Gib mich die Kirsche

Computer steuern Spieler. Fußballer gehen ins Labor. Statistiken zerstören den Mythos. “Die Fußball-Matrix“ übersetzt Dribblings, Schlenzer, Tricks in nüchterne Zahlen – auf der Suche nach dem perfekten Spiel. Was bleibt?

Schneller, aufregender, anspruchsvoller ist Fußball in den letzten Jahren geworden – technischer und computerbasiert. Wie bei der Formel 1 beeinflussen Statistiken mehr und mehr den Erfolg eines Clubs. Über diese Berechnungen, die man als „Die Fußball-Matrix“ bezeichnen könnte hat Christoph Biermann ein Buch geschrieben. Er macht sich auf die “Suche nach dem perfekten Spiel“, einem Ereignis, das etliche Clubpräsidenten, Trainer, Scouts umtreibt. Sein Buch erzählt von neuesten Trainingssimulationen, von Spielsystemen und Computerprogrammen, die den Fitnessgrad eines jeden Spielers bestimmen können. Das wird öde? Das zerstört die mühsam durch Public Viewing, Starkult und Damenfans aufgebaute Fußball-Aura? Nein!

Man muss sich nur anschauen, welchen Einfluss die Videospielkultur auf den einzelnen Spieler haben kann, wie zum Beispiel beim Playstation-Narr Lionel Messi, der selbst an der Konsole nur Fußball spielt, immer mit dem eigenen Team. “Der beste Spieler der Welt spielt also in einem Videospiel seine Mannschaft“, heisst es im Buch, “spielt er auch sich selbst?“ Messi nickt. „Das Faszinierende ist ja, dass Messi Messi spielt, also, mit sich selbst auf der Playstation und dabei mit der Figur Messi Tricks ausprobiert, und dort Sachen schafft, die er auf dem realen Platz als Messi noch gar nicht hinbekommt, also seinen Kunstmessie nachspielt“, sagt Christoph Biermann. “Eine besonders verblüffende Vorstellung von Identitätsverknotung.“

Wer bei dem Begriff “Identitätsverknotung“ zusammenzuckt, kann beruhigt werden – wir sprechen immer noch über Fussball. Aber Christoph Biermann ist ein Intellektueller, er kann Fan sein und gleichzeitig wissenschaftlich über die schönste Nebensache der Welt recherchieren. Sportartikelfirmen beschwören Saison für Saison einen glorifizierenden Geist, wollen die Zeit von Sepp Herberger bis Franz Beckenbauer ins Jetzt übertragen. Spot für Spot fühlt man sich in eine heroische Mythenwelt versetzt. Tatsächlich, das zeigt “Die Fußball-Matrix“, ist dieser Sport längst verwissenschaftlicht.

Das meint nicht die Art von Verwissenschaftlichung, die Felix Magath ausprobierte, als er aus dem Schach eine Fussballtheorie ableiten wollte. „Im Schach sagt man immer, man muss die Mitte des Feldes, das Zentrum des Spielfeldes beherrschen. Und Magath sagt – wer im Fussball erfolgreich sein will, der muss das auch tun.“ Das ist eine putzige Idee, die sich nicht durchgesetzt hat.

Inzwischen bestimmen Computer Spielertransfers, Einwechslungen, die Aufstellung einer Elf. ”Die Fußball-Matrix“ schließt an die aktuelle, besonders in Feuilletonkreisen geführte Debatte über Computer und Rechenprogramme an. Seit einem Jahr wird, zusätzlich befeuert von FAZ-Feuilletonchef Frank Schirrmachers internetkritischem Buch “Payback“, darüber gestritten, wie weit wir unser Leben in die Hände von Zahlen, Fakten, Statistiken legen wollen. Daten über Passgenauigkeiten, ballgebundene Aktionen und Laufdistanzen werden mit Spieltheorien und Wahrscheinlichkeitsberechnungen kombiniert.

Ellenlange Gleichungen, ermitteln soetwas wie den “Player Quality Index“. Jeder Spieler wird normiert, getestet, durchleuchtet, der Zufall so weit es geht ausgeschaltet. Das ist kompliziert und lässt sich kaum in Deckung bringen mit althergebrachten Fußballweisheiten, der Qualität: “Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Der schnellste Spieler ist der Ball. Und wenn alle Vereine von Männern geführt würden, die eine Ahnung von Fußball hätten, ginge es dem Spiel besser. Trotzdem ist es so stark, dass es selbst die Dilettanten nicht kaputtmachen können.“ (Sepp Herberger)

Wenn es einer schafft, die Fußball-Matrix zu durchdringen, dann ist es Christoph Biermann. Seit 2006 arbeitet er als Sportkorrespondent für den “Spiegel“, schreibt für “11 Freunde“ und ist, jeder Hörer weiss das, Fußballexperte bei WDR 1LIVE. Er hat einen intellektuellen, also phrasenlosen und vielleicht gerade deshalb unverkrampfte Blick aufs Spiel. Theaterrezensionen rauben einem oft den Spaß an der Bühne, das Schreiben über Musik ist immer noch viel zu oft wie der Tanz zur Architektur (Eric Pfeil und Tobias Rapp sind glückliche Ausnahmen). Christoph Biermann hebt sich ebenfalls ab, kann auf höchsten Niveau das Spiel analysieren. Er kann Wahrheiten gegen Mythen stellen. Niemals verliert man bei seinen Texten den Spaß am Stadionbesuch. Das Adrenalin kocht weiterhin im Blut.

Dennoch darf man ganz nüchtern fragen, was von der untergegangenen “11 Freunde“-Ära bleibt, mit ihrer lang aufrecht erhaltenen Ascheplatzromantik, den “Wunder von Bern“-Geschichten, der ganzen, in schwarzweißen Bildern erinnerten Underdog-Euphorie einer weit entfernten Nachkriegszeit? Was bleibt im neuen Fußballjahrtausend der Statistiken, Football-Laps, Algorithmen und komplexen Computeranalysen? Christoph Biermann beruhigt: “Fußball ist so ein komplexes, chaotisches und auch von Zufällen bestimmtes System. Diese Spieler sind Menschen, und das Spiel ist kompliziert. Wir spielen es mit dem Fuss, was ja eigentlich quasi widernatürlich ist. Das komplett in den Griff bekommen zu wollen, geht gar nicht.“ Der Zufall spielt immer mit, zum Glück. Wichtig ist nach wie vor auf dem Platz!

(Christoph Biermann: “Die Fußball-Matrix – Auf der Suche nach dem perfekten Spiel“, KiWi, 256 Seiten, 16,95 Euro)

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