Linkradar: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre, dm-Kopie, Cory Doctorow

Es mag sein, dass für manche „der Fetisch futsch ist“, dass der materielle und ideelle Wert einer Privatbibliothek sinkt, wie es Tilman Krause hier dystopisch beobachtet: „Das ganze Ambiente von Antiquariaten, die früher wohlige Schauer angesichts eines Urväterhaushalts auslösten, hinter dem man viele Schätze vermutete, diese schon olfaktorisch ganz verwunschen wirkenden Ali-Baba-Höhlen, sie rufen heute eher Beklemmungen hervor. Statt ehrfürchtig zu staunen, fragt man sich eher, wie wohl das körpereigene Immunsystem darauf reagiert.“ (Das Beitragsbild ist von diesem Blogpost des Kollegen Victor Kümel.)

42495Nicht vergessen sollte man aber, dass Papierbücher zu jenen Medien gehören, die kein Staat oder Konzern tracken kann, anders als Kindl-Amazon-Apple-blendl-Angebote. Vorteil von E-Books: man kann weit entfernt von einander sein und doch in der Gruppe lesen, kommentieren, so wie hier bei Sobooks von Sascha Lobo und dem Social Reading zu „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“. Eine „synästhetische Gehirnmassage“ nennt die F.A.Z. Clemens Setz’ neuen, tausendseitigen Roman, über den wir seit heute öffentlich sprechen. Motto des Social-Reading-Projekts: „Because we are your friends you’ll never be alone again.“ Veranstalter Guido Graf schreibt: „Die Grenzen zwischen Lesen und Schreiben, zwischen Autor und Leser, Produzent und Konsument, werden porös, mindestens aber

JochenKienbaumwerden sie neu definiert. Wir handeln neu aus, was überhaupt ein Buch ist, was eine Seite.“ Während also hier der Letzte zum letzten Mal über die Literatukritik-Debatte berichtet, geht die Beobachtung mit Sobooks und Guido Graf weiter. Am Ende gibt es an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf dieses Blockseminar, zu dem sich jeder anmelden kann. Vorab bieten dieser Facebook-Account, die Website Frau-und-Gitarre.de und bei Twitter alle mit dem Hashtag #fraugitarre. Das Bild ist vom @lustauflesen-Twitteraccount.

mein-kopf-in-unzc3a4hligen-variationenVon hier an (gesichts)blind: Nein, es geht nicht um den bald erscheinenden Roman „Du bellst vor dem falschen Baum“ von Judith Holofernes („Wir sind Helden“ hier im Blog). Literaturkritiker Stefan Mesch (Bild), gerade nominiert für den Virenschleuderpreis 2015, kann sich keine Gesichter merken. Deshalb wird er heute in der Freakshow „RTL extra“ vorgestellt (ich kann mir übrigens auch schlecht Gesichter merken und kenne das Problem). In seinem Blog schreibt Stefan: „Die Störung heißt Prosopagnosie. Brad Pitt ist betroffen. Der Neurologe Oliver Sacks war betroffen

800px-Cory_Doctorow_2010_bund hat viel darüber geforscht und geschrieben. Wenn ich im Freundeskreis oder bei neuen Bekannten darüber spreche, gibt es oft Leute, die sagen: ‚Oh! Das kenne ich auch.‘ Ich glaube, ich kenne fünf, sechs gesichtsblinde Menschen persönlich. Auch Kathrin Passig, eine tolle Autorin und Journalistin, schreibt oft über ihre Probleme, z.B. hier.“ (Was erklären könnte, weshalb sich ihr Kollege Sascha Lobo einen roten Iro frisiert hat.) Stefan Mesch schrieb mir via FB, dass er z.B. mich mit Cory Doctorow verwechselt. (Bild: Wikipedia).

007011.bigIn eigener Sache: Der #Akzelerationismus bleibt im Thema, so auch hier in der „Jungle World“, von Ulf Poschardt liebevoll „Stasi Times“ getauft. Kollege Clemens Bach schreibt: „Dieses »Theorieplankton« (Jan Drees) hat auch nach einer mittlerweile fast zwei Jahre andauernden Verschleißzeit, welche die meisten Modephilosophien gewöhnlich sehr rasch in die Vergessenheit rückt, nichts von seinem Ansteckungspotential eingebüßt.“ Es bleibt philosophisch mit dieser Besprechung von Peter Trawnys radikalem „Technik. Kapital. Medium“, erschienen bei Matthes & Seitz, wo auch Hartmut Lange etwas veröffentlicht hat – eine Würdigung seines Schaffens gibt es von mir im Diogenes-Blog.

Pausenbild

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Yellowfacing: Es ist schon ein Weilchen her, dass sich Literaturkritiker Denis Scheck schwarz angemalt und sich pseudolustig in die Diskussion um das Wort „Neger“ in deutschen Kinderbüchern eingeschaltet hat. Blackfacing wird diese rassistische Inszenierung genannt. Das Phänomen des „Yellowfacing“ beschäftigt nun die asiatische Community der USA, seitdem herausgekommen ist, dass der Dichter Michael Derrick Hudson erst dann einen Vertrag bekam, nachdem er seinen Namen in Yi-Fen Chou geändert hatte: „Sein Gedicht ‚The Bees, the Flowers, Jesus, Ancient Tigers, Poseidon, Adam and Eve’ ist derzeit in der Anthologie ‚The Best American Poetry 2015‘ zu finden.“ Das obige Bild ist vom Blog „AngryAsianMan“.

Konsuminventur

1-format27-1Ladendiebstahl: Eine komplette dm-Filiale wurde in der chinesischen Stadt Shenyang kopiert. Ob das Ganze eine Kunstaktion ist oder eine ebenso dreiste Nummer wie bei dieser Kopie von Goldman Sachs ist bislang ungeklärt. Die Wirtschaftsboche (Foto) schreibt: „Die Marke ist vielen Chinesen ein Begriff, seit sich Händler und Touristen bei Reisen nach Deutschland in den Drogeriemärkten mit Milchpulver für den Versand nach Asien eindecken. Chinesische Babynahrung ist nach Skandalen um vergiftetes Milchpulver in Verruf geraten.“

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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