VIER x Kurze Reiselektüre

In zwei Tagen eröffnet die Frankfurter Buchmesse und bis dahin ist wenig Zeit, um viel zu lesen – deshalb stelle ich hier vier kurze Bücher als Reiselektüre vor – ein Best of der vergangenen Tage: die Miniaturen von Clara Ehrenwerth, ein Bilderbuch von Volandt & Quist, „Sieben kurze Lektionen über Physik“ und eine erholsame Erzählung von Christoph H. Winter.

absagen_200EINS Mit einem sehr sehr kurzen Debüt begeisterte die 1987 geborene Clara Ehrenwerth aus Hildesheim vor wenigen Jahren. Ihre vier Geschichten unter dem Titel „Absagen“, kommen auf vier bunten Faltbögen, zusammengehalten von einem Gummiband, das man sich in den Haaren einer verträumten Leserin vorstellen kann. Allein in der Buchhandlung wird es dieses Literaturkunstprojekt schwer haben, ohne Buchrücken, ganz schmal und dünn. Vier Bögen – das sind vier sehr poetische Geschichten über Paris („nicht wegen der Romantik, das ergab sich so!“), das Meer („was mit Hitler gibt es hier auch“), langweilige Lover („Du hast es mal versucht, und das ist ja auch ok“) und „Die Tiere in meinem Bett“. Schönes Geschenk für die beste Freundin.

Die härteste Absage bekommt ein One-Night-Stand ins Gesicht geschrieen: „Nur weil du mich mal berührt hast, in irgendeiner schlammigen Nacht, und ich mitgemacht habe, ja, es gefiel mir für den Moment vielleicht sogar, aber zwischen den Küssen war es so greifbar langweilig, vielleicht habe ich sogar kurz geschlafen, Ingeborg-Bachmann-like mit der brennenden Zigarette in der Hand, Kompromisslosigkeit ist nicht umsonst mein vierter Vorname. Ein aufbewahrungswürdiger Moment, wie du sagtest: Dubistsoweichduriechstsogutdubistwie-ichweißnichtweiter, und ich, ich wusste noch nicht einmal, ob man Dich mit C oder mit K schreibt.“ (Nie war ich glücklicher, Jan zu heissen). – Süße Medizin gegen melancholische Herbsttage. (Clara Ehrenwerth: „Absagen“, Edition Azur, 36 Seiten, 6 Euro)

978-3-498-05804-3ZWEI „Hier, an den Grenzen unseres Wissens, wo sich das Meer unseres Nichtwissens vor uns auftut, leuchten das Geheimnis der Welt, die Schönheit der Welt, und es verschlägt uns den Atem.“ Mit diesen poetischen Worten beschließt Carlo Rovelli, Professor für Theoretische Physik an der Universität Marseille, seinen kurzen Band über sieben große Erklärungsversuche seiner Disziplin. Seine Ausführungen begeistern nicht nur, weil er auf anspruchsvolle Weise Einblicke in die Quantenmechanik, Einsteins Relativitätstheorie oder Schwarze Löcher gibt. Ausschlaggebend ist, dass er vergleichbar mit dem Evergreen „Gödel, Escher, Bach“ von Douglas R. Hofstadter kulturellen Mustern naturwissenschaftliche Modelle gegenüberstellt, um noch einmal daran zu erinnern, dass unsere Welt keinesfalls mathematisch, sondern vielmehr mathematisiert ist.

Zugleich verdeutlicht er, in welcher Weise auch die Physik der Schönheit einen Wert zuschreibt: „Es gibt vollkommene Meisterwerke, die uns tief berühren, Mozarts ‚Requiem‘, die ‚Odyssee‘, die Sixtinische Kapelle, ‚König Lear‘ … Sie in all ihrem Glanz zu erfassen, mag eine entsprechende Ausbildung voraussetzen. Doch der Lohn ist Schönheit pur. Und nicht nur das: Auch ein neuer Blick auf die Welt tut sich vor unseren Augen auf. Eines dieser Meisterwerke ist die Allgemeine Relativitätstheorie, das Juwel von Albert Einstein.“ Rovelli erklärt die Widersprüche, die zwischen Einsteins Berechnungen, Heisenbergs Unschärferelation und Niels Bohr Bohrs Quantenmechanik besteht – denn es gehört durchaus zum Faszinosum der Physik, dass viele Beobachtungen des 20. Jahrhunderts als Modell unserer Welt „passen“, ohne dabei alleinige Gültigkeit zu besitzen. Es gibt eben nicht nur die eine Wahrheit. Die Architektur des Kosmos bleibt rätselhaft. Wer es einfach haben will, der nimmt zur Erklärung Gott (irgendeinen). Wer über den Geist verfügt, der „Schönheit der Mathematik“ folgen zu können, der wagt sich darüber hinaus. Rovellis Buch könnte für Zweiteres ein gelungener Einstieg sein. (Carlo Rovelli: „Sieben kurze Lektionen über Physik“, übersetzt von Sigrid Vagt, Rowohlt, 94 Seiten, 10 Euro)

