Ernst von Glasersfeld: „Ich bin ein boshafter Mensch“

Es ist klar, dass der Radikale Konstruktivist Ernst von Glasersfeld (1917-2010) die von ihm begründete Theorie aus dem eigenen Lebenslauf heraus erklärt, denn stets nahm er an, dass Wissen immer nur Wissen sein kann, das jemand aus seiner Erfahrung heraus gewonnen hat; Wissen ist nicht objektiv für alle gleich als Einziges vorhanden, sondern immer an ein subjektives Bewusstsein gekoppelt. – Nun gehört der Radikale Konstruktivismus zu den komplexesten Theorien der vergangenen 50 Jahre. Um den Einstieg catchy zu machen lohnt es sich, wie in so vielen anderen Theoriefällen, dem Denker selbst zuzuhören und sich von ihm die grundlegenden Sachen erklären zu lassen, anstatt gleich in die wesentlich schwieriger zu ordnenden Texte einzusteigen. Der verdienstvolle supposé-Hörverlag aus Köln hat die philosophische Gegenwart ins Totenreich verlängert, frei nach Thomas Edisons Beobachtung: „Speech has become as it were, immortal.“

Wer sich mit dem faszinierenden Design des Radikalen Konstruktivismus beschäftigen und sein Weltbild auf links drehen will, der steigt entweder ein mit dem Suhrkamp-Band „Radikaler Konstruktivismus – Ideen, Ergebnisse, Probleme“ Ernst von Glasersfelds, schaut sich vielleicht rasch die YouTube-Videos zum Thema an oder er kauft, das ist die beste Möglichkeit, die 67-minütige Aufnahme „Zwischen den Sprachen – Eine persönliche Geschichte des Radikalen Konstruktivismus“. Der Begründer dieser Theorie selbst erzählt hier anhand zahlreicher, weltweit spielender Anekdoten, wie er darauf gekommen ist, dass wir uns während einer x-beliebigen Kommunikation „in der Rolle des Weins wiederfinden.“ Was das bedeutet, soll weiter unten geklärt werden.

Ernst von Glasersfeld wurde 1917 als Österreicher in München geboren. Als Diplomatenkind wuchs er dreisprachig auf, lernte früh Deutsch, Englisch, Italienisch und später am Französisch. Wenn er selbst im hohen Alter morgens seine Freiübungen machte, zählte er mal in dieser, mal in jenem Idiom, weil er keine Muttersprache besaß. Er wurde zwar in der deutschen Sprache erzogen, doch die Eltern, das berichtet er im supposé-Stück, sprachen Englisch miteinander, „wenn sie wollten, dass ich nicht höre, was sie sagen.“ Das war für den kleinen Ernst der rechte Ansporn, um auch diese Sprache so schnell wie möglich zu beherrschen.

In Südtirol redete er beim Spielen mit den anderen Kindern Italienisch und machte deshalb früh die Erfahrung, dass jede Sprache nicht nur anders aufgebaut, sondern auch ein immer wieder neuer Zugang zur Welt ist; nichts lässt sich Eins-zu-Eins übersetzen. Aus dieser Idee sollte er Jahrzehnte später dann jene Theorie entwickeln, die als Radikaler Konstruktivismus in der Wissenschaft, aber auch darüber hinaus, bekannt werden sollte – ohne die hier zusammengeführten Annahmen gäbe es weder den „Matrix“-Blockbuster, noch die US-amerikanische Fernsehserie „The Affair“.

