Rezension: Brustwarzenpiercings und Blow Jobs

Eine 16-jährige verlebt ein Highschool-Jahr in Kanada. Und dieses Jahr steigert sich von Party zu Party, von Exzess zu Exzess, bis das Mädchen am Boden liegt – im Debütroman „Export A“ (nach einer kanadischen Zigarettenmarke) von Lisa Kränzler.

Die ausgewählte Musik hätte eigentlich weisen können, wohin der Weg dieser anfangs so harmlos gestarteten Heldin führt. Die kapitalismuskritischen Rage against the Machine eröffnen mit „Bombtrack“. Tool werden zitiert, große Fans des Kommunisten Karl Marx. Es tauchen The Offspring auf, die Deftones, Rap von DMX, Dr. Dre und zum Schluss ein Hard Rock-Klassiker: Led Zepplin mit „Stairway to heaven“. Das klingt ganz klar nach Krawall. – Zur Story: Nachdem ihre ältere Schwester einen Kanadier geheiratet hat, nutzt Elisabeth „Lisa“ Kerz (Kränzler?) ihre große Chance. „Über Schlamm und Schotter rumpeln wir über ein großes Stück Land und ein kleines Stück Lichtung, beides im Besitz meines Schwagers. Die beiden frischverheirateten Landbesitzer haben diesen September eine zweifache Verantwortung übernommen: für ein Versprechen, bis dass der Tod sie scheidet, und für mich, eine 16-Jährige, die offizielle Aufsichtspersonen benötigt, um im Ausland leben zu dürfen.“

Lisas Weg wird steinig bleiben. Zunächst zieht sie in ein kleines Apartment und geht regulär zum Schulunterricht. Doch sie mag ihre Vermieterin nicht, die in den angrenzenden Zimmern eine Kindertagesstätte eingerichtet hat und in Lisas Augen nichts anderes ist als „reizlose Frau mit Lippenstift auf den Zähnen und geschmackloser Perücke.“ Schnell wird klar, dass Lisa sich mit dieser Frau überwerfen wird. Es wird ebenfalls deutlich, dass die 16-jährige von Problemen übermannt wird. Sie hungert. Sie übergibt sich nach dem Essen. Sie lässt ihre Brustwarzen piercen, lernt die ersten Jungs kennen und macht zweifelhafte Erfahrungen – eine geduldete, vielleicht auch provozierte Vergewaltigung, spontane Blow Jobs. Lisa avanciert zur Schulschlampe.

Sie schwänzt den Unterricht. Anfangs sind es nur wenige Stunden. Doch nachdem sie aus der einen Wohnung geflogen ist und in einer Party-WG andockt, gerät ihr Leben aus den Fugen. Das ist zunächst ganz lustig mitzulesen, weil die Jungs, mit denen Lisa abhängt und säuft und Drogen nimmt, auf typische Kifferideen kommen. Dazu gehört auch die tägliche Dosis Bong rauch für den Hauskater, der auf den skurrilen Namen „Black Sabbath“ hört. Ihre Schwester und der Schwager versuchen irgendwann allerdings zu retten, was zu retten ist. Sie nötigen Lisa, jeden Sonntag in die Erweckungskirche zu gehen. Sie kasernieren sie bei einem christlichen Ehepaar. Sie drohen ihr Gewalt an. Aber Lisa lässt sich nicht bändigen, nimmt immer weiter Reißaus und bringt sich, am nächtlichen Tiefpunkt ihres Kanada-Aufenthalts, in Bredoullie. Von dieser Nacht an wird ihr Leben von einem Unglück überschattet sein und ein 16-jähriges Mädchen, das sich bei der Ankunft noch als Kind verstanden hat, wird von da an in Schuld leben. „Export A“ ist ein nervöser Verzweiflungstext. Und es fließt Blut.

Lisa Kränzler: Export A“, Verbrecher Verlag, 268 Seiten, 21 Euro

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