Linkradar: Liebe ist überall

Die LesenMitLinks-„Winter“pause ist beendet, obwohl nach dem vergangenen Temperaturrekord (über 20 Grad im Januar) eher von einer Frühsommerpause gesprochen werden kann. Ich bin unterwegs, besuche kommende Woche Uwe Timm in seiner Münchner Wohnung, treffe erstmalig meine Kollegen vom Bayrischen Rundfunk, schaue mir Nürnberg an – und arbeite an einem bald zu sendenden Zündfunk-Feature zum „Terror in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“. Über „Je suis Charlie“ ist derart so viel gesagt worden, da bleibt nur die Solidaritätsbekundung und die Hoffnung, dass wir alle für jene Freiheit einstehen, die und unabhängig von Religion, Geschlecht, Nationenzugehörigkeit zusteht. Zugesprochen wird sie längst nicht jedem und angesichts von gefolterten Bloggern, ermordeten Karikaturisten und Pegida-Demos mögen andere Themen marginal wirken. Hier sind sie dennoch: Das Best-of vergangener Tage und als Beitragsbild eine Doppelseite der aktuellen Dumont-Vorschau zum neuen Buch von Jan Brandt.

4.1.1False Friends: Kein Land übersetzt so viel Literatur aus fremden Sprachen wie das unsrige. Übersetzer öffnen uns das Tor zu jener Welt, die schon lange lieber Englisch, Spanisch, Französisch spricht als die einstige Weltsprache Kants (Pathos aus). Reich wird keiner von ihnen. Deshalb streiten Übersetzer und Verlage seit 13 Jahren über neue Vergütungsregeln, seit zehn Jahren sogar vor Gericht. Der Carl Hanser-Verlag hat sich mit dem Verband der Übersetzer (VdÜ) geeinigt. Diese Regelungen sieht die Zunft nun als bindend – doch die anderen Verlage protestieren vehement. VdÜ-Vorsitzender Hinrich Schmidt-Henkel nahm Ende dieser Woche zum Streit Stellung und weist die Kritik der Verleger zurück.

me-2Luhmann weiblich: Die amerikanische Creative-Writing-Dozentin Mandy Len Catron (Bild) arbeitet an diesem „Love Story Project“, das mal wieder die Gefahren von Liebeserzählungen untersucht (Niklas Luhmanns „Liebe als Passion“ beschäftigte sich auch mit der „Codierung von Intimität“ durch Minnelyrik, Balzac-Romane, erfundene Konzepte der Zweisamkeit). Bekannt ist, dass gerade in der Liebe das Leben in die Kunst imitiert – nicht andersherum. Wie eine Short Story wirkt dagegen dieser reale Versuch von Mandy Len Catron. Sie hat ausprobiert, ob Liebe künstlich herstellbar ist, mithilfe dieser 36 Fragen, die aus dem Nebenmann, der Nebenfrau den Partner fürs Leben machen können.

1242_01_SU_Dobler.inddPENG: Vor wenigen Tagen wurde der (undotierte) Deutsche Krimipreis vergeben. Anders als beim Friedrich Glauser-Preis, der von der Autorengruppe Das Syndikat vergeben wird, sind die Juroren Literaturwissenschaftler, Kritiker und Buchhändler. Sieger ist in diesem Jahr Franz Dobler für „Ein Bulle im Zug“, hinter Syndikat-Mitglied Oliver Bottini für „Ein paar Tage Licht“ und Max Annas’ „Die Farm“. In der internationalen Wertung wurden ausgezeichnet James Lee Burke: „Regengötter“ vor Liza Cody mit „Lady Bag“ und Oliver Harris mit „London Underground“. Eine Preisverleihung fand wie üblich zwar nicht statt – es wurde aber flächendeckend über die prämierten AutorInnen berichtet.

wallcreeperThe Novel becomes a Künstelrroman: Einen sehr interessanten Essay veröffentlichte Jonathan Sturgeon auf Flavorwire Ende des vergangenen Jahres. Seine Beobachtung: „In 2014, instead, many of the best novels were autofictions that vigorously reasserted the self.“ Ob Karl Ove Knausgard, Ben Lerner oder Nell Zinks Debüt „The Wallcreeper“ – das Autor-ich wird wieder als glaubwürdige Instanz in die (Meta-)Fiktion eingebaut. „By this I mean that the self is no longer drowned in a system of disinformation, paranoia, and entropy, in the vein of Pynchon and DeLillo. Nor does the self get washed away in an ocean of hyperreality or unreality, in the (Baudrillardian) style of Ballard.“

03404e85In unzähligen Publikationen werden derzeit die 100 grünsten Orte in Beirut oder die 100 schönsten Militärorden des 20. Jahrhunderts propagiert. Abseits dieser schamlos oberflächlichen Ratgeberliteratur möchte es das Institut für Zeitgenossenschaft mit dem Kompendium Die 100 Wichtigsten Dinge wagen, ein Buch auf den Markt zu bringen, das sich dieser simplifizierenden Logik widersetzt und trotzdem schön aussieht. Das Ziel: Die Benennung der letzten materiellen Wahrheiten in einer endgültigen, überzeugenden und auch für den Laien verständlichen Auswahl von genau 100 Dingen – den wichtigsten(!) Dingen. Bald erhältlich, ich bin dabei und freue mich. Geschrieben habe ich über: „Das Pedal“

Konsuminventur

Abb.-6-1024x659Über den Zusammenhang von Games und Feuerwerkskörpern: „Der Silvesterkracher ist eingebettet in ein Gemeinschaftserlebnis, ja notwendig auf eine Gesellschaft des Spektakels angewiesen: Nichts dürfte deprimierender sein, als die „Speed of Light Batterie“ einsam, ohne den Kreis johlender Claqueure abzufackeln. Umgekehrt ist der Rückzug in die zeitweise Einsamkeit die performative Grundbedingung des Gamers.“ Daniel Hornuff schreibt auf der Pop-Zeitschrift-Seite in der Rubrik „Konsumrezension“, einer der interessantesten Ideen des ideenreichen Kulturwissenschaftlers Wolfgang Ullrich (hier geht es zu meinem jetzt.de-Text über Ullrichs „Alles nur Konsum“).

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