John Berger: “Ein Denken, was sich zärtlich um die Welt kümmert“

Am Montag dieser Woche ist John Berger im Alter von 90 Jahren gestorben. Berger war Schriftsteller, Kunstkritiker, Philosoph, Theaterautor und als einer, der dem Sozialismus und dem Marxismus immer wieder zugeordnet wurde, ein politisch wirkender Künstler – aber eben nicht aus politischem Wirkungswillen, wie er es selbst einmal bekannt hatte: „Wenn ich schöpferisch schreibe, denke ich niemals an den politischen Effekt, nie. Das erschiene mir verhängnisvoll und ich habe immer so gedacht. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich nie der Kommunistischen Partei beitrat. Das soll nun nicht heißen, dass ein Werk keinen politischen Effekt hat, vielmehr ist es so, dass allem unwissentlich ein politischer Inhalt innewohnt; aber es zu kalkulieren, ist verhängnisvoll.“ – 1972 erhielt John Berger den Man Booker Prize for Fiction, 1988 den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik und 1991 den Petrarca-Preis – um nur drei der vielen Auszeichnungen zu nennen, die Bergers Schaffen promoviert haben. Für den Deutschlandfunk habe ich mit Hans Jürgen Balmes vom Fischer-Verlag gesprochen (hier nachzuhören), der seit 20 Jahren die Werke von John Berger ins Deutsche übersetzt. 

Wie erinnern Sie den verstorbenen John Berger? Wie die meisten Menschen habe ich ihn natürlich durch seine Bücher kennengelernt, schon von der Schule weg. Es war ein ganz frühes Buch, das habe ich Letztens gefunden  – mit einer gewissen Rührung. Ich habe es 1981 gekauft, und gleich angefangen, neben die Gedichte in seinen Büchern kleine Übersetzungen zu notieren. Es war dann eine Riesenfreude, als ich ihn 1991 kennenlernen durfte. Wir hatten über eine Übersetzung gesprochen, die ihm irgendwie schwierig schien. Daraus ergab sich dann das Projekt, also dass wir immer mehr Übersetzungen zusammen gemacht haben. – Es war so, dass er seine Übersetzer sehr achtete und mochte. Einmal hat er zum Beispiel ein ganzes Buch auf Kassette für mich gesprochen, damit ich mir vorstellen kann, wie es klingen sollte. Berger war jemand, der die Nähe sucht, der versucht, den Klang der Sprache auch in der fremden nachzuspüren, jemand, der unheimlich neugierig war auf das, was wir selber gemacht haben. Einer der schönsten Momente war immer, wenn man bei ihm zu Hause war und er gerade angefangen hatte, an was Neuem zu schreiben. Dann nahm er beim Abendessen, nachdem die Teller abgeräumt waren, ein Manuskript aus dem Schrank, strich die Seiten glatt und sagte: „Ich muss euch mal was vorlesen, ich sitze an was Neuem ich weiß noch nicht, was das wird.“ So haben wir damals die ersten Entwürfe gesehen zu seinen letzten großen Büchern, wo man sehen konnte, wie er tastet, wie er seine Leser auch immer wieder herausfordert und um Kommentare bittet, um bestätigt zu werden, um neue Wege zu finden, wie er mit seinem Material, mit seinen Figuren umgeht. Diese Figuren, die blieben dann zwischen uns. Meine Frau war krank und der schrieb er dann einen Brief, wo er sagte, wie alle Romanfiguren sich jetzt bei ihr versammeln und ihr nur das Beste wünschen.

Sie sagen, John Berger ist verschiedene Wege gegangen; sein Leben ist auch geprägt durch verschiedene Wege. 1926 wurde er geboren, 1942 begann er bereits ein Kunststudium an der Central School of Arts in London. Wie ist John Berger vom Kunststudenten zum Schriftsteller geworden? Man muss sich das vorstellen, dieses Kunststudium war noch im bombardierten London, einem London, in dem die National Gallery leer geräumt war. Die Bilder waren alle in walisischen Bergwerken. Aber der damalige Direktor hat in der National Gallery Konzerte organisiert, damit der Ort ein Sammlungsort für Kunstinteressierte bleibt. Eines der frühsten, tollsten Erlebnisse für John war, dass Myra Hess dort Bach gespielt hat in der leeren Nationalgalerie. Das muss man sich mal vorstellen. So war London zu der Zeit; jeder suchte nach seinen Dingen, jeder suchte nach Seinem. Aber das, was man in der Hand hielt, musste nicht immer das sein, mit dem man sich sein Leben lang beschäftigt. – Sein Kunststudium, sein Zeichnen, sein Malen, das hat ihn sein Leben lang nicht verlassen. Aber er hat irgendwann gemerkt, als er die Chance bekam, Kunstkritiken zu schreiben, dass er da weiterkommt.

