Frühstück bei Tiffany in Berlin

Frühlingsgefühle mit Annika Reich: Die gebürtige Münchnerin schreibt eine verliebte Neufassung von Truman Capotes „Breakfast at Tiffany‘s“. Allein das Wort „Kuss“ kommt über 50 Mal vor – auf knapp 270 Seiten.

Holly Golightly aus „Frühstück bei Tiffany“ ist seit 1961 untrennbar mit Schauspielerin Audrey Hepburn verbunden. Sie verkörperte die 19-jährige Ausreißerin als It-Girl lange bevor dieser Begriff auftauchte. Die Academy in L.A. nominierte Hepburn für einen Oscar, den sie nicht bekam (sondern Sophia Loren). Zur Filmlegende wurde sie nach dieser Rolle dennoch. Bis heute hängt das Konterfei mit der rauchenden Holly Golightly in Straßencafés, Studentenschlafzimmern, Programm- und Multiplexkinos.

In Truman Capotes Erzählung von 1958 ist Holly eine hirngeputzte, klauende, Soldatenbriefe sammelnde Landpomeranze aus dem Mittlern Westen. Sie arbeitet für einen Mafiaboss, wird in einen Drogenskandal verwickelt und hat ihre Familie (Heirat mit 14) für das Leben an der Upper East Side verlassen. Im Film werden Holly und Schriftsteller Paul, der in ihrem Haus wohnt und das Treiben des Mädchen beobachtet, am Ende ein Paar. Das ist Hollywood. Da braucht es ein Happy End.

Dass Holly vor dem Schaufenster des Juweliers Tiffany‘s frühstückt, „Edel-Sein“ spielt und ihr altes Leben verleugnet, taucht in Grundmotiven nun bei Annika Reich auf. Ihre Holly heisst Ella, wohnt nicht in New York, sondern in Berlin Mitte. Aber die teilt zum Einen das Aussehen mit Audrey Hepburn, zum anderen Hollys Sehnsucht nach einer neuen Identität – übrigens wie nahezu alle Figuren dieses wimmelnd gestalteten Romans. Sie ist „eine Berliner Holly, die gerade ihr Studium beendet hatte und schmale, seidige Hosen, weich fallende T-Shirts und hellgrüne Haarbänder trug.“

Diese leicht chaotische Ella ist Radiojournalistin und verliebt in den vermeintlich geschiedenen Galeristen Paul, „der so wohlproportioniert und zielstrebig wirkte, der schon morgens zu wissen schien, was der Abend brachte, und abends, wie der nächste Morgen aussah.“ Ihre Schwester Jasmin, von der Mutter boshafter Weise nach der Antibabypille „Yasmin“ benannt, hat eine eigene Arztpraxis, bald ihr viertes Kind und niemals Flausen im Kopf.

Diese zielstrebigen Menschen treffen im Roman auf unterschiedliche Chaoten. Ella freundet sich mit einer Fahrradkurierin an, die Geld für eine Brust-OP spart, ihrer Meinung nach Eintrittskarte zur großen Gesangskarriere. Außerdem tauscht Ella ihr Einraumapartment in Mitte gegen die Sechs-Zimmer-Wohnung eines alten Meeresforschers im mondänen Charlottenburg. Das ist nur folgerichtig. Holly Golightly hat es schließlich auch nicht auf dem Land ausgehalten.

Horowitz heisst der leicht an Woody Allen erinnernde Forscher, ein Kauz, der diesen Wohnungstausch per Annonce in die Wege leitete. Er hat, wie alle Figuren des Buchs, aber vor allem wie Holly Golightly – ein Geheimnis. Angeblich möchte Horowitz seine Wohnung für ein paar Wochen hergeben, um woanders sein Lebenswerk zu beenden. Tatsächlich sucht er weniger nach einem geeigneten Schreibort als nach einem generellen Ausweg aus dem festgefahrenen Alltag. Er wird, so viel darf verraten werden, diesen Ausweg auf romantischem Weg am Ende sogar finden.

Paul aber hat geflunkert, was Frau und Kind betrifft, womit er etliches mit Jasmins Gatten gemeinsam hat, der unzureichend über vergangenen Reisen informiert. Die Fahrradkurierin fühlt sich gestalkt – doch auch ihr Fall liegt vollkommen anders. Hinter jeder Fassade gibt es Winkel und Höfe und weitere Gebäude, die Figuren begegnen sich untereinander wie die quirlig flitzenden Fische auf dem Buchdeckel. Und diese einzelnen Episoden spielen sich, äußerst elegant, vor dem Hintergrund von „Frühstück bei Tiffany“ ab.

Deshalb lohnt, in beide Geschichten reinzuschauen um danach klarer zu sehen, was Ella meint, wenn sie sagt: „Immer wenn ich was über eine Frau lese, die mich interessiert, frage ich mich, ob ich nicht eigentlich lieber wie sie leben möchte. Das ist doch eine Frage, die wir uns alle immer mal wieder stellen: Lebe ich das Leben, das ich immer haben wollte?“ In einer Gegenwart, die Peter Sloterdijks Ratgeber „Du musst Dein Leben ändern“ als ernsthafte Anregung betrachtet, kommt Annika Reichs ironisch-doppelbödiger Kommentar wahrlich zur rechten Zeit.

Annika Reich: „34 Meter über dem Meer“, Hanser, 272 Seiten, 18,90 Euro

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