Rezension: Ich bin schwul, ich bin süchtig

Der Teufel wird zum Fashion-Victim, ein dekadenter Autor verkauft Style gegen Vibes und Thomas Mann bekommt Botox gespritzt – im neuen Roman von Philipp Tingler. 

Oskar Canow ist der plastischen Chirurgie dankbar: “Immerhin werden wir dank der Errungenschaften in dieser Profession nicht länger durch den Anblick natürlich alternder Frauen terrorisiert.“ So spricht der ausgebildete Snob. Oskar, ein mit Manieren und stichsicherem Witz bewaffneter Großschriftsteller, spielt diese Rolle exzellent. Nichts lässt er auf eine anständige Portion Botox kommen, findet, die Verjüngungsspritze sei “ein bisschen wie ein Handel mit dem Teufel. Bloß ohne Preis.“ Da ahnt er noch nicht, wie nah er dem “Fürst der Finsternis“ kommen wird. Denn Luzifer taucht wenig später auf und schlägt einen Deal vor.

Oskar bekommt das perfekte, vollkommen inspirierte, von eigens geschaffenen Weltkunstwerken erleuchtetes, nahezu schmerzfreie Leben geboten, und pimpt Luzifer dafür ein bisschen auf, wird soetwas wie sein privater Stilberater bis zum Ende des Universums. Früher musste man dafür seine Seele hergeben, heute nur das Lebensdesign teilen. Bei “Dr. Phil“ hat dieser Kuhhandel, den man sogar auf Probe machen kann, erst einmal geringere Konsequenzen (was täuscht, ganz klar).

Was ist schon die Seele im Angesicht des Styles? Selbstverständlich sieht der Teufel bei Philipp Tingler in den seltensten Fällen wie eine Mischung aus Ziegenbock und Waldschrat aus. Mal kommt der wandelbare Luzifer als Frankfurter Schule-Philosoph Theodor Adorno daher, dann als Filmproduzent Robert Evans (”Chinatown“) oder, ganz zu Anfang, als Inkarnation des italienischen Modeschöpfers Roberto Cavalli.

Wer einmal den sonnenbankgebräunten, mit seiner kurios getönter Brille stark an Hamburgs legendären Boxpromoter Ebby Thust erinnernden Cavalli gesehen hat, kann nur „Sünde“ denken, oder alternativ: Hölle, Hölle, Hölle: “Zu einem reichlich flamboyanten Schal, der ihm einigermaßen dramatisch über die Schulter drapiert war, trug er eine Art Dinner Jacket mit samtbezogenen Knöpfen und Aufschlägen und darunter ein Hemd aus glänzender Ballonseide, das ziemlich weit offen stand und den Blick auf zwei oder drei dickgliedrige funkelnde Goldketten freigab, die schwer auf der Mündung seines Schlüsselbeins lagen.“ Strizzi nennt sich der Teufel irgendwann selbst im Roman.

Mit den Klamotten hapert es. Doch reden kann er, der Teufel, wie ein japanischer Tisch-Koversator. Fehlerfrei zitiert er den mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin, weiss aber nicht, wer Goethes “Faust“ gewesen sein soll. Seine Sätze scheinen, Goethe hin oder her, geschliffen. Sie funkeln und können ebenso stechen wie die Worte des Autors Oskar Canow. So beklagt sich der Teufel rüde über die Inflation des angeblich Bösen. “Das meiste ist bloß ordinäres Pech und durchschnittliche Gemeinheit und beleidigt jeden anspruchsvolleren Geschmack als eine Banalität. Inzwischen dürfte dieser arme gestauchte Planet wohl genügend Kreaturen gesehen haben, die das sogenannte Böse vollkommen diskreditierten. All dieses Diktatoren und Terroristen, von denen sich die meisten dadurch auszeichnen, dass sie jeden Tag dasselbe anhaben.“ So weit, so Faust und Mephisto.

1Das eigentliche Ereignis dieses klugen, ironischen Buchs ist allerdings Philipp Tinglers Neuinterpretation von Thomas Manns Schreibstil, den er, selbst promovierter Thomas-Mann-Kenner, aus dem Eff-Eff ins Jetzt rüberrettet, als Mash-Up der “Buddenbrooks“ und des “Zauberbergs“ sozusagen, inklusive einer Teufel-Travestie, in der Luzifer als Sesemi Weichbrodt auftritt, der Erzieherin der Buddenbrooks-Sprösslinge (ganz zum Schluss). Ständig wird jemand krank, von Herzattacken heimgesucht oder auch einfach nur von Laberflashs die Søren Kierkegaard aller Ehren wert sind. Katastrophales wird manchmal mit überaus blumigen Worten beschrieben: „Da ging neben unserem Helden einer der großen schwulen Terrakotta-Pokale zu Boden, der einen dressierten Buchsbaum beherbergt und ofenbar etwas wacklig auf seinem Piedestal gestanden hatte.“

“Dr Phil“ ist die geistreichste Zumutung dieses Bücherfrühjahrs. Als Vorbereitung lohnt sich unbedingt Philipp Tinglers Handbuch für Gesellschaft und Umgangsformen, das 2008 erschienen ist. Unter dem Titel “Stil zeigen!“ erfährt jeder, dass man beim Small Talk niemals Witze über Löhne macht, denn, “wer wird schon gern verspottet, weil er pro Stunde weniger verdient als eine Selbstbedienungs-Sonnenbank?“ Und wenn man sich danebenbenimmt, ist es gut, einen stilbewussten (daher am besten britischen) Partner neben sich stehen zu haben, der wie Tinglers Gatte Richie fragt: “Holey Toledo! Kriegst du alles mit, was du von dir gibst, oder hörst du nur ab und zu mal rein?“

“Stil zeigen!“ ist ein ganz großes Buch, ausgestattet mit 50er-Jahre-Zeichnungen, leinengebunden und nebenbei die Dechiffriermaschine zu “Dr. Phil“. Der Roman greift nämlich auf “Stil zeigen!“ zurück. Kaum ein deutschsprachiger Schriftsteller beweist in jeder Hinsicht so viel Distinktion wie der Gym-gestählte Wahl-Schweizer Tingler. Da kann nur Christian Kracht (”Faserland“) mit seiner wunderbar gebrochenen Kolonialattitüde mithalten. – Bleiben lediglich zwei Fragen offen: Warum ist das Diabolische in unserer Zeit grundsätzlich gut gekleidet, siehe “Der Teufel trägt Prada“ vs. “Der arme Teufel“ im 19. Jahrhundert – Bono bestätigt hier als Ausnahme nur die Regel.

Und warum werden Wünsche am ehesten von Luzifer und Konsorten, aber nicht vom großen, lieben Schöpfergott erfüllt? Das ist schon eine verkehrte Welt und ehrlich gesagt genau das, was Nummer 666, der ewige Verdreher, der bocksfüßige, gefallene Engel immer angestrebt hat? Philipp Tingler spielt dem Bösen in die Hände – aber er macht es durch und durch souverän. Seine Bücher sind die Platincard des deutschen Literaturbetriebs. Deckung garantiert.

(Philipp Tingler: „Dr. Phil“, Kein & Aber, 320 Seiten, 19,90 Euro / „Stil zeigen“, Kein & Aber, 208 Seiten, 16,90 Euro)

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