Rezension: Das Wüten der kleinen Welt

Gerade erscheint ein bislang unbekanntes Buch vom niederländischen Bestsellerautor Maarten ‚t Hart. „Unterm Deich“, 1988 im Original veröffentlicht, wird als Roman angekündigt, ist aber etwas ganz anderes – nämlich sein komplettes Werk in der Nussschale, als einzelne Geschichten über abtrünnige Bibelsammler, sentimentale Grabräuber und joggende Evangelisten.

„Mein Vater ist Grabmacher, kein Totengräber.“ Man kennt diesen Satz aus „Gott fährt Fahrrad„, Maarten ‚t Harts 1979 erschienenen Erfolgsroman über seine Jugend in Maassluis. Es ist ein Satz, in dem eine Menge des Trotzes steckt, der Figuren und Handlung seines Werks antreibt. So ist es auch in den verschiedenen, lose durch Maarten ‚t Harts Leben verbundenen Geschichten über jene Menschen, die in den 50er Jahren „Unterm Deich“ von Maassluis leben, dort beten und sparen, ihrer einfachen Arbeit nachgehen und der Freiwilligen Feuerwehr ehrenamtlich verbunden sind. Sie leben in einer todgeweihten, noch von Gas beleuchteten Zone, denn ihre langsam absackende Siedlung soll alsbald dem Erdboden platt gemachte werden. An immer mehr Häusern steht bereits: „Für unbewohnbar erklärt“.

Der sozialdemokratische Ministerpräsident Willem Drees baut langsam den Sozialstaat auf, garantiert eine gesetzliche Rente ab dem 65. Lebensjahr. Der Krieg ist überstanden, und man duckt sich aus Sorge, in Zeiten der Besetzung entfachte Konflikte zwischen niederländischer Resistance, Verratenen, Verschleppten und Kollaborateuren würden wieder aufbrechen – umfassend thematisiert in „Das Wüten der ganzen Welt„. Die Menschen wollen ihre Ruhe haben und flüchten allein vor den missionierenden Evangelisten, die auf ankommende Züge warten, um den Aussteigenden die Zeitschrift Die frohe Botschaft in die Hand zu drücken.

„Wer nach dem Verlassen des Zuges sofort losrennt, hat umgehend einen trabenden Glaubensverkünder an seiner Seite, der ihm im Dauerlauf Die frohe Botschaft überreicht. Die Reisenden, die zu langsam sind und sich folglich vor der geschlossenen Schranke versammeln, erhalten dort ihr Exemplar der Frohen Botschaft ausgehändigt, und meistens ist vor dem rotweiß gestreiften Schlagbäumen dann auch noch Zeit für einen kurzen Vortrag des Missionars. Noch ehe man die Stadt erreicht, ist man schon bekehrt worden.“

Wie in so vielen Büchern Maarten ‚t Harts taucht auch hier ein zweifelnder Calvinist auf, der bei einem Hochwasser seine komplette Bibelsammlung verloren hat und nun an Gottes Existenz zweifelt. Es ist der Onkel, der nun die komplette Nachbarschaft mit seinen Einlassungen nervt: „Mit seinem letzten Problem kam er nicht weiter als bis in den Flur. In der Wohnstube hörten wir ihn rufen: ‚Im Geschlechterregister bei Matthäus steht, Jesus stamme über Josef von König David ab, aber Josef war überhaupt nicht der Vater von Jesus.‘ – ‚Geh weg!‘, rief mein Vater. ‚Sag mir erst, wie Jesus von König David abstammen kann, wenn Josef nicht sein Vater war.'“ Und so weiter.

Jeder Irre erhält eine Geschichte, sogar der melancholische Totengräber, der nachts die Leichname ausbuddelt und entkleidet, um ihre letzten Hemden in seinem großen Kleiderschrank zu archivieren. Pastorengattinnen wollen auf einmal stehlen und rumhuren. („Bin ich geboren worden, um einer alten Frau, die im Altersheim in der Rusthuisstraat wohnt und aussieht wie ein Gnom, zum achtzigsten Geburtstag zu gratulieren?“) Feuerwehrleute werden verdächtigt, als Langeweile einige Brände selbst zu legen. Es kommt zu grandiosen Dialogen, wie der zwischen einer verheirateten Frau und dem Pastor im Ort. „‚Ich will mich scheiden lassen und Jan heiraten.‘ – ‚Dieser Jan gehört nicht zu unserer Kirche‘, sagte ihr Pastor. ‚Jan ist reformiert‘, erwiderte sie. ‚Ihr werdet gemeinsam zur Hölle fahren.‘ – ‚Gemeinsam?‘, fragte sie. ‚Ja‘, sagte der Pastor. ‚Dann ist es nicht schlimm.'“ In Augenblicken wie diesen erscheint Maassluis als sündiges Gomorrah, das kurz vorm Untergang steht.

