Eine Weihnachtsgeschichte

Mein Vater liegt im Sterben. Mutter weint. Wir telefonieren. Ich schaue schweigend aus dem Panoramafenster. Die Scheibe steht leicht gekippt. Auf dem Balkon: verwelkte Tomatenbäumchen vom Spätsommer. Lauer, frühlingshafter Wind weht Haselpollen in die Wohnung. Irgendwo Gelächter. „Ein Unfall“, sagt Mutter, „in Kiew, auf dem Weg zum Flughafen. Ausgerechnet jetzt.“ Ich denke: „Warum ausgerechnet?“ – „So kurz vor Heilig Abend…“ Mutter terminiert in Gedanken Vaters Todestag, unbeabsichtigt. Als er mich vor ein paar Jahren ohrfeigte, spuckte ich in sein Gesicht. Warum mir das jetzt wieder einfällt? „Sieht nicht gut aus, angeblich“, sagt Mutter und etwas kippt im Szenenbild. – „Wirst du hinfliegen?“ Ich denke kurz an die Sparkassen-Typen von heute Mittag. Sie standen, in teure, modische Jacken (mit Kunstpelzkragen) gehüllt, am Lions-Club-Bütchen. Das blondierte Haar der Frauen war sittsam nach hinten gestrafft. Sie umfassten ihre Pfandtassen beidhändig, als stünden sie im tiefsten Tundra-Frost. Michael, der mit mir war, sagte was von „Klimawandel, Klimawandel!“ Ich erinnere mich, gelacht zu haben. – „Der Flug geht in fünf Stunden. Die Firma weiß Bescheid. Sein Chef holt mich ab“, sagt Mutter, bemüht gefasst. Dann legt sie auf. Ich schnippe die Kippe durch den Fensterspalt. Schwindel. Mein Kopf zerspringt schier im Unterdruck. Reflexartig kotze ich unsere blank geputzte Spüle voll.

Der Himmel ist rot, wie Tomatenkonkassee. Ich kann nicht schlafen. Im Radio laufen Jingle zu Discount-Weihnachts-Angeboten der Supermarktkette Plus. Ich liege auf dem Rücken, schalte in letzte Szenen einer deutschen Liebeskomödie: „Nackt“. Auf dem Ikea-Nachttisch erinnert die Fossil-Halskette (mit Herzanhänger) immer noch an meine Ex. Ich habe die Kette vor Monaten verschenkt, und (auch vor Monaten) wieder zurückerhalten. Es war kein gutes Jahr. Mutter meldet sich nicht. Halb sechs. Das Rot zieht sich langsam zurück. Der Tag beginnt. Bürolichter werden in entfernten Betonhochhäusern angeschaltet. Ich verlasse mein Bett, tappe in den Gemeinschaftsraum, stecke eine weitere Zigarette an: Gauloises Blondes. Der graue Steinfußboden wird unter den Füßen immer kälter. Neben dem übervollen Mülleimer steht ein vertrockneter Adventskranz. Auf ihm liegen achtlos zusammengeknüllte Spekulatius- und Zuckerkringelpackungen. – Ich vermisse Stanislav und Anna, meine Mitbewohner. Sie sind längst daheim. Mir fällt ein, dass Mutter und ich nicht abgesprochen haben, ob ich dennoch zu ihr fahren soll. Abwarten. Weiß Oma Bescheid?

