Linkradar: Katzenberger kommt, Social Reading, Heidegger und Adult-Dreams

Kommende Woche beginnt die Buchmesse in Frankfurt – und „Lesen mit Links“ wird berichten, vom KlettCotta-Abendessen mit Judith Holofernes am Dienstagabend, vom Kritikerempfang bei Suhrkamp am Mittwoch in der Villa Unseld, von vielen, bereits bestätigten Interviews mit Ilija Trojanow, Adam Soboczynski und Nora Gomringer von Orbanism, B-Promis (siehe unten) und dem Versuch, Kiepenheuer & Witsch „das schönste Buch der Welt“ zu klauen. Das Beitragsbild oben ist aus einer Werbekampagne, die NEW! aus Vilnius für den Mint Vinetu-Buchladen produziert hat: Ernest Hemingway, Mark Twain und William Shakespeare als Baby. Chic.

Daniela KatzenbergerB-Promis sind das Salz in der Poetenbrühe einer Buchmesse. Während  Großschriftsteller beim Apéro Sekt abgreifen und der Feuilletonweisheit letzter Schluss rezitieren irrlichtert eine eher Buchstaben ferne Klientel zwischen den Gängen und preisen auf Podien ihre neuesten (Ghostwirting-)produkte, wie in diesem Jahr Ex-VIVA-Sternchen Enie van de Meiklokjes mit „HANDMADE mit Enie – Das große Kreativbuch“, Comedy-YouTuber Jonas Ems mit „Peinlich für die Welt“, Sängerin Maite Kelly mit ihrem „Hummel Bommel“-Bilderbuch und Supernase Mike Krüger mit „Mein Gott Walther – das Leben ist oft Plan B“. Auch Daniela Katzenberger (Bild: Wikipedia), in den vergangenen Monaten vor allem für ihren Babybauch bekannt, gibt sich am Sonntag die Ehre und präsentiert: „Eine Tussi wird Mama“. Mehr über die Messe gibt es in einem kompletten, KiWi absichtlich nicht kopierenden A-Z in der nächste Woche erscheinenden Ausgabe von der Freitag.

12144758_908650942515487_7230404518496965188_nWallanders Erfinder ist tot: Der schwedische Schriftsteller starb in dieser Woche an Krebs. Über seine Krankheit führte Mankell in Tagebuch – den letzten Eintrag gibt es hier. Die Woche fing nicht gut für den Hanser-Verlag an. Ein wenig Trost mag sein, dass ein alter Satz leicht verändert mal wieder wahr geworden ist: „Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen die Deutschen. – Literatur-Nobelpreis ist, wenn am Ende jemand von Hanser gewinnt.“ Ausgezeichnet wurde bereits an diesem Donnerstag (also nicht wie sonst zur Buchmesse) die weißrussische Journalistin und Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch. Leer ausgegangen ist mal wieder Haruki Murakami – sein deutscher Verlag Dumont hatte die richtige Antwort auf die Malaise (Bild links).

Marketinginstrument, Quasselbude oder Spielplatz für Trolle? Gemeinsam, unter organisiertem Dach zu lesen geht ganz gut mit solchen Social-Reading-Formaten, die allen erlauben, den Text live zu kommentieren – und bestenfalls dann auch noch die Kommentare der anderen zu kommentieren. Das kann mehr sein als eine Werbeaktion von Verlagen, sondern auch intellektuell anspruchsvolle Praxis. „Goodreads und lovelybooks repräsentieren in Bezug auf Social Reading etwas vollkommen anderes als das, was bei Sobooks oder log.os eine Rolle spielt“, sagt Guido Graf, Initiator des Social-Reading-Projekts zu Clemens Setz in diesem Interview. „Bei den großen Communities geht es darum zu zeigen, was man gelesen hat, es geht um Ranking und um Empfehlungen. Die andere Variante, die mir tatsächlich eher die Bezeichnung Social Reading verdient, ist näher am Text, bzw. geht vom Text aus, in ihn hinein, kommentiert, diskutiert. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Perspektiven.“

Pausenvideo

„Was wird von der Philosophie Heideggers bleiben?“ Das fragt Raimund Herder in diesem Video Philosoph Peter Trawny, (hier im Blog). Für der Freitag sprach ich mit dem Wuppertal über sein neues Buch „Technik Kapital Medium“  und über unsere Welt, in der die Sorge um die Lebensversicherung das Seelenheil ersetzt.

Konsuminventur

18bffb56-eba4-4dd2-a9ce-3f1c13b2fd29-881x1020Weißwein und Ottomane: Der gute Riesling und das elegante Sitzmöbel sind laut dieses schönen Guardian-Artikels klassische Konsumgüter, die uns als Erwachsene glücklich machen. Das passt zum Trawny-Buch und klingt gleichzeitig ein wenig nach den ersten Minuten von Fightclub: „Now I am an adult-aged person. I live in an apartment, and I have a lot of the things I used to daydream about having: a full-sized broom and dustpan; forks; shelves of mysterious spices with dubious purposes. (The purpose of most of my spices is to make it look like I use a lot of spices. Really, I only use cayenne pepper, regular pepper, and the cheap hot curry powder in a cellophane bag from the Middle Eastern market.)“

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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