Rezension: Die Erlöser AG

Sieht so unsere Zukunft aus, wenn Goose, Klaxons, Simian Mobile Disco und Justin Timberlake endgültig ins Oldieprogramm abgestiegen sind, wenn erstmals mehr 90- als 20-Jährige in Deutschland leben? Werden auf den Straßen Berlins verwirrte Senioren verenden, erfrieren, verlassen zwischen den Rollstühlen taumeln? Kann man sich Altenpflegeghettos vorstellen, wo Hunderttausende ein maschinenverlängertes Restleben fristen? Wie sieht diese pflegebedürftige Welt aus? Harte Fragen. Aber wer möchte schon im Sonnenschein über die dunkle Zukunft sinnieren, während New-Rave-Klänge im Hintergrund fiepen und die Erinnerungen an Festivals, Meeresrauschen, Zeltplatzabende hängen? Björn Kern will uns augenscheinlich in die Parade fahren. Nun, wer so gut schreiben kann, der darf das auch.

„Die Erlöser AG“ formiert sich, nachdem im Roman Paragraph 216 abgeschafft worden ist. Tötung auf Verlangen wird nicht mehr strafrechtlich verfolgt. Heute, im Jahr 2007, ist das noch verboten und kann mit bis zu fünf Jahren Gefängnis geahndet werden. Aber in der Geschichte brechen die letzten Dämme, auf Ethikkommissionen mag keiner hören. Gott wohnt woanders. Kein Arzt wird in diesem düsteren Roman juristisch verfolgt, weil er einem alten, hilflosen Menschen den Todescocktail mixt und ihn „auf Verlangen“ mit zwei Ampullen ins Jenseits spritzt.

Karrierejournalist Paul Kungebein, eine „Mensch gewordene Mischung aus Ehrgeiz und Einsamkeit“, schließt sich mit Hendrik Miller zusammen, einem leicht manischen Oberarzt der Berliner Charité. Not macht bekanntlich erfinderisch, auch wenn es die Not der anderen ist. Sie gründen das Sterbeunternehmen AMK, offerieren gegen teures Geld „Hilfe für die letzten Stunden“ und bewerben ihre Dienste mit großen Anzeigen. Dann passiert erstmal nichts. Das kuriose Duo wartet auf Kunden, die natürlich keine Kunden, sondern zynisch „Patienten“ genannt werden sollen.

Die Dämme sind gebrochen, aber die Flutwelle lässt noch auf sich warten. Das Horrorszenario nimmt erst dann seinen Lauf, als die Hundertjährige Elsa Lindström verzweifelt zum Telefon greift und ihren Tod bestellt…
Dieser Roman ist großartig, weil Björn Kern auf übertriebende Effekte verzichtet. Seine Fragen nach menschenwürdigem Leben, nach einem menschenwürdigen Tod sind wahrhaftig. Hier wollte niemand einen Bestseller für die eigene Karriere basteln. Björn Kern hat selbst in einem psychiatrischen Pflegeheim gearbeitet und konzentriert sich in „Die Erlöser AG“ auf das Leid kranker, alter, hilfloser Menschen – und deren Angehörigen.

Paul Kungenbein wirkt vordergründig wie ein gewissenloser Yuppie, pflegt jedoch daheim, im Verborgenen, seinen dementen Vater. Hendrik Miller arbeitet, was erst später deutlich wird, kostenlos für das Sterbeunternehmen und glaubt, helfen zu können, indem er Menschen, indem er Kranke tötet. Hendrik Miller möchte erlösen und denkt bereits weiter, an jene, die ihre Todessehnsucht nicht mehr artikulieren können. Nicht aus dem Bösen, aus dem Guten entwickelt sich hier das Unfassbare.

Björn Kern: „Die Erlöser AG“, C.H. Beck, 272 Seiten, 17,90 Euro

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