Rezension: Gebratene Meerschweinchen

In dieser Frühlingswoche geht es endlich an die Copacabana, mit „Popcorn unterm Zuckerhut“ und den besten Geschichten aus Brasilien, dem Gastland auf der Frankfurter Buchmesse 2013. Wagenbach startet damit eine sehr bunte, sehr schön gestaltete Reihe. 

Am Ende des wild gemischten „Popcorn unterm Zuckerhut“-Bandes glaubt man, die junge brasilianische Literatur bestünde hauptsächlich aus Essen, Rauchen und Musik. Zwanzig Geschichten erzählen von Nirvana, George Harrison, Zezé Di Cargo & Luciano, Led Zeppelin, Vuvuzelas, Tango, Samba, Karneval. Außerdem geht es um exotische Gerichte wie gebratene Hühnerherzen, Pão de queijo und Jabuticabatörtchen. Gefressen wurde in der Literatur schon immer. In Heinrich Wittenwilers „Der Ring“ artet eine spätmittelalterliche Bauernhochzeit aus. Thomas Manns „Buddenbrooks“ verzehren kiloweise Franzbrötchen mit Taube. Günter Grass („Die Blechtrommel„) ist ohne Mahlzeiten undenkbar. Wer es weniger hochliterarisch mag: Werner Köhlers Restaurantroman „Cookys„, die sehr clevere, auf unterhaltsame Weise sprachwissenschaftlich orientierte Geschichte „Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen“ und das sinnlich-exotische „Feine Kost“ machen „Hunger“ auf mehr.

In diesem Band wird nicht nur unheimlich viel verzehrt. Es wird auch mehr geraucht, als einem durchschnittlichen Leser guttun kann: Zigaretten, Zigarren, Joints. Es gibt Räucherstäbchen, Insekten-Scheiterhaufen, Grills.  „Das Kriterium für die Aufnahme der 20 Kurzgeschichten war – zugegebenermaßen – ein zutiefst kulinarisches. Um nicht zu sagen, der Geschmack stand im Vordergrund“, schreibt Herausgeber Timo Berger im Vorwort. „So dürfte es nicht verwundern, dass in den meisten der Geschichten von Autoren, die zwischen 1968 und 1981 geboren wurden, Lebensmittel, fleischliche oder sublimierte Freuden oder im weiteren Sinne Aneignungsversuche eine Rolle spielen.“

Interessant ist, was die einzelnen Autoren aus ihren Zutaten machen. Wenn deutsche Literatur von Popmusik erzählt, geht es um Oasis-Biographien, DJ-Erinnerungen und Mediendiskurse. Übers Essen wird seit jeher geschrieben (mehr in den Querverweisen), geraucht immer weniger. (Wer sich für Tabak in der Literatur interessiert, kann hier nachschlagen, das ist ganz unterhaltsam.) – Doch was macht „Popcorn unterm Zuckerhut“ aus den kulinarischen Standardsituationen; definitiv kein Sterne-Dinner. Zumeist wird es überraschend krass.

Ein Tierquäler sperrt eine Heuschrecke in eine Kakaodose und legt diese ins Feuer: „Ich vernahm Geräusche, während das Etikett des Kakaos verschmorte. Ein verzweifeltes, heftiges Klopfen, das schnell verebbte. Ein Klopfen, das von Entsetzen und Bewusstsein zeugte.“ In einer Geschichte fühlt sich die umworbene Heldin während des Liebesspiels immer jünger und jünger und jünger. „Zuerst unten, sagt er. Das Badewasser ist lauwarm, die Seifenstücke haben die Form von Herzen und Erdbeeren. Wie alt bis du? Vierzig. antworte ich. Als Nelson meine Füße berührt, bin ich fünfunddreißig.“ So geht es immer weiter, bis zu dem Satz: „Mit vierzehn hat man keine Ahnung, wie intensiv sich die Berührung mit Wasser anfühlen kann.“

Ein Schiffskoch vergiftet die komplette Mannschaft. Hühnerherzen konservieren die Erinnerung an eine sehnsuchtsvolle Liebe. Ausgerechnet frisches Brot wird eine Kettenreaktion in Gang setzen, an deren Ende ein junger Typ im Gefängnis landet. Ein verrückter Kurator wird im Anfall von Wahnsinn im Museu de Arte Moderne von Rio de Janeiro ein Feuer legen. „Während des Brands kommt er wieder zu Verstand, und er verzweifelt und bereut seine Tat und begeht ein drittes und ein viertes Verbrechen.“  Später wird er als beleibter Popcornverkäufer zurückkehren. Das Buch ist randvoll mit derartigen Figuren. Es ist in der Tat: „Popcorn unterm Zuckerhut“, in allen Varianten, die es an der Copacabana zu kaufen gibt, also herzhaft mit Gewürzmischung, mit Salz, mit Zucker, Karamell oder Honig . Man sollte zu jeder Story wenigstens ein kleines Glas Wasser trinken. Das hilft.

Timo Berger (Hg.): „Popcorn unterm Zuckerhut – Junge brasilianische Literatur“, Wagenbach, 146 Seiten, 9,90 Euro

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