Einhundertmal im Jahrtausend Fußball-Weltmeister werden ist langweilig

So malerisch, wie es im Vorwort von „Technik. Kapital. Medium“ anfängt, geht es beim Wuppertaler Philosophen Peter Trawny nicht weiter: „Teile des Buchs sind im Februar 2013 auf einer Kreuzfahrt der MSC Poesia (!) in der Karibik entstanden. Das Schiff umrundete Kuba, ohne in Havanna anzulegen. Die Insel blieb unerreichbar.“ Nach Kuba geht es zwar kurz, aber sonnig wird es keinesfalls, eher ernüchternd. Angetreten ist dieser Text, um in einer Zeit der Fachstudien und Partikularphilosophien jene „große Theorie“ zu entwerfen, die den inneren Zusammenhang unserer Zeit aufklärt. 

Zwei einander gegenüberstehende Orte oder „Topologien“ erkennt Trawny in seinem „Traktat“ genannten Text: Die „poetische Topologie“ (abgekürzt pT, gleichzeitig auch die Initialen des Autors), „die eine Topographie der Intimität determiniert“ und jene „mathematisch-technische Topologie (m-tT), „die die Topographie der Welt determiniert.“ Beide stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander, und während erstere laut Trawny bis zum Zweiten Weltkrieg prägend war, steht die Gegenwart unter dem Diktum jener technisch-mathematischen Topologie, die uns aller Freiheit beraubt; mit schwerwiegenden Folgen. Spinoza bildet den Hintergrund aller Überlegungen von „TKM“, denn „er hat erklärt, dass die Freiheit des Menschen lediglich darin besteht, die Bedingungen und Voraussetzungen seines Handelns und Denkens nicht zu kennen.“ Eben diese Freiheit wird nun aber durch das Universal, durch die miteinander verwobene Dreiheit von Technik, Kapital und Medium unmöglich gemacht. In welcher Weise?

Einst waren Mythen, Kulte und Künste, Geschichten und Gebete prägend für die Welt. So ist die christliche Topographie „ein Gewebe von heiligen Orten, spirituellen Gegenden (z.B. Jerusalem, Bethlehem und Golgatha, ‚Himmel und Hölle‘) und Machtkonzentrationen (Vatikan/St. Peter), aber auch von Wegen, die Pilger noch heute gehen. In den Dörfern und Städten bilden die Kirchen nicht nur in visueller Hinsicht weit sichtbare Orientierungspunkte. Sie repräsentieren das Göttliche. Die Kathedralen werden zu den Bauwerken des Mittelalters. (Erst mit der Umdrehung der Doppel-Topologie zur m-tT werden die Banken- und Geschäftshäuser die höchsten Gebäude der Städte.)“ Noch in den 20er und 30er Jahren waren Dichter wie Stefan George oder Ernst Jünger als Repräsentanten der pT dominant im deutschen Kulturbetrieb, hatten weitreichenden Einfluss. Mythen waren im System der Politik bedeutsam.

11224882_943803572350498_2718970591240130897_n„Der Tempel von Jerusalem, die Tempel von Delphi wurden von Architekten entworfen“, sagt Trawny im Interview. „Es gab also früh ein hohes Know How, das sich allerdings der poetischen Topologie unterworfen hat. Nehmen wir die Pyramiden in Ägypten, die ja unter architektonischen Gesichtspunkten unheimlich interessant sind. Unter rein pragmatischen oder technischen Gesichtspunkten ist eine Pyramide undenkbar. Vielleicht sind sie deshalb heute so ein großer touristischer Erfolg. Der Tourismus ist wichtig. Er ist ein anderer Ausdruck des Universalismus.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg, „nach dieser einzigartigen Erschütterung der bereits hergestellten Erde ist die pT in ihrer Latenz verbannt. Der Dichter wird in der universalen Topographie zum Anachronismus. Die m-tT organisiert die Welt.“

Ist das tatsächlich so? Ist der Mythos als Bezugspunkt allen Handels irrelevant geworden? Haben die Effekte des Kapitalismus unsere poetischen Narrationen infiziert? Gibt es nicht unzählbare Künstler, die ähnliche wie George oder Jünger mächtig sind? Findet hier eine an Luhmann erinnernde Analyse statt, die sich auseinandersetzt mit der Interpenetration verschiedener Gesellschaftssysteme durch das Wirtschaftssystem? „Das normalisierte Universal TKM bildet in dieser Taktung inzwischen eine absolute Immanenz aus. Alles, was sich von Technik.Kapital.Medium unterscheiden will, fällt in diese Universalität zurück. Das gilt auch und besonders für die ‚Kritik‘. Eine ‚Kritik‘ am Medium kann nur im Medium selber präsentiert werden (siehe auch unten, vorletzter Absatz). Sollte einer z.B. mit dem ‚Kritik‘-Signal ‚Neoliberalismus‘ operieren, so würde diese Operation selbst ‚neoliberalistische‘ Effekte haben. Publikationen würden Bewegungen im Kapital darstellen, die sich in anti-‚neoliberalistischen‘ Rezensionen fortsetzen, um weitere Kapital-Bewegungen zu verursachen.“

Es ist wahr, dass die Wirtschaft alle Bereiche unserer Gegenwart infiziert hat, dass Unis sich dem Nützlichkeitsprinzip verschrieben haben, dass das Soziale nicht mehr ernsthaft aufgehoben ist in der Erzählung der christlichen „caritas“, dass jene Zeit vergessen ist, als Aristoteles beobachtete, dass nur in der „reinen Betrachtung des Seienden“ echtes Glück gefunden werden kann – und nicht der Besitz. Wissen wird hierzulande wertgeschätzt, wenn es in Form von vermarktbarer Ingenieurs- oder Finanzdienstleistung auftritt. „Das höchste Gebäude der Welt ist zwar – wie alles Seiende – eines und als höchstes ein Einzelnes, doch es ist nur das höchste, weil es eine Vielheit anderer vergleichbar hoher Gebäude gibt. Allerdings wird es nicht serienmäßig produziert, ist aber dennoch kein Individuum, sondern ein Unikat. Das Hervorbringen eines Individuums ist nie eine Leistung. (Kunst keine Leistung.)“

