit Jahren beeindruckend viele „Off-Locations“. Das Beste: Die Besucher kommen in Scharen. Eine (subjektive) Bestandaufnahme anlässlich der Wuppertaler Literatur-Biennale vom 6. bis 16. Juni 2012 zum Veranstaltungsthema „Freiheit!“

„Wo kann ich in Wuppertal lesen?“, fragt Hanna Lemke während der Leipziger Frühjahrs-Buchmesse am Stand ihres Verlags Kunstmann, wo gerade ihre vom Feuilleton hochgelobte Erzählung „Geschwisterkinder“ erscheint. Ihr Debüt „Gesichertes“ hatten wir gemeinsam in einer Buchhandlung vorgestellt – die ihr Engagement inzwischen einstellen musste. Bliebe das Literaturhaus, unser Theater, die restaurierte Oper, ein kleiner Saal in der Stadthalle?

Buchhandlungen, Literaturhaus, Theater – die klassischen Lesungsorte anderer Städte spielen in Wuppertal für jüngere Schriftsteller kaum eine Rolle. Dafür ist die so genannte „Off“-Kulturszene sehr aktiv. Es gibt Reggae- und Gothicfestivals, halblegale Partys in stillgelegten Tunneln und Kunstausstellungen, Konzerte, DJ-Sets in abbruchreifen Arrenberg-Häusern, Freejazz-Opern in Tango-Cafés und im Winter erst das „Ölberglesen“ in Kneipen, Privatwohnungen, Galerien von Wuppertals Nordstadt, bei dem Familien Liebesgedichte präsentierten und Fußballfans die besten Texte übers runde Leder (das ins Eckige muss). Es geht auch ohne klassische Veranstaltungsorte.Ich erinnere mich selbst an eigene Lesungen im Café du Congo, Beatz & Kekse, Bloomclub, Zett, Caribe, der Galerie Epikur, in der Stadthalle, Die Börse – und einmal, bei der Eröffnung: Im Literaturhaus am Haspel.

Patrick Salmen, 2010 Gewinner der Deutschen Meisterschaft im Poetry Slam (mit einem Plädoyer für seinen Bart), empfängt in der „Shakespeare live! Akademie“ (Treppenstraße). Gemeinsam mit Kollege Torsten Sträter präsentiert er monatlich einen Künstler, der hier sein aktuelles Werk vorstellt. Der Ort ist multifunktional. Das Publikum durchmischt. In der „Akademie“ stellen bildende Künstler aus. Electromusikerinnen aus Kopenhagen stehen beim „Plastic Zuzu“-Festival mit Megaphon und Synthesizer vor früheren Beatbox-Besuchern, jungem Kneipenpersonal und versunken wippenden Germanistikststudentinnen mit Hello Kitty-Handy. Literatur in der „Shakespeare live! Akademie“ zieht nicht nur Vielleser an. Man besucht die Veranstaltungen, weil mal wieder „irgendwas los“ ist, nicht nur, weil Texte geboten werden.

„An Wuppertal hänge ich sehr“, sagt Patrick Salmen. „Die Kombination aus Industrielandschaft, Großstadt und den zahlreichen Grünflächen macht für mich den Reiz aus. Finanziell geht´s in den letzten Jahren ziemlich bergab. Aber ich habe zunehmend das Gefühl, dass bei vielen engagierten Bürgern eine gewisse Jetzt-erst-recht-Haltung aufkommt. Im kulturellen Bereich entstehen zahlreiche interessante Projekte und Fusionen. Neue Locations werden ergründet und innovative Konzepte ausarbeitet. Die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern ist hier sehr unkompliziert.“

Gerade diese Off-Locations reizen Wuppertals Schriftsteller. Im „Beatz & Kekse“ (Luisenstraße) sitzen die Erstsemester bei Club-Mate mit angezogenen Knien – wie bei der „Kassettendeck“-Premiere im Mai 2011. Wenn Arco-Verleger Christoph Haacker Fischgedichte in einer temporären Nordstadt-Galerie liest, kommen die Karosakkoträger und trinken rumänischen Ein-Euro-Wein.