91d-duM+9eLDREI Nonchalant als „Bilderbuch für Erwachsene“ wird dieses fiktive Selbstoptimierungsprojekt einer unzufriedenen Frau präsentiert. Es beginnt mit dem trügerischen Satz: „Ich Grossen und Ganzen bin ich eigentlich recht zufrieden mit mir!“ Doch dann kommt das „Nip/Tuck-Business“ zum Zuge, bis die bedauernswerte Heldin einem Botox-Monster gleicht. Anna Mateurs Bilder verbinden Tim-Burton-Humor mit feministischen Statements, über die auch Männer lachen können, wenn nach Pfirsich-, Apfel-, Papaya-Po die Kiemenatmung, eine Schamlippen-Augen-Transplantation und die Plexiglasplatte im Brustkorb folgen: Für ewige Offenheit. Aua.

(Anna Mateur: „Wehwehchen-Atlas“, Voland & Quist, 64 Seiten, 19,90 Euro)

s-800-600-Cover_Ueber_uns_die_Berge_RGBVIER Die (Zauber-)Berge sind zurück in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ lässt sich seit über einem Jahr nicht von den Buchcharts verscheuchen und Matthias Nawrat berichtet aus dem Schwarzwald mit „Unternehmer“. In diesem Herbst debütiert Christoph H. Winter mit „Über uns die Berge, unter uns der See“. In der sprachlich sehr konzentrierten Erzählung hat ein deutscher Bankier sein Loft in der Großstadt verkauft und den Erlös gegen ein altes Bauernhaus oberhalb des schweizerischen Biel eingetauscht. So weit, so Landlust: „Seit ich angekommen bin, summt mein Mobiltelefon. Ich gehe nicht ran. Gleich ist der Akku leer.“ Da will jemand Einsiedler sein, aber schaut abends auf dem Flatscreen Tierdokus, bevor er sich aufmacht in die verrauchte Dorfkneipe „End der Welt“, wo schweigende Bauern mit zähen Gesichtern Skat kloppen und Pflaumenschnaps trinken. Dann läuft ihm eine Hündin

zu, die, so scheint es, in Vorahnung der geplanten Einschläferung (sie ist zu klein) vom Züchter geflohen ist. Hier nähert sich die Erzählung an Gerard Donovans „Winter in Maine“ an, es scheint ohnehin, als brächte dieses Sujet stets ähnliche Bilder hervor: Die Nähe zum Tier, das Rückwärtsgewandte und Bäurische (wie bei Reinhard Kaiser-Mühlecker), „die dunklen Berge und das stumpfe Echo der Stadt“, Verweise auf Robert Walser, eine Kargheit der Sprache, der bestirnte, ewige Himmel über dem kleinen, sterblichen Mensch et cetera. Dann bricht zuerst Liebe in diese Einsamkeit, eine Tänzerin aus Basel, mit der das Selbstbild dieses Mannes auf den Kopf gestellt wird. Zudem besucht ein Freund von früher ohne Vorwarnung die Einöde des Helden… Die Motive sind bekannt, Christoph H. Winter scheint der Berggeschichte wenig Neues hinzuzufügen. Seine Erzählung hat etwas Altes, Dunkles, Wortkarges – kurze Absätze, knappe Kapitel, die Reduktion aufs Allernötigste. „Über uns die Berge, unter uns der See“ kurz vor der Messe zu lesen ist wie ein letztes Innehalten, bevor der Trubel beginnt. Wunderbar. (Christoph H. Winter: „Über uns die Berge, unter uns der See“, Birnbaum, 134 Seiten, 12 Euro)

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