So kommt man zum Kern dieses Traktats, zu der Erklärung, in welcher Weise sich die Welt verändert hat, und weshalb diese Veränderung dazu führte, dass der Kontingenz keinen Raum gelassen wird. Laut Trawny schaut es nämlich so aus: Technische Erfindungen sind nicht vergleichbar mit Kunst. „Die Erfindung des Telefons ist das Paradigma der technischen Erfindung. In drei oder vier Jahrzehnten sind neben Reis und Bell mehrere potentielle Erfinder beteiligt. Das gilt im Grunde für jede Erfindung. Es geht nicht darum, dass Konrad Zuse zuerst den Computer baute, sondern darum, dass der Computer überhaupt gebaut wird. Hätte ihn Zuse nicht erfunden, hätte es ein anderer getan. All das aber geschah und geschieht unter der Voraussetzung der absoluten Möglichkeit von Technik. Das Individuum ist in der Geschichte der Technik also eine allgemein überschätzte Größe.“

Was heutzutage als neuestes Konsummodell (iPhone) präsentiert, vermarktet, geheiligt wird erscheint notwendigerweise. Das iPhone ist keiner künstlerischen oder natürlichen Genese entsprungen. Für ein Gerät wie das iPhone braucht es keine Schöpfung aus dem Nichts, sondern nur die Er-findung. Unter der Maßgabe von Effizienz hat sich ein System gebildet, das dieses Auffinden von bereits Vorhandenem umso wahrscheinlicher werden lässt. Allerdings hat eine Übertragung des Prinzips auf alle Bereiche stattgefunden.

„Im Anfang war die Politik ein Aktionsfeld, auf dem die m-tT auf die pT, die pT auf die m-tT übergriff. Gerade die symbolische und rhetorische Sphäre des Politischen war auf die poetische Topographie angewiesen. Der Gründungsmythos, die Erzählung von einem in grauer Vorzeit liegenden Ursprung, von goldenen Zeitaltern oder auch vom tragischen Untergang legitimierten politischen Entscheidungen größter Tragweite. Nicht selten diente die m-tT den erstaunlichen Zielen der pT. Die Geschichte erschien als ein Schlachtfeld von Visionen, denen man sich opferte.“

Die gesellschaftlichen Probleme, die von der Politik behandelt werden, werden nun pragmatisch und alternativlos angegangen. Ununterscheidbar werden menschliche Akteure auf reine Systemkommunikation reduziert, und zwar anders als bei Luhmann, der mit dieser Art der Beobachtung (der Beobachtung von Kommunikationen statt Menschen) ein theoretisches Konstrukt in die Soziologie einführte. So wie das iPhone notwendig, und damit nicht mehr kontingent im Jetzt erscheint, so finden auch alle Kommunikationen der Politik notwendig statt – und damit auch unabhängig von ihren Akteuren. Möglich ist nur, was „absolut möglich“ ist.

Trawny: „Wenn es heutzutage in unserer Welt der mathematisch-technischen Topologie Kunst in die Welt schafft, dann nahezu ausschließlich durch quantitative Bestimmungen. Jeff Koons muss einen Balloon Dog für zig Millionen an ein Museum verkaufen oder ein Lyriker wie Jan Wagner muss den Leipziger Buchpreis bekommen, damit es heißt: Seht, man kann auch Gedichte verkaufen! Man sehe sich doch diese Baselitze und Richter an, die wegen des neuen Kulturschutzgesetzes ihre Leihgaben zurückhaben wollen … Das sind doch Millionen, die diese Multi-Millionäre nicht einfach so abgeben werden. Meine Position wäre aber falsch betrachtet, wenn das, was ich sage, als „Kritik“ verstanden würde. Auch „Kritik“ dient dem Kapital. Kritik ist anachronistisch.“

Eigentlich, und hier wird es besonders interessant, ist unsere Gegenwart ohnehin längst ein Anachronismus, ein nicht zukunftsfähiges Konstrukt, dessen Werte und Zählungen in einer fernen Zukunft irrelevant werden. Oder mit den Worten Trawnys im Buch: „Der Rekord als eine der zentralen Motivationen des Universal-Subjekts vor allem im Sport, dieser Ersatzreligion, wird in einem anderen Licht erscheinen. In den Geschwindigkeitssportarten wie z.B. dem Laufen in der Leichtathletik oder dem Schwimmen wird er in immer kleineren Zahlen erfassbar werden, Wo vor Jahrzehnten Zehntel-Sekunden den Unterschied machten, werden es erst die Hundertstel- und dann die Tausendstelsekunden sein. Irgendwann wird man die Differenz als sinnlos bewerten. Dasselbe gilt für die Wiederholung von Siegen. Fünfmal im Zeitraum eines halben Jahrhunderts Fußballweltmeister zu werde, ist großartig, zehnmal in einem Jahrhundert bemerkenswert, einhundertmal in einem Jahrtausend wird langweilig werden. So wird die Symbolisierung des Sieges in Form von Pokalen oder Sternen bei tausend Triumphen absurd.“

Peter Trawny: „Technik.Kapital.Medium – Das Universale und die Freiheit“, Matthes & Seitz, 192 Seiten,24,90 Euro

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