Rezension: Der ostfriesische Götterbote

Mit “Der Traumhüter“ wurde Ronald Reng, der deutsche Fußballreporter aus Frankfurt, bekannt. Gerade erscheint sein neuer Roman und verspricht einen Charakter, der in England eigentlich undenkbar ist: “The funny German“.

“Ich hatte in vier Jahren in England noch nie Ressentiments gespürt, im Gegenteil: Andere Einwanderer strengten sich an, englischer als die Engländer zu werden, um sich zu integrieren, ich dagegen war in England der Deutsche geworden und so besser als die meisten Immigranten aufgenommen worden. Der deutsche Fenstermann, der deutsche Komiker, deutsche Fenster, deutsche Humorlosigkeit, deutsche Effizienz, deutsche Nazis: ich verkaufte, ohne je danach gestrebt zu haben, das Beste und das Schlechteste, was die Engländer an uns fanden.“ Andreas “Andy“ Merkel kommt aus Emden, wie Otto Waalkes, und sein Name erinnert bestimmt nicht zufällig an unsere Bundeskanzlerin. Tagsüber arbeitet er als Fenstermonteur in London, und abends Bühnenkomiker. Seine Freundin ist jung, wunderschön, prinzipientreu und klug. Alles läuft großartig. Bis zu einem unheilvollen Novembertag.

Auf dem Weg nach Hause geht er noch einmal die Witze fürs Comedyprogramm durch: “Handys. Das Wichtigste im Leben: Mein Handy könnte klingeln. Überall sieht man die Typen, die den ganzen Tag mit dem Freisprechknopf im Ohr herumlaufen. Als müssten sie jederzeit bereit für einen Anruf sein. Also, die bekommen vielleicht fünf Anrufe am Tag. Ich laufe doch auch nicht den ganzen Tag mit Messer und Gabel herum, weil ich fünfmal am Tag esse. Oder lasse den ganzen Tag meinen Penis aus der Hose hängen, weil ich fünfmal am Tag auf Toilette muss.“ Er lacht über sich selbst. Er hört laut Popmusik in dem geliehenen Auto. Er fährt durch diesiges, britisches Herbstwetter. Und plötzlich gibt es diesen Knall. Er bremst. Steigt aus. Sein Leben wird ab sofort unterteilt in alles, was vorher geschah und was dann passiert.

Andreas hat einen 13-jährigen Jungen überfahren. Eigentlich trifft ihn keine Schuld. Andreas war nicht betrunken. Andreas hatte Vorfahrt. Aber das ändert nichts an dieser Tragödie. Als die Zeitungen Wund von der Geschichte bekommen, wird er als der “Komiker, der nicht mehr lachen kann“, verkauft. Das führt bei seinen Comedy-Konkurrenten zu einer paradoxen Situation, die so ähnlich dem amerikanischen Komiker Andy Kaufmann passierte, als er todkrank war – niemand glaubt Andreas, hält die Geschichte für einen PR-Gag. Aber sie wird sein Alptraum, spätestens ab dem Augenblick, als die Mutter des getöteten Jungen bei einer seiner Comedy-Shows auftaucht und Andreas schon bald mit einer fürchterlichen Wahrheit konfrontiert.

“The funny German“ erzählt von einem Typ, der seit einiger Zeit durch die Medien geistert, nämlich vom deutsche Komiker im selbstgewählten Exil. Das fing an mit dem Wuppertaler Steffen Möller, der in Polen als Soap- und Comedystar verehrt wird. Und das geht weiter mit Leuten wie Roman Schatz aus Überlingen, der in Finnland bahnbrechende Erfolge als TV-Moderator, Schauspieler und Schriftsteller (”Der König von Helsinki“) feiert. Davon abgesehen ist “The funny German“, gewählt auf die renommierte SWR-Bestenliste, eine Liebeserklärung an die Pubszene Londons und natürlich an den britischen Humor: “Schlagzeuger sind schlimmer als Torhüter. Torhüter sind Fußballer, die kein Fußball spielen können. Schlagzeuger sind Musiker, die kein Musikinstrument spielen können.“ Dieses Nebeneinander von Schrecken und Witz, von Hell und Dunkel, von Tiefsinn und Klamauk glückt selten. “The funny German“ ist so ein Ausnahmefall.

Ronald Reng wurde einer größeren Leserschaft bekannt durch sein Buch “Der Traumhüter“, das die märchenhafte Karriere des Torwarts Lars Leese beschreibt, von der Kreisliga über die Premier League zurück in die Oberliga. 2007. “Der Traumhüter“ wurde in England mit dem “Sport Books Award“ ausgezeichnetet. Ronald Reng las außerdem bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Nach seiner Zeit als Sportjournalist in London (1996-2001) ging der gebürtige Frankfurter nach Barcelona, wo er unterm anderem für die taz und die Süddeutsche Zeitung hauptsächlich über Fußball, aber auch über Randsportarten wie Frauen-Hockey und Herren-Tennis berichtet. “The funny German“ ist sein fünftes Buch. Im Herbst 2010 erscheint von ihm “Robert Enke: Die Angst des Tormanns und das Leben“ bei Piper. Der Mann hat sein Feld bestellt.

Ronald Reng: “The funny German“, KiWi, 316 Seiten, 9,95 Euro

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