Zu den kleinen Bühnen zählt ebenso das „Café du Congo“ (Luisenstraße), wo seit 2007 regelmäßig das kostenlose „Congolesen“ stattfindet – mit Stefan Seeling, Malte Linde und Jörg Isringhaus, die sich „seitdem einen gewissen Ruf als Tischredner erworben haben“ (Eigenwerbung, die stimmt). Als Gast oft dabei: Drehbuchautor Michael Kenda, 2007 nominiert für den International Emmy Award. Inzwischen zieht die Crew durchs Tal, macht Halt im Irish-Pub „Domhan“ in der Marienstraße und kooperiert erfolgreich mit der „Wortwache“ von Coolibri-Redakteur Jörg Degenkolb-Değerli, der auch im „Spunk“ (Flensburger Straße) und im „Zweistein“ (Aue) die Massen unterhält. Poetry-Slam gibt es in der Börse mit den „Wuppertaler Wortpiraten“ André Wiesler und David Grasshoff.

Christoph Maria Herbst, seit seiner Hauptrolle in „Stromberg“ allerbestens im Geschäft (viermal Deutscher Comedypreis, Fünffach-Platin für die DVD-Ausgabe der ersten Stromberg-Staffel) kann seit langem Stadien füllen, startete hier aber bescheiden im wesentlich kleineren „Rex-Theater“. 2011 las er dann doch in der Stadthalle aus seinem Bestseller „Ein Traum von einem Schiff“. Hanna Lemke, Jochen Rausch, Christoph Maria Herbst – einige der großen Namen aus dem Tal.

Benjamin Quabeck, der für seinen Debütfilm „Nichts bereuen“ (als Roman bei Goldmann) den „Förderpreis Deutscher Film“ für den Bereich „Literatur“ erhielt, arbeitet weiterhin als Hörspielautor, Regisseur, Schriftsteller. Die Kinderbuchautorin Tanya Stewner („Liliane Susewind“) wird in zahlreiche Sprachen übersetzt und führte bereits etliche Bestsellerlisten an. Der Schriftsteller, Zeichner und Musiker Eugen Egner, unter anderem Träger des Kassler Literaturpreises für grotesken Humor und ständiger Karrikaturist der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung arbeitet inzwischen an seiner Comic-Gesamtausgabe im Verlagshaus Monsenstein und Vannerdatt.

Dann gibt es noch einen Wuppertaler Autor, der bislang nicht ins Rampenlicht getreten ist: Felix Tota, Jahrgang 1989 – seit einem Jahr Student am renommierten Institut für „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ der Universität Hildesheim. Suhrkamp-Autoren wie Paul Brodowsky und Sebastian Polmans haben hier gelernt, Bestsellerproduzenten und Feuilletonlieblinge wie Thomas Klupp, Marcel Maas, Leif Randt. Nun also der Rumäne aus dem Tal, der bis zu seinem Wegzug aus dem Tal oft beim Kaffee im „Zett“ am Deweert‘schen Garten saß, über Literatur diskutierte, seine Leute immer begeisterte für „das einzige wahre Abschreiben der Welt“. Bei Hans Josef Ortheil schrieb er vor wenigen Wochen eine Hausarbeit – seine schnell entstandene Kurzgeschichte „Hybride Momente“ begeisterte die Hörspielredaktion von 1LIVE so sehr, dass sie dem Newcomer gleich eine Stunde in ihrer „Short Story“-Reihe freiräumte. (Ok, ich habe eigenmächtig gepetzt und den Text damals weitergeleitet.)

Hanna Lemke und ich stehen in Leipzig am Stand und wissen auf einmal nicht, wo zuerst nachzufragen ist. „Wo kann ich lesen?“ – „Überall“. Wahrscheinlich wird es das „Beatz & Kekse“, wo der Autor im hinteren Eck tangential zu den Zuschauern linker und rechter Seite sitzt, wie belagert. Wo danach Indiemusik aufgelegt werden kann, Reggae-Dub, Big Beats, Drum & Base. Wo die Betreiber im gleichen Haus wohnen und die Literatur in eine nächtelange Party übergeht, wenn sie das nicht sowieso längt ist: Eine große, leuchtende Party. Grandios.

Dieser Text ist eine Langfassung des Artikels aus dem Heft zur „Wuppertaler Literatur Biennale 2012“. Lesen werden internationale und lokale Autoren, wie: Chalid Al-Chamissi (Ägypten), Samar Yazbek (Syrien), Herta Müller, Margriet de Moor (Niederlande), Christoph Ransmayr (Österreich), Abbas Khider (Irak), John von Düffel, Artur Becker und Dariusz Muszer (Polen)

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