Rezension: Die Erfindung der Kreativität

„Wenn es einen Wunsch gibt, der innerhalb der Gegenwartskultur die Grenzen des Verstehbaren sprengt, dann wäre es der, nicht kreativ sein zu wollen.“ Mit dieser Beobachtung beginnt Andreas Reckwitz seine gerade veröffentlichte Studie über „Die Erfindung der Kreativität“. Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Vidrina in Frankfurt/Oder. Er beschreibt in seinem bei Suhrkamp erschienenen Band, wie es dazu kommen konnte, dass heutzutage alle kreativ sein wollen – und kreativ sein müssen. 

2011 eröffnete beispielsweise in Düsseldorf ein Imbisswagen mit dem schönen Namen „Grillaurant“.  Die Betreiber versprechen auf ihrer Homepage keineswegs Pommes-Schranke, Herrengedeck und Schaschlikspieß. Nein, das „Grillaurant“ steht laut Eigenwerbung für eine urbane und kreative Imbisskultur. „Das Thema Wurst und Wein stehen hierbei im Vordergrund, was sich in vielfältigen Wurstkreationen samt restaurantmäßigen Beilagen widerspiegeln.“ Jetzt ist also auch der gute alte Imbiss „kreativ“. Das Brät wird kuratiert, die Wurst zur Kreation. – Wie konnte es eigentlich passieren, dass heutzutage selbst die Bratwurst, kreativ zu sein hat? Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz erzählt in seiner brillanten Studie über „Die Erfindung der Kreativität“, wie das Kreative die Herrschaft über unser Leben errang. Es gab nämlich eine Zeit, in der war es gar nicht wünschenswert, kreativ zu sein. Säufer, Tagediebe, Künstler waren kreativ. Aber keine Frisöre, Schneider oder Fabrikarbeiter. So waren die Eisenbahnmanager  des 19. Jahrhunderts handfeste Ingenieure. Sie mussten wissen, wie man Schienen von einem Ort zum anderen baut. Mit Kreativität hatte das nichts zu tun. Heutzutage nutzt selbst die Deutsche Bank Kreativtechniken, um ihre Finanzprodukte an den Mann zu bringen. Mit so genanntem: „Design Thinking“

„Meiner Meinung nach bietet DESIGN THINKING die Möglichkeit, in direkten Kundenkontakt zu treten, mit Menschen, die unsere Produkte nutzen wollen.“

Mit diesen Worten stellt Katharina Berger ihres Zeichens „Vice President Bridgehead Design Thinking of Deutsche Bank“ die neue Art des Bankerdenkens vor. Was nicht zwangsläufig schlecht sein muss – wenn Banker sich von Künstlern inspirieren lassen. Aber mal ehrlich: Am Ende geht‘s doch nur ums Geld. Bei jedem. Denn es waren die Künstler, die den Markt entdeckten – als sie keine Aufträge mehr von Hof und Kirche erhielten. Es waren die Künstler, die sich fragten, wie das gehen soll: „Kunst zu produzieren“? Ihre Antwort war beinahe ein bisschen langweilig. Wir werden Unternehmer, sagten sie sich. und entwickelten innerhalb kürzester Zeit Techniken, die 2012 auch in Bankhäusern bekannt sind:. nämlich: Das Brainstorming, die ecriture automatique, Andy Warhols „factory.“ Seitdem ist für alle klar:

„Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist ein Impulsgeber für alle.“  

Sätze wie diese hageln in Sonntagsreden auf uns nieder. Das Land ist inzwischen voll von Kreativ-Hair-Designern, kreativen Einkaufsstrategien, ja selbst: kreativen Fußballspielern. Womit wir wieder beim Düsseldorfer Edel-Imbiss „Grillaurant“, der urbanen Pommeskultur und den Wurstkreationen angekommen wären. Auf der Grillaurant-Homepage steht unter dem Schlagwort „Imbisskultur“ nämlich folgender Satz: Frau Herta Heuwer aus Berlin war es, die 1946 mit der Erfindung der Currywurst den Imbissmarkt revolutionierte und somit der damaligen Zeit voraus war.“

Dank Herta Heuwer schufen die Köche des Grillaurant-Imbisses Wurstkreationen aus Zander, Altbier, Blüten und Blut. Der Schriftsteller Uwe Timm fühlte sich aber auch von Herta Heuwer inspiriert und schrieb 1993 seine Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“. Nun kann man das Wort „Wurst“ nicht essen. Ob man der Creative-Pommes-Cuisine und den Produkten des schuftenden Schreibtisch-Schriftsteller allerdings den gleichen kreativen Nährwert zusprechen sollte – darüber kann zumindest gestritten werden. Zur Not auch: auf kreative Art und Weise.

Andreas Reckwitz: „Die Erfindung der Kreativität – Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung“, Suhrkamp-Verlag, 412 Seiten, 16 Euro.

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