Rezension: „Die Aufdrängung“

Der aspekte-Literaturpreis war in diesem Jahr für eine Überraschung gut, denn nicht die favorisierte Mithu Sanyal mit „Identitti“ gewann diesen wichtigsten deutschsprachigen Debütpreis, sondern die eher unbekannte Schweizerin Ariane Koch mit Die Aufdrängung“, einem kleinen, in der Edition Suhrkamp erschienenen Roman, der von einem merkwürdigen Gast – und von einer noch viel merkwürdigeren, ja geradezu bedrohlichen Gastgeberin erzählt. (Das Beitragsbild hat Ariane Koch fotografiert).

Aus dem Nichts taucht ein Fremder in einem kleinen Ort der ohnehin nicht sehr großen Schweiz auf – und wird eingeladen in das wiederum viel zu große Haus jener Frau, die in Ariane Kochs Debütroman von ihrer sonderbaren Erfahrung mit dem unbekannten Gast berichtet. „Ich kann es nicht leugnen: Der Gast kam mir bekannt vor, als ich ihn durch meine goldgerahmten Brillengläser zum ersten Mal anstierte – oder war er es, der mich warm durch seine Brillengläser fixierte, auf der anderen Seite des Bahnsteigs stehend, während wir wussten, dass wir aus entgegengesetzten Richtungen gekommen waren, so wie wir auch morgen oder spätestens übermorgen wieder in entgegengesetzte Richtungen fahren würden?“

Mit diesem doppelten Augen-Blick beginnt eine seltsame Episode im Leben jener alleinstehenden Ich-Erzählerin, die den Gast einlädt, bei ihr zu übernachten in diesem Haus mit den zehn Zimmern, in dem sie selbst nur Gast ist, denn „irgendwann werden meine Geschwister das Haus übernehmen. Irgendwann werde ich aus meinem Haus ausziehen müssen, vertrieben werden, nämlich dann, wenn meine Geschwister ihr Begehren nach dem Haus anmelden.“

So trägt der Gast angeblich seine Matratze mit lachsfarbenem Überzug durch die Straßen, um bei der Ich-Erzählerin einzuziehen und deutlich wird bereits hier – wer reist schon mit einer Matratze durchs Land – dass Ariane Kochs „Die Aufdrängung“ im Raum des Phantastischen angesiedelt, dass dieser Gast möglicherweise nur ein Hirngespinst der Alleinstehenden ist, die sich einen Partner an ihrer Seite imaginiert, einen Partner, den sie triezen, befehligen, mal umsorgen, dann wieder schikanieren, mit dem sie ein teuflisches Spiel treiben, an dem sie ein geradezu biblisches Exemplum, an dem sie ein Beispiel statuieren wird in diesem Roman, der auf 170 kleinen Seiten gleich 44 Mal von Spielen oder Beispielen erzählt, vom Fußball, von  Puzzlen, von Snooker-Partien.

„Wer gesnookert wird, sitzt in der Falle. Den anderen zu snookern ist manchmal die letzte Chance auf einen Sieg.“ In dieser Falle steckt auch der Gast, der möglicherweise nicht freiwillig bleibt, sondern in diesem viel zu großen Haus gefangengehalten wird. Gehen kann er augenscheinlich nicht und woher er kommt, wird lediglich angedeutet. Der Gast kann ebenso ein Flüchtling sein wie ein Berber, möglicherweise ist er der Tod höchstselbst, denn seit dem Einzug des Gastes ist das Haus von Motten – klassischen Symbolen des Todes – befallen. Der Gast in Ariane Kochs Roman gibt im Schlaf, auf seiner Matratze liegend, Absonderliches von sich und die Gastgeberin wiegt sich dann, wie sie sagt, „zu des Gastes Traumata.“

Doch besagte Traumata halten sie nicht davon ab, ihre Gast-Geisel zu schikanieren, zu befehligen, ihm zu unterstellen, er habe die Fische im Aquarium getötet, ihn sogar körperlich zu misshandeln. „Ich schleife den Gast samt Teppich in meinem Haus herum, stoße absichtlich an sämtliche Ecken und Türrahmen. Ich lasse ihn sodann samt Teppich die Treppen hinunterpurzeln, aber er denkt nicht ans Aufwachen.“

Dass Heim mitnichten das Gegenteil von Unheimlichkeit ist, erfährt man nicht nur durch Sigmund Freuds psychoanalytische Beobachtungen oder Romane wie Mark Z. Danielewskis „Das Haus. House of Leaves“. Aktuell wird diese Verbindung auch durch den alarmierenden Anstieg häusliche Gewalt infolge der Pandemie-Lockdowns. Bereits im Dezember des vergangenen Jahres berichtete die Hilfsorganisation „Weißer Ring“ von einem zehnprozentigen Anstieg gegenüber der unmittelbaren Vor-Corona-Zeit.

„Wenn man mich fragen würde, ob ich lieber unterdrücke oder unterdrückt werde, so würde ich immer Ersteres wählen“, bekennt die weibliche Gastgeberin in Ariane Kochs Roman, der auf berückend bilderreiche Weise von einem überaus schmerzhaften Missbrauch berichtet. Die Schönheit der Sprache, die Souveränität der Form steht im krassen Kontrast zu zahlreichen unerhörten Begebenheiten.

Klein macht diese Figur ihre Um- und Mitwelt, betrachtet sie wie durch eines dieser „Tilt und Shift“-Kameraobjektive, die durch Linsenverschiebung die reale Welt in ein scheinbares Miniaturland verwandeln. Meisterhaft schildert dieser Roman auf kleinem Raum das Monströse und weil er mit zahlreichen Gegensätzen spielt, ist er ein zum Bersten angespannter Text, ein Text, der in zärtlichen Worten die Brutalität einer gewalttätigen Aufdrängung beschreibt, die selbst dann noch schmerzhaft nahegeht, wenn man das Buch längst weit weggelegt hat.

Ariane Koch: „Die Aufdrängung“, Suhrkamp, 184 Seiten, 14 Euro

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