Else Lasker-Schüler

„Vom Himmel“ mit der „Untergrundbahn“  

Warum Gottfried Benn in seinem bekanntesten Gedicht auf einen Essay Else Lasker-Schülers antwortet.

Herrlich beginnt diese poetische Liaison: Am 25. Juni 1912 eröffnen „Jussuf Prinz von Theben“ Else Lasker-Schüler und „Giselheer“ Gottfried Benn ihren lyrischen Wechselgesang in der expressionistischen Zeitschrift „Aktion“ – einen der „schönsten Liebesdialoge der Weltliteratur“. Benn steuert sein Gedicht „Drohungen“ aus dem Zyklus „Alaska“ bei. Lasker-Schüler zeichnet im Gegenzug ein Portrait des Verehrten und vergleicht Benns Verse mit einem „Leopardenbiß“, einem „Wildtiersprung“. Sie schwärmt in archaischem Ton: „Der Knochen ist sein Griffel, mit dem er das Wort auferweckt.“

Else Lasker-Schüler ist in diesem Sommer 43. Doch scheint sie kaum älter als ihr 1899 geborener Sohn Paul. Die Wuppertalerin erlebt gerade ihren zweiten Frühling. Sie präsentiert sich auf ihren Berliner Lesungen wie ein Backfisch, verkleidet als orientalischer Prinz, mit Muschelgürtel und Silberschuhen, sie zieht durch die Clubs und Cafés, schlägt sich als verarmtes, aber himmelbegnadetes Genie durchs Leben.

Sie klagt ihrem Ex-Gatten in spe: „Herwarth! Heute gabs wieder Aufschnitt bei mir, dabei esse ich so gerne Ente und Mirabellen.“ Mag hinter diesen Worten ebenso viel Hunger wie Schmerz stecken: Ihre flirrende Existenz zwischen „Revolution, Zigeunerromantik, Orientzauber“, ihr Dasein als „poet maudit“, gebiert tanzende Sterne.

Längst hat sie alle Bodenständigkeit abgeschüttelt. Nach ihrer ersten Ehe mit dem Arzt Berthold Lasker heiratet Lasker-Schüler am 30. November 1903 überstürzt den Schriftsteller, Galeristen und späteren Herausgeber des expressionistischen Magazins „Der Sturm“. Georg Levin heisst er, doch seine Gattin nennt ihn lieber Herwarth Walden, das klingt romantischer. Das Motto dieser Künstlerbeziehung formuliert die Dichterin überaus modern mit den Worten: „Nur als Bigamie.“

Suchend streift sie durch die Millionenstadt und findet zwischen „Theater- und Ballettvorstellungen, Ausstellungen und dem avantgardistischen Kabarett“, den 17 Jahre jüngeren Dr. med. Gottfried Benn. Der hochbegabte Lyriker debütierte gerade mit „Morgue und andere Gedichte“.

Die anschließende Liaison wird beider Leben revolutionieren. Der streng erzogene Pastorensohn verlässt das Militär und avanciert zum skandalumwitterten Dichter der Stunde, während Lasker-Schüler ihren Briefroman „Mein Herz“ in der ersten Auflage noch „in Verehrung“ dem Wiener Architekten Adolf Loos, später selbstbewusst „Niemandem“ widmet, darin schamlos aus ihrem Liebesleben berichtet und mit ihrem einfachen wahren Abschreiben der Welt den Duktus heutiger Blogs vorwegnimmt.

„Ein Liebesroman mit Bildern und wirklich lebenden Menschen“ – so kündigt sie im Herbst 1912ihre Briefsammlung aus Norwegen unter dem schwärmerischen Titel „Mein Herz“ an. Monatelang schreibt sie ihrem Gatten Herwarth Walden, der für mehrere Wochen mit dem Rechtsanwalt Kurt Neimannnach Skandinavien aufgebrochen ist. Sie schreibt auch, nachdem die beiden zurückgekehrt sind, bis ihr Manuskript beendet ist.

Lasker-Schülers fiktiver Liebesroman mit Bildern (von ihr gezeichnet) und wirklich lebenden Menschen (von ihr beobachtet und neu erschaffen) ist eine große Hommage ans schillernde Berlin, seine Bohème und an „den Nibelungen“ Gottfried Benn. „Mein Herz“ ist zudem ein sentimentaler Abschiedsgruß an Herwarth Walden, der noch im gleichen Jahr die Schwedin Nell Roslund ehelichen wird. Gleichzeitig markiert dieser Briefroman ihre Hinwendung zu Benn, der leicht dechiffrierbar als „Minn“, Sohn des Sultans von Marokko auftaucht.

