Der tote Hase

Mascha aus Aserbaidschan ist Jüdin, Rastafari, Hasenmörderin, bisexuell und psychotisch, unfassbar klug und wankelmütig: Im Debütroman „Der Russe ist einer der Birken liebt“.

Als Elias sterbend im Krankenhaus liegt, hat Freundin Mascha eine teuflische Idee. Sie beobachtet auf dem Rasen einen Hasen und beschließt, mit Gott zu handeln: „Elias gegen Hase, ER sollte das Tier sterben lassen und nicht Elias.“ Sie beugt sich hinunter, streichelt mit zitternden Händen den Kopf des Hasen. „Ich bat ihn um Verzeihung und ließ den Stein wieder fallen, dieses Mal traf ich, sein Schädel zerplatzte, das Gehirn lief aus, vermischte sich mit Blut und Knochensplittern. Ich wendete mich ab und unterdrückte die aufkommende Übelkeit.“

Das Hasenopfer wird nichts nützen. Elias stirbt an einer schlecht verheilten Fußballverletzung. Maschas Leben bricht erneut in Olga Grjasnowas „Der Russe ist einer, der Birken liebt“. Ihrer jüdische Heldin wird keine Ruhe gegönnt. Mascha aus Aserbaidschan, geflohen nach Deutschland, ist Studentin, angehende Dolmetscherin, Lebensverknallte – und Trauernde. Sie trauert um Araber Elias, der in ihren Augen „bübchenhübsch“ gewesen ist. Sie trauert, wie in Klischeevorstellungen nur Osteuropäerinnen trauern können.

Mascha rastet aus, betäubt den Schmerz mit unterschiedlichem Sex. Wenn sie sich anderen Frauen, anderen Männern hingibt, dann flieht sie zunächst vor sich selbst. Wenn sie nach dem Studium den Flug von Deutschland nach Israel bucht, um eben dort als Dolmetscherin zu arbeiten, flieht sie körperlich, komplett. Sie wird zur weiblichen Form von Ahasver, dem ewig wandernden Juden.

Der (oft missbräuchlich verwendeten) Legende von 1602 nach hat Ahasver als jüdischer Schuhmacher um 30 n. Chr. in Jerusalem gelebt. Er soll Jesus sowohl verspottet, als auch an der Rast gehindert haben, als „Gottes Sohn“ mit seinem Kreuz vor Ahasvers Haus zusammenbrach. Zur Strafe wurde Ahasver verdammt, auf Ewig durch die Welt wandern zu müssen, ohne Rast, ohne sterben zu können.

Dieses Wandermotiv taucht überall in der Literatur auf – von Goethe über Adalbert Stifter bis Friedrich Dürrenmatt. Ist also ein ganz schöner Brocken, den Olga Grjasnowa hier bearbeitet, wenn sie Mascha aus Aserbaidschan nach Deutschland, von Deutschland nach Israel und zum Schluss von Israel nach Palästina schickt. Es ist, nebenbei gesagt, eine Tour vom jüdisch-islamischen Aserbaidschan übers christliche Deutschland, ins wiederum jüdisch-islamische „geheiligte Land“. Es ist eine Suche nach Identität.

Grjasnowa_23854_MR2.inddMascha wird sich immer wieder fremd fühlen. Sie wird versuchen, das Neue zu übersetzen (sie ist nicht zufällig Dolmetscherin). Sprache ist bei ihr der Schlüssel. Damit entreisst dieser Roman die Integrationsdebatte aus den Klauen von Thilo Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“) und der im Roman geschilderten CDU, die Ausländer allein als Wirtschaftskraft im Land integriert wissen will. Integration wird bei Olga Grjasnowa zum Abenteuer – für uns alle. Weil bei ihr Zugezogene die Kultur, die Art zu denken, zu sprechen, auch zu lieben verändern.

Das ist um Niederknien wunderbar. „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ kommt in vielen Aspekten schonungslos daher. Wenn mit Blick auf die israelische Siedlungspolitik bitter angemerkt wird, die Konzentrationslager im Dritten Reich seien keine Besserungsanstalten gewesen, wagt sich Olga Grjasnowa weit hinaus. Nun, sie darf das, als ebenfalls Wandernde (von Baku nach Polen, Israel, Leipzig, Berlin), als Vertriebene, als Geprüfte – als eine große Autorin, die weiß, wie ereignisreiches Leben (und das Schreiben darüber) funktioniert.

(Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, Hanser, 288 Seiten, 18,90 Euro, Das Hörbuch, gelesen von Julia Nachtmann, erscheint bei Hörbuch Hamburg / Taschenbuch bei dtv, 9,90 Euro, ab September 2013 / Das Beitragsbild kommt von Wikipedia)

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