Der Kühlschrank ist leer. Hungrig lege ich mich wieder hin, falle in einen traumlosen Schlaf, es ist auch kein richtiger Schlaf. Ich wahe alle paar Minuten im Dämmer auf. Doch zwei Stunden später schrillt Annas Wecker aus dem Nebenraum. Ich schaue mit weit geöffneten Augen an die Decke. Mein Magen schmerzt. Der Wecker schrillt zehn Minuten lang. Ich friere und fiebere im augenblicklichen Wechsel. „Wie wird die Beerdigung aussehen?“ frage ich mich. Kauft der Sohn einen Kranz, auch wenn dafür eigentlich kein Geld vorhanden ist? Ich überlege, was ich meinem Vater ins Grab legen werde. Mir fallen ein paar Schwimmmedaillen ein, die ich achtjährig bei Schulwettkämpfen gewonnen habe. Auf jeden Fall die silberne Christbaumspitze. Die gefiel nur ihm. Wir treffen uns auf dem Balkon. Ben, Susi, ich. Die beiden, mehrere Semester über mir, sind ein Paar. Sie studieren hauptsächlich ihre Nebenfächer: Soziologie und Sport. Ben küsst Susi unentwegt. Aus ihrem Wohnbereich dringt White-Stripes-Bass nach draußen. „Wie Frühling hier“, sagt einer von uns. – „Gehst du heute Abend weg?“ Ich zucke mit den Achseln. In einem alten Bahnhof soll Paul van Dyk auflegen. „Zwanzig Euro, eigentlich“, sagt Ben. Sie laden mich ein, mitzukommen. Ich höre weg, während Susi was von Freikarten erzählt, „weil ich doch für diese Zeitung schreibe.“

Während Kirchenglocken läuten hänge ich herum, zappe gelangweilt durch Weihnachts-Shows und zwei, drei Actionfilme mit Bruce Willis. Ich sitze auf dem Boden, meine Knie werden wund. Mein Nacken verspannt, verkrampft sich langsam, während ich ein wenig sortiere.  – Sollte man Bücher nach Epochen, alphabetisch oder dem Geburtsjahr ordnen? In dem fünften Band (Dos bis Fau) von Vaters modernem Lexikon finde ich einen Zehn-Mark-Schein. Ein Tick von ihm. Mir ist bis heute nicht ersichtlich, warum Vater Geld in Büchern versteckte. Was ich ihn gerne fragen würde? Meine Eltern arbeiteten früher beide als Chirurgen. Vater ist vor Jahren ausgestiegen, hat das Krankenhaus verlassen, um wegzuziehen. Nun baut er Distributionsnetze für medizinische Verbrauchsartikel in der Ukraine auf. Irgendwelche EU-Fonds und die Kreditanstalt für Wiederaufbau geben gute Darlehen. Die Firma gibt meinem Vater eine Menge Geld. Soziologisch gesehen bin ich seit der achten Klasse Scheidungskind. Meine Mutter will davon nichts hören. Juristisch sind wir eine Familie, weiterhin. Seit zwei Jahren lebt Vater fast ausschließlich in Kiew. Er arbeitet im Transform-Programm. Per Diplomatenpost kommen Piroggen, Wodka, Matroschkas aus dem Osten. Hin- und wieder telefonieren Vater und ich, niemals länger als eine Viertelstunde. Ich werde angehalten, Fremdsprachen zu lernen. Als letztes fragt er immer: „Brauchst du Geld, mein Sohn?“

„Kopfschuss!“ Es war kein Unfall. Vater ist tot. Meine Mutter sagt: „Es gibt Ermittlungen.“ Der Botschafter wurde eingeschaltet. Ich frage mich, ob Journalisten über den Mord berichten werden. „Ausgerechnet jetzt, am Heiligen Abend.“ – Wir sprechen vielleicht fünf Minuten. Oma ist informiert. Mein Körper wird taub. Ich muss mich zwingen, regelmäßig durchzuatmen. Mein Herz pumpt unabhängig, ist außerhalb und sticht. Wenn ich schlucke, brennt es im Rachen, wie Mandelentzündung. Tonlos fällt Kunstschnee auf eine silbrig angestrahlte Volksmusik-Bühne. Alle sehen aus wie Stefan Mross. Das Bild erscheint sternförmig auf der Mattscheibe, dreht sich unerträglich langsam. Im selben Rhythmus pulsieren meine Pupillen, werden jedes Mal ein bisschen größer, bedecken scheinbar die Augäpfel. Ich falle auf mein Bett, drücke die Beendigungstaste am Telefon. Dann reiße ich das Kabel aus der Wand. Goa-Lounge im Chill-Out-Bereich, Chai-Tee, zwei Couchs, mit Lammfellen bedeckt, auf denen Mädchen ihre langen Haare unwirsch aus müden Gesichtern streichen. Ein kleiner Mirrorball jagt Sternschnuppen-Punkte über rote Wände. Auf dem Main-Floor legt Paul van Dyk auf, „We are alive“ zu DVD-Bildern, die von monströsen Hochleistungsbeamern ausgestrahlt werden. Paul van Dyk regelt konzentriert Mischpultknöpfe, mixt belanglose Refrains der Kuschelsängerin Dido in sanft pulsende Trancemusik. Sein rechtes Ohr wird von der dicken Kopfhörermuschel bedeckt. Zweitausend Menschen tanzen dicht aneinander vorbei, ohne sich zu berühren.

