Rezension: Burnout, Baby!

Der norwegische Autor Erlend Loe schreibt humoristische Bücher über tragische Augenblicke des Lebens – in seinem neuen Roman erzählt er von den positiven Seiten eines rechtschaffenen Burn-Outs.

Zu Beginn der Geschichte steht Dozent Fvonk vor seinen zugeschneiten Kletterpflanzen. Mehrere Kilo Schnee drücken die dünnen Holzsprossen herunter. „Sie werden gebogen, verdreht, halten dem Druck kaum mehr stand, dieses Spalier ist ihm ohnehin schon lange ein Klotz am Bein.“ Wer das Thema von „Jens. Ein Mann will nach unten“ kennt, der sieht in dieser Szene eine Vorausschau auf die kommenden 180 Seiten.

Zugleich erinnert man sich vielleicht an „Die Wahlverwandtschaften“ von Goethe: „Eduard – so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter – Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stämme zu bringen.“ Auch hier steht die künstliche Verbindung zwischen zwei Pflanzen sinnbildlich für das spätere Partnertauschszenario im Roman. Bei Erlend Loe sind die Pflanzen ausgelaugt, schlaff. Sie „vergeilen“ nicht einmal. Anders als der zweite Held des Buchs, Norwegens Premierminister Jens, der sich mit falschem Bart bei Favonk als Mieter vorstellen und bei ihm für einige Monate sowohl rasten, als auch ausrasten will. Er hält dem Druck kaum mehr stand. Doch er will auch etwas erleben.

„Es ist ja nicht so, dass ich eine Diagnose hätte, ich bin nicht krank in dem Sinne, ich bin nur erschöpft, ausgepowert, zeitweise schlapp, zeitweise übrigens auch wütend, in kurzen Momenten desinteressiert, das war ich noch nie, mich bewegen zur Zeit viele Gefühle, die für gewöhnlich nicht in einem Staatenlenker vorhanden sind, und ich habe selten Zeit, sie wirklich zu spüren, darum brauche ich einen Raum, eine Arena, dachte ich, wo ich selbst sein kann, und sei es nur momentweise, so wie jetzt, ja, gerade jetzt bin ich tatsächlich von und ganz ich selbst, ohne Verstellungen, ohne Maske, mal abgesehen von diesem Bart.“

Fvonk und Jens freunden sich an, so scheint es anfangs. Jens sucht die Nähe seines Vermieters, fragt schüchtern, ob er seine Unterlagen bei ihm in der Stube lesen dürfe. „Ich bin auch ganz still, ich bin beim Lesen immer still, sehr, sehr still.“ Bei dieser Stille wird es keinesfalls bleiben. Der immer selbstbewusster auftretende Politiker fordert Fvonks Leidensfähigkeit heraus. Denn er suchte in der Tat eine Arena und jede ihrer Unternehmungen werden von selbstherrlichen, logorhoeischen Emphasen des „Staatenlenkers“ begleitet. Jens erzählt von seinen wirren Träumen, von seinem Stuhlgang, dessen Form ihn einmal sogar an den Heiland selbst erinnert, er doziert lange, weshalb es in Skandinavien nicht akzeptabel ist, sich die grauen Haare zu färben und weshalb „das Tierische“ in der italienischen Politik selbstverständlich anzutreffen ist.

Als Jens beschließt mit Fvonk Blutsbrüderschaft zu schließen, lässt er dessen Blut zuvor von der Amtsärztin auf Krankheiten untersuchen. Misstrauen schleicht sich in die aufgezwungene Freundschaft ein und was in den Sätzen über sein Burnout bereits anklang, bricht auf selbstverliebte und nervtötende Weise aus Jens heraus. Ob dieses selbsternannte Alphatier jemals gewahrt, dass die Welt nicht auf Bilder seines Stuhlgangs gewartet hat? – Ein unterhaltsamer Kommentar über die Zusammenhänge zwischen Burnout und Narzissmus. (Hier kann übrigens jeder selbst testen, ob er bereits ausgebrannt ist.)

Erlend Loe: „Jens. Ein Mann will nach unten“, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, KiWi, 192 Seiten, 8,99 Euro

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