Bei supposé wundert sich von Glasersfeld beispielsweise, dass die deutschen Philosophen ohne den englischen Begriff „mind“ ausgekommen sind. Im Englischen bedeutet mind „die intelligente Instanz, das bewusste Denken und Benehmen.“ Von dieser Definition ausgehend kann „mind“ nicht gleichgesetzt werden mit dem deutschen „Geist“ oder mit Ludwig Wittgensteins Annahme eines Bildes, das einem Kind vor die Seele kommt. Das englische „mind“ ist etwas anderes als soul oder spirit, wobei im Deutschen die letzten beiden Wörter gleichzeitig als „Geist“ bezeichnet werden können (während der „Geist“ als Erscheinung sowohl „ghost“ als auch „apparition“ sein kann). Daher ist Übersetzen schwierig, immer nur eine Annäherung. Vielleicht erinnert sich der Eine oder Andere an Javiar Marias’ Roman „Mein Herz so weiß“, in dem sich mithilfe versteckter Codes eine Simultandolmetscherin und ihr Kollege näherkommen, während sie eigentlich nur die Aussagen ihrer Auftraggeber  in die jeweils andere Sprache übertragen sollen.

Diese Möglichkeit von Übersetzung kann die Aussage des Anderen zum Vorschein bringen, aber auch verhüllen. Das thematisiert Ernst von Glasersfeld, indem er auf die sinnentstellenden Übertragen von Jean Piagets Schriften ins Englische verweist, die dazu geführt haben sollen, dass der Entwicklungspsychologe in den USA lange nicht wahr- oder ernstgenommen wurde. Die dortige Wissenschaft ging davon aus, Kern der Überlegungen Piagets sei, dass Kinder Lehrstoff in kleinen Stücken lernen sollen – „aber das hat Sokrates schon gewusst.“ Zu einem der Vordenker des Konstruktivismus konnte Piaget nur deshalb werden, weil von Glasersfeld, der die französischen Originale kannte, auf Piagets epistemologische Grundlagen eingegangen ist. Diese hat von Glasersfeld als Radikalen Konstruktivismus bezeichnet, im Gegensatz zu dem, was er Trivialen Konstruktivismus nannte, eine pejorativ klingende Unterscheidung, die etliche Kollegen verärgert hat. Ernst von Glasersfeld war das aber egal, so wie ihm laut eigener Aussage stets gleichgültig gewesen ist, was andere Menschen von ihm und seiner Theorie halten. „Das hat mich nie interessiert. Ich bin ein boshafter Mensch.“

Nein, boshaft ist er selbstverständlich nicht, das beweist neben seinen Schriften auch die supposé-Aufnahme. Da der radikale Konstruktivismus davon ausgeht, dass Verstehen abhängig ist von dem, was wir aus unserer Umwelt selektieren, besitzt er keinen dogmatischen Ansatz. Es ist unmöglich, den eigenen Gedanken via Kommunikation in sein Gegenüber zu verpflanzen; das können nur die Helden von „Inception“ (mit Leonardo di Caprio). Das erklärt von Glasersfeld in seinem Buch mit dem „Cocktail-Party-Phänomen, das jeder von uns kennt: „Man ist gerade in den Klauen eines Gasts, der eine furchtbar langweilige Geschichte erzählt. Plötzlich merkt man, daß hinter dem eigenen Rücken ein viel interessanteres Gespräch abläuft. Da man den Langweiler nicht beleidigen will, hört man weiter auf das, was er sagt, aber gerade nur so weit, daß man ein ermutigendes Grunzen von sich geben kann, wenn er eine Pause macht, um Atem zu schöpfen. Der größte Teil der eigenen Aufmerksamkeit ist auf das gerichtet, was hinter einem gesagt wird. Das bedeutet, daß man in der Lage ist, seine Aufmerksamkeit beliebig auf unterschiedliche Punkte im eigenen Hörfeld zu richten.“ (36/37)

Es gibt zahlreiche Aspekte, auf die nach 67 Minuten Hörspielzeit eingegangen werden kann. Abschließend bemerkenswert ist, den Titel „Zwischen den Sprachen“ aufgreifend die Verbindung von Wirklichkeit/Realität und Begriffen. Wirklichkeit und Realität werden gemeinhin synonym gebraucht, doch damit wird eine feine Differenz suspendiert. „Vom konstruktivistischen Standpunkt aus ist Wirklichkeit das, was wir aus unseren Erfahrungen und den Abstraktionen von unseren Erfahrungen selber daraus aufbauen“, sagt von Glasersfeld, „und im zweiten Schritt wird dieser Aufbau an die Wirklichkeit Anderer angepasst, damit man überhaupt mit ihnen auskommen kann.“