Jemand hat Weihrauch-Stäbchen angezündet. Eine Studentin setzt sich zu mir auf den Boden. Wir kennen uns aus Seminaren. Tina. „Bist du allein?“ fragt sie. „Wie man’s nimmt“, antworte ich. Wir schauen uns an. Sie ist schön. Mehr fällt mir nicht ein. Tina blickt verwirrt. „Was ist los?“ Der Goa-DJ legt eine FXU-Vinyl auf: „Sidewalk Vertigo“ von 2001, Latin-Ambient. Irgendwann küssen wir uns, eher aus Versehen. Mir wird warm. Ich denke an meinen Vater. Ich versuche, nicht an meinen Vater zu denken. Aus dem Augenwinkel erkenne ich drei junge Promoter mit Weihnachtsmann-Mützen, die kleine Tabakpäckchen verteilen. Sie beachten Mira und mich nicht. – Ich bin unsicher, ob man küssen darf, wenn der Vater vor wenigen Stunden erst gestorben ist. Ich bin unsicher, ob man dann in einem Bahnhofskeller Küsse unter Sternschnuppen-Punkten austauschen sollte. Mira umarmt mich, als könnte ich jederzeit fortgerissen werden. Es ist fast ein Erdrücken. Ihr Kinn auf meiner rechten Schulter. Man wird ihn nicht sofort beerdigen. Es gibt pathologische Notwendigkeiten. Tina hat geweint, als ich ihr vorhin davon erzählte. Vielleicht hat sie geweint, weil der Abend für uns erst einmal gelaufen war. „Du kannst mich jederzeit anrufen“, sagte sie. „Das meine ich ernsthaft.“ – Ich kann mich für keine Trauerform entscheiden und denke darüber nach, als wäre es eine Frage der Ästhetik, des Stils.

Menschen verlassen die Citykirche nach der Christmette. Es ist viertel nach ein Uhr, der erste Weihnachtstag. Am Himmel leuchtet drohend ein feister Flutlicht-Vollmond. Das digitale Thermometer, an der Paracelsus-Apotheke, zeigt null Grad. Im verschlossenen Christbaum-Käfig liegen erbärmlich verwachsene Tannen, manche in Netzen eingezwängt. – Daheim stehe ich wieder am Panoramafenster. Es ist verschlossen. Erste Schneeflocken wehen sanft über den Balkon. Ich rauche auf Lunge. Meine Hände zittern. Die Fossil-Halskette liegt nun hinter den Pullovern, im Schrank versteckt. Ich kann mich nicht entschließen, in stille Tränen auszubrechen. Das Tal ist hinter dichtem, weißen Wirbel versteckt. Ein Terrakotta-Topf fällt langsam um, auf den schwach bedeckten Balkonboden, bricht entzwei. Brüchige Erde klumpt in den Schnee. „Fürchte dich nicht“, flüstert Tina, als ich sie mobil erreiche. „Ich bin bald bei dir.“ Alles wird gut.

(Unter dem Titel „Alles wird gut“ ist diese Geschichte vor zehn Jahren in der Anthologie „Alles Gute kommt von oben?“ bei dtv erschienen)

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