Rezension: Das Wörter-Kamasutra

Der neue Roman von Wolf Haas schreibt sich die „Verteidigung der Missionarsstellung“ auf die Fahnen. Das klingt entweder anzüglich oder bieder – kommt darauf an, wie verschämt man ist. Doch was steckt tatsächlich hinter diesem Titel? 

„Ein Arzt kann sich vielleicht selbst operieren. Aber nicht ein Arzt in Vollnarkose.“ Da sind sie wieder, die altklugen, sprachverliebten Manöver, die Wolf Hass‘ Romane seit Jahren schmücken. Oft haben sich seine Helden in Logikspielchen verheddert, immer ein bisschen tollpatschig, wie Halbindianer Benjamin Lee Baumgartner, der im neuen Buch sehr viele Flirteinfälle hat, um etliche Damen in seine Arme zu quatschen.

Die „Verteidigung der Missionarsstellung“ erzählt von der Liebeskarriere eines jungen Mannes. In London fängt 1988 alles an, mit einer Imbissverkäuferin, die auf keinen Fall ihren Namen sagen soll: „Ich finde, wenn man den Namen von einem Menschen weiß, ist der Zauber schon zerstört.“ Das hat viel mit Rumpelstilzchen gemeinsam, das sich mitten entzwei zerreisst, nachdem die Müllerstochter seine Namen gesagt hat. Dass Märchenweisheiten aufs Kennenlernen übertragen werden können ist neu – oder wer warf jemals seine geliebte Amphibie an die Wand, auf dass aus ihr ein Prinz wurde?

Aber Wolf Haas dreht den Spieß mehrmals um, nicht nur hier, denn eigentlich beginnen Partnerschaften doch mit der Frage nach dem Namen des anderen. Aber im Roman spielt das Liebesleben verrückt. Mal mehr. Mal weniger. Dass Benjamin nach jedem Flirt unter einer bizarren Krankheit leidet, ist noch verständlich. In London ist es BSE, in China die Vogelgrippe, drei Jahre später ist er das erste registrierte Opfer der Schweinegrippe. Verliebte sind selten gesund, nicht umsonst gibt es das Wort „liebeskrank“. BSE, Vogel- und Schweinegrippe gehen als Metaphern durch. Aber wie verhält es sich mit Szenen, die „albern wie Kinderlulu“ sind?

An einer Stelle bedauert Benjamin, „dass Google noch nicht erfunden ist“, denn dann stünde er sogar Ende der 80er mit einer Antwort da. Ein Ring wird verkauft, weil der Verliebte Geld fürs Candle-Light-Dinner braucht – normalerweise werden Ringe angelegt, wenn es ans Eingemachte geht. Dann redet das frische Paar aneinander vorbei, weil der Unterschied zwischen Gevögel und Geflügel unklar ist. Zudem schaltet sich Wolf Haas als Autor ein, der die Story umschreibt, Kapitel löscht, mit Zeiten spielt, und sich überhaupt absolut chaotisch aufführt.

Die „Verteidigung des Missionarsstellung“ ist kein Roman, der eine Geschichte schön geordnet von Anfang bis Ende erzählt, selbst die Verteidigung ist kein Plädoyer, sondern nur ein pseudoromantisches Gedicht an Benjamins Wand. Die Figuren tänzeln umeinander, das Layout variiert. Es gibt Seiten, die nur ein Wort, nur einen Satz zeigen, den Satz dann auch noch diagonal gestellt, sodass man querlesen muss. Manche Szenen werden in ganz vielen Varianten hintereinander gedruckt, jeder Satz bietet die Möglichkeit entweder in die eine, oder in die andere Richtung abzubiegen.

Hier erinnert der Roman an Tom Tykwers „Lola rennt“ oder Woody Allens „Melinda und Melinda„. Layoutspiele gab es zuletzt in Mark Z. Danielewskis Horrorwälzer „Das Haus. House of Leaves“ und Jan Brandts Ostfrieslandepos „Gegen die Welt„. Ein neuer Trend? Papierbücher müssen sich 2012 gegen Internetseiten, E-Reader, multimediale Geschichten durchsetzen. Die Zeiten, in denen ein Leser seinen Text vorgesetzt bekommen wollte wie das Kleinkind seinen Haferbrei, sind vorbei. Mit der „Verteidigung der Missonarsstellung“ kann jeder selbst entscheiden, ob er lieber den bequemen oder den interaktiven Weg gehen mag. Das Grandiose an diesem Buch ist, dass beide Seiten mit der „Verteidigung der Missionarsstellung“ ihre reine Freude haben werden.

Wolf Haas: „Verteidigung der Missionarsstellung“, Hoffmann & Campe, 224 Seiten, 19,90 Euro

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