Rezension: Lolli hat Lolitagefühle

Levi’s sind das männliche Pendant zu weiblichen Strapsen. In den 1980er Jahren galten solche Sätze als wahr. Mehr Weisheiten aus dem vorletzten Jahrzehnt offenbart die Autorin Verena Carl in ihrem Roman „Irgendwie irgendwann“.

Dire Straits, Anti-AKW-Demos, Angstdebatten, Spontischerze: Verena Carl erinnert in ihrem freundlichen Freiburgroman „Irgendwie irgendwann“ an die 1980er, als Internet  und iPod ferne Visionen, dafür aber Helmut Kohl und die DDR traurige Realität waren. „Sonne statt Reagan! Frauen, entrüstet euch!“ Das ist beinahe so klug-witzig wie Sven Regeners „Frank Lehmann“-Geschichten. Das hat zum Glück nichts mit Florian Illies‘ „Generation Golf“ zu tun. „Irgendwie irgendwann“ ist nicht nur wegen des grasgrünen Covers der perfekte Roman für erste Sonnentankmomente im frühlingshaften Stadtpark, sonntagmorgens, wenn die Kirchturmglocken schlagen.

Lolli ist zwölf und orientiert sich semisouverän im privaten und öffentlichen Wirrwarr. Ihre sexuell indifferente Mama Gerhild wohnt mit einer Frau zusammen, die lilafarbene Latzhosen trägt. Papa lebt als Armysoldier in den USA und Stefan Eberlein, Lollis erster Freund, küsst „genauso gewissenhaft“, wie er auch alles andere tut: Zum Beispiel Möhrenbrotkrümel mit angefeuchteten Fingern aufpicken. Kein Wunder also, dass Lolli Lolitagefühle entwickelt und für den novalisartigen Prosaminiaturenautor Anton schwärmt. Kann ihr Begehren erwidert werden? Welchen Wert hat die Liebe, kurz bevor alles im Atomkrieg untergeht?

Verena Carl hat einen rasanten Erwachsenwerden-Roman geschrieben, der nie in klammschwüle Trivialität abrutscht. Sonnig, das sind die knapp 300 Seiten, sonnig wie der Freiburger Himmel, unter dem Verena Carl 1969 das Licht der Welt erblickte. Später verbrachte sie (des nachts, wenn besagter Himmel dunkel ist), Stunden, Stunden, Stunden in der örtlichen Disko „Zorba The Buddha“, bevor sie zum Studium nach München geflüchtet ist. Beim Poetry Slam hat sie ihre Liebe zur Literatur entdeckt, das Schreiben begonnen und zum Glück bisher nicht aufgegeben. Es folgten Kinderbücher und Romane, unter anderem „Eine Nacht zu viel“. Heute lebt Verena als freie Autorin und Journalistin in Hamburg. Schönes Debüt.

Verena Carl: „Irgendwie, irgendwann“, Eichborn, 300 Seiten

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