Linkradar: Pumuckl, Karasek, Uta Niederstraßer, Inside/Out

Jüngere Internetnutzer müssen am heutigen Morgen gedacht haben, der freundliche Mann von der IKEA-Werbung sei verstorben. Ältere Semester und frühe Fans des Literarischen Quartetts wissen freilich, dass kein Geringerer als Hellmuth Karasek, mehr als zwanzig Jahre Leiter des SPIEGEL-Kulturresorts, den großen Kollegen Marcel Reich-Ranicki († 2013) und Fritz J. Raddatz († 2015) gefolgt ist. Die BILD hat in den ersten Morgenstunden noch den Tod des „Literatur-Papstes“ vermeldet, bis irgendwem aufgefallen ist, dass es mit Marcel Reich-Ranicki nur einen Literaturpapst geben kann, selbst nach dessen Tod. So hieß es ab kurz nach halb acht: „Trauer um Literatur-Genie“ (inzwischen ergänzt um den Satz: „Die Buchmesse wird trauern – aber auch lächeln über den geliebten Literatur-Dino.„) Alte Recken bekommen gute Presse: „Seinen letzten Text schrieb er für BILD.Dummerweise schreibt Kai Diekmann dann auch noch in seinem Tweet den Vornamen Karaseks falsch. Wenige Tage zuvor war #Pumuckl Trending Topic bei Twitter, nachdem der Tod von Ellis Kaut bekannt geworden ist, Erfinderin sowohl des kleinen Kobolds als auch des kaum größeren Schlupp vom grünen Stern. Stilles Gedenken an eine große Kinderbuchautorin. Um diesen Anriss hoffnungsfroh enden zu lassen: Eine großartige Idee hatte dieser hier von der Süddeutschen Zeitung vorgestellte Grafiker und Videoproduzent, der die kuriosen Ermahnungen, die er als mehrfacher Familienvater tagtäglich ausspricht in einem drolligen Bilderbuch archiviert hat („We do not throw tuna at spiders“).

Setz-cover-42495#1000SeitenSetz: „Wir werfen nicht mit Thunfisch nach Spinnen.“ Sätze wie diese könnten durchaus auch in „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“, dem neuen Roman von Clemens Setz auftauchen. Seit nunmehr zwei Wochen wird auf allen Kanälen über dieses opulente, schwer begehbare, über dieses eigentlich für den deutschen Buchpreis bestens geeignete Werk debattiert. Auf Twitter wird mit dem Hashtag #1000SeitenSetz verlinkt, im Blog „Frau und Gitarre“ parallel zum Social Reading bei Sobooks berichtet. Es wird eine Diskussion mit Autor Setz, Organisator Guido Graf und Daniel Acksteiner von Suhrkamp auf der Frankfurter Buchmesse geben, später mein Seminar an der Uni Düsseldorf. Jan Wiele startet in seiner zwischen Begeisterung, Langeweile und Ekel changierenden F.A.Z.-Besprechung mit einem vergifteten Lob: „Diesen Roman zu lesen ist eine Qual, das muss man so sagen. Aber das heißt nicht, dass es sich nicht lohnt.“

ReqAllein aufgrund dieses Absatzes lohnt sich der Text von Wiele: „Und wenn man gerade denkt, der Autor habe sich Quatsch ausgedacht wie zum Beispiel bei der Abkürzung ASMR für „Autonomous Sensory Meridian Response“, eine Art Gehirnsex, aber zur Sicherheit noch mal nachschaut, dann kommt man auch eingedenk des alten Diktums von Philip Roth ins Staunen, dass die Wirklichkeit verrückter ist als jede Fiktion: Denn tatsächlich gibt es im Netz ASMR-Videos, in denen etwa eine russische Amerikanerin mit den Fingern durch eine Haarbürste geht und eine Duftkerze beschwört, und das schauen sich zwölf Millionen Menschen an und schreiben darunter: Oh, mein Gott, danke für diese außergewöhnliche Erfahrung!“ Das Bild ist vom YouTube-Kanal ASMRrequests.