„Als im Jahr 1963 der Austausch der Gaslaternen durch elektrische Straßenlaternen bekannt gegeben wurde, atmeten alle erleichtert auf. Die hinteren Mansardenzimmer wurden ausgebaut. Die winzigen Verschläge, in denen die Frauen kochten, in denen man aber nicht aufrecht stehen konnte, wurden abgerissen und durch kleine Küchen ersetzt. Hier und dort wurden auch die kleinen Höfe zugebaut. Die Schilder ‚Für unbewohnbar erklärt‘ verwitterten.“ Es ist ein nur kurzes Aussetzen der sich langsam ankündigen Apokalypse.

Nur im Buch leben die Figuren weiterhin im Schein der altertümlichen Gaslaternen. Die Losung heisst: „Sei zufrieden auf der Welt, sei zufrieden mit dem Leben, das einzig wahre Glück, kann nur der Herrgott geben.“ Doch diese Figuren besitzen einen unbändigen Willen, ihr Leben innerhalb den pflichtgesetzten Schranken auszureizen. Sie schaffen sich Freiräume, und innerhalb dieser Freiräume finden Maarten ‚t Harts Geschichten statt – die in ihren frühen Fassungen noch nicht so elegant und motivisch stringent daherkommen wie in späteren Großwerken wie „Die Netzflickerin“ oder „Der Psalmenstreit„.

Es wirkt auch nicht altersweise, wie die Badische Zeitung es konstatierte, zumal der Autor bei Erscheinen erst 44 Jahre alt gewesen ist. „Unterm Deich“ ist ein Nebenwerk des promovierten Biologen der noch bis 1987 Dozent für Verhaltensbiologie an der Universität Leiden gewesen ist. Gregor Seferens, seit Jahren ein ebenso einfühlsamer wie prägnanter Übersetzer Maarten ‚t Harts, legt schonungslos das Derbe, zum Teil auch Überspitzte dieser Prosa frei.  Stellenweise wirkt es, als habe sich der Autor mit diesem Buch endgültig für das Schreiben entschieden, gegen die Arbeit als Biologe, gegen die Natur, der hier ein untypisch geringer Raum gegeben wird.

Man kann das Buch als Erinnerungssammlung lesen an ein beschauliches Land, dessen Charakter im Zuge gestiegener Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit etwas an Entspanntheit verloren hat. Man kann „Unterm Deich“ auch als Kommentar zur einstigen Rückständigkeit seiner Nachbarn, denen des 19. Jahrhundert weiterhin nahe ist, ansehen. Es sind Geschichten, die von der Lächerlichkeit übertriebener Religiosität erzählen, es sind teilweise Satiren gegen das Kleinbürgerliche und deren individualfeindliche Konventionen.

„Unterm Deich“ ist zugleich eine Einführung in das elegant erzählte Prosawerk Maarten ‚t Harts, ein erstes Kennenlernen seiner Motive, in kurzen Erzählungen, die von Aussenseitern erzählen, als seien sie der eigentliche Gesellschaftsmittelpunkt. Vielleicht liegt eben darin die Schönheit der Prosa, mag sie auch weniger gefällig daherkommen als in den Blockbustern des inzwischen 69-Jährigen, weiterhin nicht alterweisen, sondern vor allem zu einer Menge Disput und Wahnsinn befähigten Schriftstellers aus Maasluis, der dieses Buch nach eigenen Angaben schrieb „nicht um das Verstreichen der Jahre zu beweinen, nicht um verlorenen Paradiesen nachzutrauern, nicht um Politiker anzuklagen, die die Sanierung beschlossen haben, sondern um sich auf dem steilen Abhang der Zeit aufrecht zu halten.“

(Maarten ‚t Hart: „Unterm Deich“, übersetzt von Gregor Seferens, Piper, 264 Seiten, 272 Seiten)

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