Ein einfaches Beispiel: Alle verstehen unter dem Wort „Tisch“ das Gleiche, obwohl er viele verschiedene Tische gibt. Dafür reicht ein Blick in unterschiedliche Konversationslexika. Doch stellen wir uns alle unter „Tisch“ den exakt gleichen Tisch vor? Mit Sicherheit nicht. Dennoch können wir uns verständigen und wissen, was der Andere meint, wenn er „Tisch“ sagt. Es besteht ein sehr lockeres Verhältnis zwischen Signifikat und Signifikant. „Es ist nie so, dass meine Bedeutung die gleiche ist wie ihre.“ Wichtig ist nur, dass unser Gespräch gegenseitlich zu verstehen ist. Das kann man auf als „passen“ im negativen Sinn bezeichnen – es erregt keinen Widerstand. „Die Realität ist das, das einem in der Erfahrung hier und da Hindernisse entgegenstellt“, sagt von Glasersfeld, „von denen ich nicht weiß, ob sie daraus entstehen, dass meine Konstruktion einen Widerspruch enthält, oder ob da tatsächlich etwas ist, das mir nicht erlaubt, diese Aktion auszuführen.“

Dieses Anpassen bringt kein Angleichen mit sich, sondern besteht allein darin, dass man einen Ausweg findet, um die unterschiedlichen Bilder von Tisch auf einen Begriff zu bringen. Ernst von Glasersfeld bemerkt, dass der englische Begriff „share“ in ganz und gar unterschiedlicher Weise verwendet werden kann. Es ist ebenso möglich, sich eine Wohnung oder eine Flasche Wein zu teilen. Der Clou liegt darin, dass die Wohnung stets die Gleiche bleibt, egal, wer gerade in ihr wohnt. Die Flasche Wein, die zwei Freunde miteinander teilen, ist von anderer Qualität, denn keiner kann den Wein des anderen trinken. „Und in der Kommunikation ist man im Fall des Weins.“ Man teilt zwar ein Wort, aber nur in dem Umfang eine ähnliche Interpretation, dass sie die Kommunikation weiterträgt. Wer „deckst Du bitte den Tisch“ sagt muss im Kopf nicht das gleiche Bild eines Tisches wie der Andere aufrufen. Es ist schon klar, was mit „deckst du bitte den Tisch“ gemeint ist.

28926Niklas Luhmann hat genau diese Beschreibung von Kommunikation, in der Ego und Alter „black boxes“ füreinander sind, in seine Systemtheorie übertragen. Aus den Beobachtungen von Radikalem Konstruktivismus und Systemtheorie folgt: Man sollte sich klarmachen, dass der Andere (Alter) niemals exakt das versteht, was man selbst (Ego) ausgedrückt haben wollte. Mit dieser Sicht kann man im Alltag vielen Situationen des „missunderstandings“ unaufgeregt begegnen. Wenn man sich missverstanden fühlt, muss man eben konkretisieren, einen anderen Ansatz finden, neue Begriffe ins Gespräch bringen, damit die Kommunikation durch diese behutsame Anpassung weiterlaufen kann. „Das Anpassen bringt kein Angleichen mit sich, sondern besteht darin, dass man einen Ausweg findet.“ Man steht zwar vor dem gleichen Hindernis wie zuvor, doch jetzt “geht man daran vorbei.“ – Dieses Hörbuch mit Ernst von Glasersfeld öffnet eine komplett neue Welt; in der die Lösung nicht mehr das Problem darstellt.

Ernst von Glasersfeld. „Zwischen den Sprachen – Eine persönliche Geschichte des Radikalen Konstruktivismus“, supposé, 67 Min, 18 Euro (audible-Download: 9,95 Euro) / ders.: „Radikaler Konstruktivismus – Ideen, Ergebnisse, Probleme“, mit einem Vorwort von Siegfried J. Schmidt, aus dem Englischen von Wolfram K. Köck, Suhrkamp, 376 Seiten, 18,00 Euro

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