John Berger fängt an, Kunstkritiken zu schreiben, und bereits 1957 erscheint sein erstes Buch, jedoch nicht in seiner Heimat Großbritannien und auch nicht in seiner Muttersprache, sondern in der DDR. Was war das für ein Buch und wie kam es, dass dann ein Jahr später tatsächlich der erste Roman vorlag? Es ist ein seltsamer Zufall. Es ist eine Monografie über den damals sehr bekannten italienischen Maler Guttuso, der halt in der DDR eine Monografie bekam. Und durch Zufall bekam er Kontakt zu dem Lektor und Verleger, dem Herrn Frommhold in Leipzig und die haben das dann zusammen ausgekaspert. Das ist ein Buch, was es auch nie in einer anderen Sprache gab. Aber so was hat ihn nicht angefechtet. Der nächste Roman dann, „A Painter of Our Time“, war ein Roman über einen Maler, den man in England aber wahnsinnig falsch verstanden hat, der nachher vom Verlag zurückgezogen ist, weil man ihm halt sehr orthodox-dogmatische kommunistische Positionen unterstellte, die er so eigentlich gar nicht vertrat.

Das war damals der renommierte Londoner Verlag Secker & Warburg, der nach bereits einem Monat dieses Buch aus den Regalen genommen hat. Dann erscheinen zwei weitere Romane, die bislang nicht ins Deutsche übersetzt sind. Weshalb? Ich glaube, das hängt ein bisschen mit der Konzeptionsgeschichte zusammen. Übersetzte Literatur hat es Ende der 60er-Jahre, Achtundsechzig war im Gange, ein bisschen schwer gehabt. Es dauerte dann bis Mitte 70er-Jahre, dass man übersetzte Literatur wieder richtig umarmte. Es war die Zeit, in der John an dieser großen Trilogie sitzt über das Leben der Bauern und die Landflucht der Menschen; diese beiden großen Themen, die ihn die nächsten 40 Jahre vollkommen in Beschlag nehmen werden. Einerseits war es so, dass das für ihn jetzt die dringlichsten Bücher waren, an denen alle gearbeitet haben, die überall publiziert worden sind, und dann ist dieses Frühwerk, könnte man sagen, ein bisschen ins Vergessen gekommen. Genauso wie der große Skandalroman „G“ auch nie übersetzt worden ist, sondern erst ganz spät in den frühen 1990ern im Reclam-Verlag.

1972 bekam John Berger für „G“ den Booker Prize for Fiction, und dort kam es dann zu einem Skandal, weil er die Hälfte des Geldes an eine ganz bestimmte Organisation gespendet hat. Ja, die Black Panthers. Dazu muss man wissen, dass viele der großen kulturellen Institutionen von den Zuckerherrschaften und Zuckerfirmen gestiftet worden sind, so wie auch der Booker Prize damals gesponsert wurde von einem Zuckerhersteller und diese großen Firmen, die gewaltige Reichtümer im 19. Jahrhundert angehäuft haben durch die Sklaverei, also durch die Ausbeutung der Schwarzen auf den Zuckerrohrplantagen. Als Reflex darauf hat John die Hälfte des Preisgeldes den Black Panthern gespendet, die andere Hälfte hat er vorgesehen, um mit seinem Freund Jean Mohr dann „Der siebte Mensch“ zu realisieren, dieses große und erste Buch, das es gab über die Wanderarbeit, über Landflucht, über das, was wir heute Migration nennen. Das erschien Mitte der 70er-Jahre und ist heute noch mit jeder Zeile aktuell.

John Berger war Kunstkritiker, außerdem auch politisch engagiert. Er war Literat, Philosoph und Theaterautor. Wie haben wir ihn einzuordnen? Seine Philosophie ist ein Denken, das sich unheimlich zärtlich um die Dinge und um die Welt kümmert. Er denkt nach über Raum, über Zeit, über das Leben der Menschen, über die Art, wie wir unser Leben durch Entscheidungen prägen, wie unser Leben durch Entscheidungen von außen politisch geprägt wird. Und dabei ist er immer Marxist geworden. – Ich stelle mir ihn immer so vor: Wenn Walter Benjamin ein langes Leben gehabt hätte, dann wären die beiden eigentlich die besten Freunde gewesen, weil sie einerseits so ein marxistisches Interesse an der Zukunft haben, ein Verlangen danach haben, dass etwas morgen geben muss, um unser Heute zu verstehen. Und dieses, was es morgen geben müsste, sich immer vorzustellen und nicht als Utopie an die Wand zu malen, sondern als Sehnsucht den Gedanken hineinzugeben, das war seine Stärke.

John Berger ist 90-jährig gestorben. Hier haben wir über ihn gesprochen. Was sollte man heute, an diesem Tag von ihm lesen und weshalb? Ach, am schönsten fände ich, wenn die Leute lesen würden „Und unsere Gesichter, mein Herz, vergänglich wie Fotos“. Das ist sein Buch, in dem er seine Summe zieht aus seinem Denken. Es sind Erzählungen drin, er berichtet über Kunst, es finden sich Gedichte, so wie in seinem Werk überhaupt das Nachdenken, die Kunst, das Zeichnen, die Gedichte, die Essays, die Geschichten und das Erzählen eine große Einheit waren.

John Berger: „Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens“, Wagenbach-Salto, Berlin 1989, 132 Seiten, 18 Euro / „Mit Hoffnung zwischen den Zähnen, Berichte von Überleben und Widerstand“, Wagenbach, Berlin 2008, 144 Seiten, 15,90 Euro / „Der Augenblick der Fotografie“  Essays, Edition Akzente, Hanser, Berlin 2016, 272 Seiten, 22 Euro / „Von ihrer Hände Arbeit, Eine Trilogie“, Hanser, Berlin 2016, 593 Seiten, 28 Euro / „Bentos Skizzenbuch“, Hanser, Berlin 2013, 176 Seiten, 19,90 Euro

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