Rezension: Battle in den Bergen

Sara Gmuer, Schauspielerin und Ex-Model aus Locarno erzählt in ihrem Debütroman „Karizma“ eine Geschichte aus der HipHop-Szene. Ihre Heldin Victoria, selbst ehemaliges Mannequin, verliebt sich in den Rapper Said – der eines Nachts im Meer verschwindet. Ist er tot? Victoria sucht ihren Liebhaber, jedoch nicht im Wasser, sondern im Rap: Sie nimmt selber erste Rapsongs auf und avanciert zum Szenestar. 

HipHop und Literatur – bei beiden Kunstformen steht die Sprache im Vordergrund. Dennoch gibt es wenige gelungene Beispiele für HipHop als Thema in der Literatur. Am ehesten ist das in Deutschland Slam-Poetin Fiva gelungen, die 2004 mit ihrem Team „Tha Boyz with tha Girlz in Tha Back“ bei den Deutschen Slam-Meisterschaften abräumte. 2005 tourte sie mit Fettes Brot.  Das passt. Aus Polen begeisterte Dorota Masłowska 2005 mit ihrem komplett in Rap-Reimen verfassten Roman „Die Reiherkönigin“ und Pulitzer-Preisträger Junot Díaz wurde 2008 für sein Debüt „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ mit Kanye West verglichen. Wesentlich größer ist die Reihe nicht, selbst „Summsemann“ Sebastian Polmans scheute den Rap in seinem Suhrkamp-Debüt „Junge“ (Herbst 2011).

Die Schweizerin Sara Gmuer, Ex-Model und Schauspielerin(„Männersache“, „Im Angesicht des Verbrechens„) wagt sich weiter hervor. Als sie 1995 den französischen Spielfilm „Hass“ im Kino sah, verliebte sie sich in den Hauptdarsteller Vincent Cassell. Fortan gab sie ihre komplette Kohle für Rap-Platten aus. Nun kommt ihr erster Roman, der anfangs erzählt von der Liebe zwischen dem Ex-Model Victoria und dem Rapper Said.

Ich rauchte und wartete. Mir hätten Zigaretten, italienisches Fernsehen und paar Aufträge gereicht, doch keiner buchte mich mehr, die Pariser Schauen fanden ohne mich statt, und auch die Mailänder riefen zur Modewoche nicht an.“- Gerade mal 23 Jahre jung ist das Model Victoria – doch sie gehört bereits zum alten Eisen. Die ausgemusterte Heldin muss sich gleich zu Beginn mit dem Verlust ihrer einst geliebten Profession abfinden. Niemand will sie mehr auf dem Laufsteg sehen. Und dieser erste Verlust steht exemplarisch für die bald einsetzte Liebesgeschichte zwischen der traurigen Victoria und einem erfolgreichen Rapper. Said nennt sich dieser Mann, der sehr viel über Frauen rappt. Allerdings verwendet er hierfür nicht den demütigenden Ghetto-Slang, amerikanischer Großmaulmusiker. Saids Raps haben einen überaus schmeichelhaften Stil, erzählen von Engeln in Allahs Himmel. Said wirkt auf Victoria wie ein moderner Minnesänger. Sie ist von der ersten Zeile an hingerissen: „Ich wusste nicht, wer er ist, ich wusste gar nichts, wusste nur, dieser Mann macht mit mir, was er will, aber mit so einer sanften Entschlossenheit, dass ich vor Glück fast starb.“

Victorias Welt öffnet sich. Sie wird glücklich. Die Beziehung zu ihrem geliebten Rapper gelingt. Said bezieht Victroia komplett in sein Leben als Rapper ein. Er gibt ihr Sicherheit, sagt, dass er ein Kind von ihr haben will. So viel Bestätigung lässt Victoria gelassen auf ihre Vergangenheit als Model blicken, selbst als sie eine frühere Kollegin trifft: „Ich kannte sie von früher, selbe Agentur und so. Voll das Model, aber nicht die Sorte Mädchen hübsch und vernünftig, zuerst mal Abi machen und es dann als Model versuchen Bei so was schlaf ich ein. Mann kann ja auch nicht sagen: ich mach mal Abi und dann versuch ich es als Rockstar.“

© kikephotography.com

 

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Das hat Kraft. Das ist ein sehr eigener, sehr sprachgewaltiger Blick. Victorias Blick auf die Welt hat sich gedreht. Ihre Sprache strotz in ihrer brillanten Bildhaftigkeit. Ihr Leben könnte wunderbar sein. Doch dann geschieht eines Nachts die alles zerstörende Katastrophe. Nach einem Konzert in Spanien feiert die Crew am Strand. In der Dunkelheit, es ist Schwarz um sie, spielen die Freunde Fangen. Victoria lacht. Sie lacht, bis sie merkt, dass Said verschwunden ist. Er wurde verschluckt – vom Mittelmeer. Said ist unauffindbar. Sie wird ihren Geliebten nie wieder sehen. „Ich musste zwei Wochen in Spanien bleiben. Dann durfte ich nach Hause, sagten sie. Doch mein Zuhause war weg. Berlin war mir fremder als je zuvor. Meine Adresse nur eine Straße. Ich verlief mich in meiner eigenen Wohnung. Ich funktionierte nicht mehr, war nur noch Wut und Trauer und atmete bloß aus Hoffnung, dass Said eines Tages mit einem breiten Grinsen wieder vor mir stehen würde. Ich redete mit ihm, suchte ihn nachts in meinem Bett und traf ihn in meinen Träumen wieder.“

Mithilfe von Saids zurückgelassenen Freunden verarbeitet Victoria ihren Schmerz. Sie sucht ihren verschollenen Freund aber nicht nur nachts – sondern irgendwann dort, wo Saids Verve am ehesten nachzuspüren ist: In der Musik. Victoria wird Rapperin, eine höchst erfolgreiche sogar. Sie wird ein Medienstar – allerdings der traurigste Star, den man sich vorstellen kann. Sie lebt Saids Leben nach, unter neuen, unter weiblichen Vorzeichen. Es wird, soviel kann verraten werden, keine Rettungsaktion: „Das letzte was ich seh, ist Beton. Das letzte was ich denke ist – wenigstens hab ich den Fiat genommen.“

Selbst in tiefster Trauer, im Moment des Sterbens behält diese Frau ihren Witz, ihre Sprache. Und Victorias Sprache ist das Einzige was übrigbleiben wird, in diesem souverän geschriebenen Debüt von Sara Gmuer aus Locarno. Es ist ein Rap-Roman, der die Sprache als Ereignis abfeiert. Es ist ein Rap-Roman, der gekonnt aus der Szene erzählt – ohne die Literatur an diese Szene zu verkaufen. Karizma ist manchmal unbeschreiblich laut. Karizma ist smart. Hat swag.

Sara Gmuer: „Karizma“, Orange Press, 224 Seiten, 16,90 Euro

 Karizma – WDR 5

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