Elementarteilchen in Manchester

England hat einen neuen Literaturstar. Joe Stretch, Sänger der Indie-Band „Performance“ hat mit seinem Romandebüt „Widerstand“ zarte Gemüter aufgewühlt und Hard-Boiled-Fans überrascht. Gelangweilte Konsumkids suchen den großen Kick. Das ist keine neue Geschichte – aber Joe Stretch hat sie, 19-jährig, neu erzählt.

„Widerstand wogegen?“ lautet die erste Frage, beim Blick aufs trashige Rowohlt-Cover und man erinnert sich an 68er-Revolten, die nun, 40 Jahre später, wie vergangene Tiefschlafträume wirken. Doch Joe Stretch bringt die Revolution mit ziemlich viel Egozentrismus zurück, in die Helligkeit, ins Wache: Sechs junge Menschen feiern, vögeln, palavern monatelang durchs nervenaufreibende Manchester. Sie fühlen sich seltsam vereinnahmt, ausgeraubt, von einer Welt aus Sexmaschinen, Aktienerektionen, Pornofummel, Gangbang-Parties. Sie haben nicht einmal das Gefühl, „gezeugt worden zu sein.“ Langeweile.

Männer schwängern Mädchen, nur um den Fötus später wieder abzutreiben, auf dem heimischen Küchentisch, als „dillettantische Chirurgen“, mit dem Essbesteck. Sie crashen spießige Antiporno-Kundgebungen und wenn der eigene Vater stirbt, bleibt nur diese letzte Frage: Was bedeutet sein Tod finanziell für mich? – Der Widerstand, der sich nun stetig regt, hat also nicht nur mit der abstrakten Gesellschaft da draußen zu tun. Der Widerstand entsteht in den Revolutionssüchtigen selbst, es ist der Ekel vorm eigenen Leben, der diese zweifelhaften Helden neue Wege einschlagen lässt.

„Ich werde solange Geld in Sex stecken, bis nur noch ich übrigbleibe“, sagt der hochfrustrierte, beinah resignierte Justin. Aber sein Versuch, Feuer mit Feuer zu bekämpfen, den Sex mit Sex auszutreiben, misslingt. Zum Schluss wird ein Mädchen diese zweifelhafte Praxis, dieses Experiment  nicht überleben; nachdem sie sich sechs Monate lang an einen strombetriebenen Stimulator angeschlossen hat. „Jetzt ist sie verkohlt.“

Solche Unfälle verlangen nach einem neuen Menschenbild, nach einer erotischen Vision, die ein klassischer Körper unmöglich entwickeln kann. Ewige Lust im ewigen Körper. „Die Zukunft heißt Liebe.“ Und sie bedeutet, dass Sex und Zeugung voneinander getrennt werden müssen, um den Menschen an sich zu erhalten (siehe Abtreibung, siehe Sexsucht mit Todesfolge usw.) „Die Zukunft heißt Liebe.“ Aber der Schlüssel liegt im genmanipulierten Lebewesen. Seine Vision heißt Genetik.

Solche Gedanken sind nicht neu. Der französische Skandalschriftsteller Michel Houellebecq hat ähnliche Szenarien längst durchgespielt. Es ist also ausnahmsweise kein Zufall, dass Joe Stretch mit Houellebecq verglichen wird (wie viele seiner Kollegen), dass er verglichen wird, mit dem Autor von „Elementarteilchen“ und „Ausweitung der Kampfzone.“ Joe Stretch blickt ähnlich düstern auf die Gegenwart, auf den allgegenwärtigen Lust- und Pop-, und Jugendmarkt. Er verlangt, wie Michel Houellebecq, ein letztes Aufbäumen des Menschen. Er verlangt den Widerstand. Das mag im Debüt etwas schlichter als beim großen Franzosen daherkommen. Das ist konfuser, jünger, weniger melancholisch. Aber dafür ist es auch ein bisschen hip, ein bisschen „Trainspotting“, ein bisschen Serien- und Talkshowstil. Und es sagt deutlich, was hier die Devise ist: nämlich „Widerstand“, endlich, los!

(Joe Stretch: „Widerstand“, übersetzt von Volker Oldenburg, Rowohlt, 380 Seiten, 19,90 Euro)

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