„Dada, schau mal!“

Thomas Melle schreibt im Debüt „Raumforderung“ über schöne Fremdschäm-Momente. Shit happens. Das ist YouTube-Literatur für geistig Bessergestellte.

„Sie hielt die Porno-DVD in der Hand. Es war eindeutig die Porno-DVD und nicht, wie erwartet, die britische TV-Serie ‚Pride and Prejudice‘ mit Colin Firth.“ Mit diesem Satz ist eine Menge gesagt, aber mitnichten alles erzählt. Ab hier dreht Thomas Melle richtig auf. In „Gewissen“, einer von zwölf Erzählungen seines Debüts „Raumforderung“, entwickelt das rotwerd-peinliche Kopfkino eine faszinierende und metapherngeladene Eigendynamik. Tante Annika ahnt sofort, dass ihr pubertierender Neffe Marc die ganz privaten Schäferstündchen-Shots aus den Anfangsjahren ihrer Ehe gesehen haben muss. – In Sachen Würde ist das ein Super-GAU, auf den Annika nicht reagieren kann. Soll sie den Jungen zur Rede stellen? In den folgenden Tagen steigt stummer Ekel in ihr hoch. Marc ist für sie nur noch ein von „Pusteln übersätes Ungetüm“. Das klingt unfair. Aber wer das Ende gelesen hat, gibt der verunsicherten Frau wahrscheinlich recht. Nur so viel: die Reizworte „Internet“, „Stream“ und „Download“ nehmen in der letzten Szene prominente Plätze ein.

Thomas Melle, 1975 in Bonn geboren, trat 2006 beim renommierten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt auf. Damals las er „Nachtschwimmen“, eine Geschichte, die jetzt an dritter Stelle, direkt hinter „Gewissen“, abgedruckt ist. Junge, pseudoelitäre Stipendiaten, „Freak an Freak“, treffen sich zum Russisch-Intensivkurs im sauerländischen Brilon. Es ist einer der heißesten Sommer seit Jahren. Direkt am ersten Abend mustert Timo, ein „glattblonder BWLer aus Leipzig“ das „weibliche Material“ und die Heldin denkt augenblicklich: „Mit mir nicht, du Schleimer, mit mir nicht.“ Aber dann geschieht doch etwas mit ihm. Und was geschieht, das ist entsetzlich. Es endet im Doppelselbstmord vor Publikum, es kommt unerwartet, unfassbar. Unbeschreibbar ist es nicht, wie der Autor beweist.

Augenblicke wie diese markieren die angesprochenen YouTube-Momente einiger Erzählungen. Früher hieß das Schlüssellochblick. Seitdem moderne Türen, in Hotels und Banken beispielsweise, mit Chipkarten und Zahlencodes geöffnet werden, stimmt das alte Bild nicht. Die modernen Schlüssellöcher sind Google Earth, MySpace oder StudiVZ. Was früher unschuldig mit der wackeligen Kamera daheim, im Kämmerlein, fürs schlüpfrig-private Liebesarchiv aufgenommen wurde, unterliegt jetzt dem frühkindlichen Dada-Reflex. Wie Zweijährige zeigen alle her, was sie da haben: „Dada, schau mal!“ Fein gemacht. In „Raumforderung“ führt dieser längst aus dem Virtuellen in die Realität herabgesunkene Reflex zu skurrilen Situationen. Seht her: Wohnungsbesichtigungen entwickeln sich zu neurotischem Beziehungsschaulaufen, nicht das Parkett wird beobachtet, man selber lässt sich beobachten.

Ein Typ beschreibt seiner schwangeren Freundin zwei Wochen alten Schimmel, den er im Topf, wie ein Baby, gezüchtet hat. Bekanntlich ist der Ekel ein anderes, unschönes Thema etlicher Broadcast-Yourself-Clips. „Überall wird gefilmt – warum nicht auch hier?“ Junge Mädchen tauschen in „Raumforderung“ intime Details mit unbekannten Chatlovern im Internet und strapazieren die Cybertreue zum eigenen Freund. Aus solchen Gründen hat sich das Internet Ende der 90er Jahre schlagartig ausbreiten können. Sex sells. Wer „Raumforderung“ liest, erfährt eine Menge über unsere vernetzte, paranoiaanfällige (Beziehungs-)-Welt, und darüber, was kaputtgegangen ist in ihr.

Thomas Melle: „Raumforderung“, Suhrkamp, 200 Seiten, 15,90 Euro

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