Linkradar: Die letzte Amerikanerin

Wollt Ihr sehen, welchen Fraß McDonald’s den Chinesen vorwirft, wie Julia Engelmann zu ihrem Slam-Erfolg steht, warum Buchtrailer nichts nützen und wie charmant Friedrich Forssman auf die E-Book-Debatte reagiert hat? Das alles gibt es hier im neuen Linkradar: inklusive der besten ZEIT-Leserkommentare. 

AmerikanerinEinige Leserkommentare der ZEIT sind ein weiterer Grund, Elisabeth Ellens (Beitragsbild oben) Shortstoryband „Die letzte Amerikanerin“ zu lesen: „Vielen Dank für den Einblick in ein Buch, das ich mir sicher nicht einmal gebraucht auf dem Flohmarkt kaufen werde.“ Dazu der redaktionelle Hinweis: „Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine angemessene Wortwahl. Danke, die Redaktion“. Oder auch: „Muss man denn jedem SCHUND hier ein Plattform bieten? Unbegreiflich.“ – „Und immer noch habt Ihr Literatur nicht verstanden.“ Andreas Thamm und Juli Zucker haben auf ihrem „Derm“-Blog eine sehr kluge Rezension veröffentlicht. Die Storys sind uramerikanisch, die junge, weibliche Antwort auf Sam Shepards „Drehtage“.

TieckVolker Oppmann von Onkel & Onkel antwortet Friedrich Forssman im Suhrkamp-Logbuch, und schreibt: „Ich möchte weder in einer Version von 1984 leben (es sei denn in Form eines Romans von Murakami), noch in der pädagogischen Provinz Kastalien. Ich würde aber gerne in einer Welt leben, die sich den großartigen Hacker Arno Schmidt zum Vorbild nimmt, der sich (in bester Schumpeterscher Tradition) mit schöpferischer Zerstörungslust konsequent über Schranken, Regeln und die limitierenden Faktoren hinweggesetzt hat.“ Friedrich Forssman macht einen „Vorschlag zur Versöhnung“ und verbindet auf gestalterisch amüsante Weise „Das alte Buch“ mit den neuen Medien (Bild rechts).

gb84Nachrichten aus der alten Zeit: der 540-Seiter GB84 erzählt in epischer Länge von den Bergarbeiter-Streiks, die 1984 in Großbritannien stattgefunden haben und die Margaret Thatchers brutalen Privatisierungskurs nicht haben aufhalten können. Schon in diesem Buch über Pulp wurde gezeigt, wie die Arbeiterklasse aus der britischen Popmusik aufgrund Thatchers Politik verschwunden ist. Den Niedergang des Pop haben die Bergarbeiter 1984 vielleicht nicht vorausgesehen, aber das weitere Elend. Mit entsprechend harten Bandagen und britisch großer Klappe gehen die Jungs hier auf die Barrikaden. Ein Roman, der vor Wut, Kraft und Testosteron geradezu explodiert.

EngelmannSparen können die Verlage: an Buchtrailern. Jedenfalls, wenn man dieser Studie glaubt, die herausgefunden haben will, dass die kleinen Filme das Leserinteresse nicht stärker wecken als Klappentexte. Für Journalisten sind diese übrigens nützlich, liefern sie doch O-Töne fürs Radio, Bilder für Fernsehbeiträge und hochwertiges Zusatzmaterial für Internettexte. Aber das war nicht Fragestellung der Studie. Welche Wirkung ein Video haben kann, bewies vor Kurzem Julia Engelmann (Bild) mit ihrem Slamtext, der zum viralen Hit avancierte. Hier spricht sie zum ersten Mal über ihren Erfolg. Dass oft am falschen Ende gespart wird erfahren evtl. auch die Norweger, die ihre sehr kuriose Literaturförderung kürzen.

BILD_ApfelIn eigener Sache: Auf 1LIVE.de gibt es einen neuen Text zu Jan Costin Wagners fünftem Kimmo-Joentaa-Krimi „Tage des letzten Schnees“. Dienstagabend bin ich in 1LIVE Plan B on Air mit David Peace’ „GB84“, Elizabeth Ellens „Die letzte Amerikanerin“ (siehe oben) und Martin Kordic’ Debüt „Wie ich mir das Glück vorstelle“. Ein smarter Studienrat hat auf seinem Blog Bezug genommen auf meinen Untergrundbahn-Aufsatz und nachzureichen wäre dieser 1LIVE Plan B-Beitrag über „War postdigital besser“, in dem die bereits im „Kassettendeck  – Soundtrack einer Generation“ vorgestellte Professorin Verena Kuni vertreten ist, ebenso die Kollegen des gestaltBildung-Blogs (Bild rechts)

pdigitaund Giulia Schelm aus Kreuzberg, die wunderbare Bücher gestaltet. Vorgestellt auf der Transmediale in Berlin unter dem Leitmotiv „The revolution is over. Welcome to the afterglow“. Die Theorie dahinter: „Die utopischen Versprechen hochauflösender audiovisueller Daten, elektronischer Echtzeit-Kommunikation und unendlicher Speichermöglichkeiten sind ins Wanken geraten.“ Da passt es, dass sich diesen Buch mit der Beziehung zwischen dem Physischen und dem Digitalen in der Buchgestaltung beschäftigt (siehe Friedrich Forssman).  Mit der Verbindung von Kapitalismus und Kulturwissenschaft, der „Rezension des Produktes“ geht es nun weiter unter der Rubrik „Konsuminventur“

Konsuminventur

wgrSeit Jahren beschäftigt sich die Konsumkritik mit der Diskrepanz zwischen Werbung und Produkt. Das VICE-Mag hat sich eines Sonderfalls angenommen und Fast-Food-Restaurants in China besucht. Unter der Überschrift „McDonald’s in China ist widerlich“ wird hier ein madenartiger Garnelenburger zerlegt, ein in dieser Form nie gesehenes „Texas-Steak“ präsentiert und der Unterschied zwischen einem Dragon Burger-Bild und dem über die Theke gereichten Gigantenprodukt aufgezeigt. Da freut man sich geradezu über die Bilder von Samuel Müller (Jahrgang 1980). Samuel Müller wohnt in Berlin und veröffentlicht mit seiner Freundin Zeitgeist kritische Projekte unter dem Label pundo3000.com (Bild rechts). Hier gibt es eine ebenfalls schöne „Ads vs Reality“-Serie.

2 Kommentare zu Linkradar: Die letzte Amerikanerin

  1. Buchtrailer sollen mal schön weitergedreht werden – dass hier eine neue Kunstform entsteht (die Klappe war als Paratext zumeist vernachlässigter) wird mit derartigen Studien unterschlagen.

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