FotoUtaNiederstrasserDer Berlin Verlag kommt nicht zur Ruhe, trotz der Shortlist-Nominierung zum Deutschen Buchpreis für Inger-Maria Mahlke und obwohl „Schmerz“ von Zeruya Shalev aktuell erfolgreich ist. Um die Rentabilitäsvorstellungen der Bonnier-Gruppe erfüllen zu können (die Schweden hatten den Verlag 2012 übernommen) wird eine der wichtigsten Stellen eingespart. Pressesprecherin Uta Niederstraßer geht. Eine Nachfolge gibt es nicht. Nur, wie soll ein literarischer Verlag, der seine Bücher hauptsächlich über PR verkauft ohne eine hinreichend große Abteilung überleben? Anders als die großen Häuser wie Heyne oder Bastei-Lübbe können kleinere, eben nicht auf den Massenmarkt ausgerichtete Verlage kaum Werbung schalten oder – eingebunden in große Vertriebsstrukturen – davon ausgehen, dass man in die Fläche hinein auch die kleinen, literarischen Buchhandlungen betreut.

51tP4uUrI8L._SX383_BO1,204,203,200_Mach’s doch selbst: Wundert es da noch, wenn sich Bestsellerautoren von den Verlagen abwenden und ihr eigenes Ding machen – wie zuletzt Cornelia Funke? Die ohnehin empfehlenswerte Seite „Selfpublisherbibel“ berichtet über Funkes Plan, ihre Bücher in den USA und Großbritannien selbst zu verlegen: „Die Entscheidung fiel, wie Publishers Weekly berichtet, offenbar nach inhaltlichen Diskussionen mit dem Lektorat ihres US-Verlags Little, Brown (gehört zur weltweiten Hachette-Gruppe). Funke gründete demnach ihren eigenen Verlag „Breathing Books“ gemeinsam mit der in Los Angeles angesiedelten Multimedia-Firma Mirada Studios. In Funkes Eigen-Verlag sollen in Zukunft maximal zwei bis vier Bücher pro Jahr erscheinen, dazu Apps aus den Welten der Funke-Titel.“

Pausenvideo

Ludwig Wittgenstein stellte einst fest, dass „die Welt des Glücklichen eine andere ist als die des Unglücklichen.“ Jeder hat mal einen schlechten Tag: und kaum etwas kann einen erfreuen. Wir fühlen uns nicht gut. Ist dieses Fühlen auch eine philosophisch relevante Kategorie? Morgen läuft der Trickfilm „Die Welt steht Kopf“ in den deutschen Kinos an. Er beschäftigt sich mit den wechselhaften Innenleben eines 11-jährigen Mädchens – und er behauptet, dass wir alle von Gefühlen gesteuert sind. Dazu habe ich diesen Beitrag für die Sendung „Sein und Streit“ in Deutschlandradio Kultur produziert; über Ekel, Angst und den Radikalen Konstruktivismus. Passende Lektüre gibt es auch, mit dem Sammelband „Philosophie der Gefühle“, herausgegeben von Sabine A. Döring, Suhrkamp, 590 Seiten, 22 Euro und „Die Empathie-Tests – Über Einfühlung und das Leiden anderer“ von Leslie Jamison, gerade erschienen bei Hanser Berlin, 334 Seiten, 21,90 Euro. Hier geht es zum Deutschlandradio Kultur-Beitrag.

Konsuminventur

CameraCamera Restricta: Im 3-D-Drucker wurde eine Kamera entworfen, die nur jene Aufnahmen von Landschaften zulässt, die nicht zu oft von anderen fotografiert worden sind (quasi als bildliche Variante der leider nicht durchgesetzen „Amen“-App). Ähnliches wünscht man sich für die Popmusik, deren Dauer-Wiederholung kaum noch mit dem Schlagwort „Intermedialität“ gerechtfertigt werden kann. Warum nun also die Camera Restricta? Fotos sind Massenkonsumgüter und selbst Walter Benjamin hätte sich kaum ausmalen können, dass seine Überlegungen über „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ dank Instagram und iPhone auf derart hypertrophe Weise  übertroffen werden würden. Kaufen muss man diese Kamera nicht. Die Idee dahinter im Kopf zu behalten reicht.

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  1. Linkradar: VG Wort-Debatte, Podcasts, ein neues Plagiat – Lesen mit Links

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