Rezension: Schweizer Schneetraum

Vom Olymp ins Nichts: Jonas Lüscher schreibt in seinem Debüt „Frühling der Barbaren“ über Finanzyuppies, denen auf einmal das Geld ausgeht – mitten in Tunesien. Es folgt die Katastrophe.

Wenige Stunden sind vergangen, seit der Tunesier sein Wayne Rooney-Shirt gegen eine Phantasiekleidung eintauschen musste, um als Pseudo-Tuareg auf dem Kamel einzureiten. Er ist Staffage einer Hochzeit, die britische Finanzyuppies in einer Fünf-Sterne-Oase feiern. 250.000 Pfund kosten diese glamourös begonnenen und apokalyptisch endenden Tage. Denn während der Hochzeitsnacht geht das britische Empire bankrott. Die schwarzen Kreditkarten der Gäste werden gesperrt, alle First-Class-Flieger „gegroundet“, Jobs gekündigt, Eigentumswohnungen beschlagnahmt. Kurze Zeit später wird auch die Handyverbindung gekappt.

Der Schweizer Jonas Lüscher, Doktorand der Philosophie an der ETH Zürich, erzählt die Geschichte eines Fabrikerben, der zufällig in diese Hochzeitsgesellschaft gerät, zunächst mit den Schönen und Reichen feiert, dann aber hilflos mit ansehen muss, wie durch das Fehlen von Geld die Barbarei ausbricht. Dabei hätte man es ahnen können. Langsam bereitet Jonas Lüscher den Terror vor. Zwei Drittel seiner Novelle werden verwendet, um die kolonialen Codes der Briten darzustellen, um in immer neuen Szenen zu zeigen, wie die stolzesten Bewohner dieses nordafrikanischen Landes von den Barbaren in ihren Maßanzügen gedemütigt werden.

Dabei haben sich die Tunesier so viel Mühe gegeben. Ihr Tourismus ist längst auf Tausendundeine-Nacht-Vorstellungen getrimmt. In diesen Vorstellungen gibt es für die Wilden keine Zivilisation. Sie müssen ihr Fußballtrikot ausziehen und so tun, als reisten sich weiterhin als kamelreitende Nomaden durch die endlosen Wüsten Nord- und Mittelafrikas. Allein der besagte Fabrikerbe, ein gelassener Schweizer mit Jet-Set-Manieren, behält die Distanz. Er beobachtet kühl. Seine Gedanken ähneln dem Innenleben der Figuren Christian Krachts. Für ihn wird es vielleicht einen Ausweg geben – schließlich ist sein Land neutral, quasi abgekoppelt vom Bankwesen der Europäischen Union, gesättigt mit Goldreserven, die, man glaubt es erst nach dieser Novelle, das gegenseitige Abschlachten von Menschen zu verhindern weiß. Ist es in der tat so einfach, so brutal?

LuescherJonas_Beck_g„Frühling der Barbaren“ ist die Geschichte des verlorenen Paradieses. Kaum sind Adam und Eva aus dem Garten Eden rausgeschmissen, erschlägt Kain seinen Bruder Abel. Es ist die Geschichte von Thomas Manns „Zauberberg“, die im dekadenten Davos beginnt, und auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges endet. Gleichgültig, ob es um abstürzende Investmentbrooker im Film „Wall Street“ mit Michael Douglas geht („Gier ist gut“), um den Niedergang einer Gruppe mafiöser Topanwälte in John Grishams „Die Firma“, oder im realen Leben um die Pleiten von Burt Reynolds („Magnum“), Basketballer Dennis Rodman, GZSZ-Star Anne Menden – der Mensch schaut zu. – Die Gefallenen werden vom Olymp in jenen Staub zurückgestoßen, in dem die meisten Menschen leben.

Dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff dürfte es ein Leichtes sein, gemeinsam mit Bildungsministerin Annette Schavan und Ex-Politstar Karl-Theodor zu Guttenberg über dieses Dilemma zu singen. Deshalb: In der eigenen Reaktion auf den „Frühling der Barbaren“ kann jeder schauen, wo er in Sachen Zivilisation eigentlich steht. Mitleid? Häme? Angst und Erschrecken? Selten hat eine Geschichte den Leser so sehr auf sich selbst zurückgeworfen, wie in dieser meisterhaften Novelle des hochbegabten Debütanten Jonas Lüscher.

Jonas Lüscher: „Frühling der Barbaren“ C.H. Beck, 128 Seiten, 14,95 Euro

(Autorenfoto: Jonas Beck)

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