Else Lasker-Schüler ist zu der Zeit einsam: „Ich gehe jetzt so oft allein in die Stadt, fahre mit all den Maulwürfen Untergrundbahn.“ Aber ihre Pläne leuchten, sie hofft auf den großen Durchbruch und legt Walden ein Manuskript bei, das sie Karl Kraus „dem Dalai-Lama in Wien für die Fackel“ geschickt hat, ihren Essay „Vom Himmel“.

„In sich muß man ihn suchen, er blüht am liebsten im Menschen“, eröffnet Lasker-Schüler und stellt dann die selig aufblickenden Künstler und Propheten, die ihre „Blüte Himmel pflegen“ gegen „die Enthimmelten, die Frühblauberaubten“, die „Zweifler“, denn „ihr Leben ist ohne Ausblick, ihr Herz ohne Ferne.“

Buddha, Goethe, „der Nazarener“Jesus, Heine, Nietzsche und Karl Kraus, der „Dalai Lama“ stehen hier für „die Gottheit Himmel im Menschen“. Lasker-Schüler schreibt: „Man kann nicht in den Himmel kommen, man hat ihn nicht in sich, nur Ewiges drängt zur Ewigkeit.“

Sie schließt ihren Brief an Walden mit den Worten: „Leben Sie wohl, sehr verehrter Minister, mein Himmel macht mich nicht glücklich im irdischen Sinne, ich kann ihn nicht teilen. Wunderbar aber spielen sich die tiefsten Erinnerungen meines Blutes in dem Glanze meines Blaus wieder. Fata-Morgana. Spätes Verwundern, seliges Aufblicken. – Tragen Sie den Saphir meiner blauen Abendstunden zum Andenken an Ihrer grübelnden Hand.“

Wahrscheinlich hat die Dichterin hier ihren neuen Geliebten Minn, ihren orientalischen Sohns, ihren „ben, ben, ben“alias Gottfried Benn bereits im Blick gehabt. Für Walden hat sie nur noch „den Saphir meiner blauen Abendstunden zum Andenken“ bereitgelegt. Ihre Liebe gilt einem anderen – Gottfried Benn.

Der antwortet, einem ernsthaften Dichter gemäß in Versen, die 1913 gesammelt unter dem Titel „Söhne“ erscheinen werden. Auf dem Umschlag steht: „Ich grüsse Else Lasker-Schüler: Ziellose Hand aus Spiel und Blut“. In „Söhne“ besingt Benn immer wieder seine „Madonna“ und fleht: „Gib mich noch nicht zurück./ Ich bin so hingesunken/ an dich. Und bin so trunken/ von dir. Oh! Glück!“

In seinem Gedicht „Strand am Meer“ eröffnet Benn „den Dialog mit der Lyrikerin – in einem Dialog.“ Mann und Frau umwerben sich hier und „schon damals wurde gerätselt, ob die Liebe real existiert hatte und vollzogen worden war oder nur als desto erregendere Fiktion existierte.“ Die Frau antwortet im Gedicht ihrem Verehrer: „Jedes Glied / Soll eine Halle sein aus lauem Rot,/ Die dich erwartet./ So hebe ich die Schenkel aus dem Sand/ Und so die Brust. Kleid, fort von meinen Hüften.“ Das ist pure, männlich kodierte Erotik.

Doch zwischen diesen Hymnen steht, wie ein Gegensatz, „Untergrundbahn“, der „die oft hypostasierte erotische Begegnung in der U-Bahn (…) auf einem ganz anderen Wegenetz“ beschreibt, in dem sich der von Benn enthimmelte „Hirnhund“ wie abgestumpft als „weißes Tier“ fühlt, „so müde“.

Mit Lasker-Schülers Schwärmerei hat „Untergrundbahn“ nichts gemeinsam und ist doch eine Antwort, wofür es bislang allerdings keine direkten Hinweise gab. – Marcus Hahn belegt in seinem Aufsatz „Die armen Hirnhunde: Gottfried Benn und die Neurologie um 1910“, wie der Lyriker hier mit „einer Kopplung von Neuro- und Theologie (…) das humanistische Wissen auf Untergrundbahnen zirkulieren lässt“, und zwar in Form eines „(Liebes) Gedicht[s]“.

Hahn definiert „Untergrundbahn“ als Gegenstand „einer philologischen Archäologie, die Benns Großhirn / Stammhirn-Modell ebenso wie den berühmten Hirnhund auf die neurologischen Experimente und Theoriebildungen Flechsigs, aber auch Friedrich Goltz‘ und Theodor Meynerts zurückführt.“

In „Untergrundbahn“ räumt Benn „nun freilich gründlich [auf] mit dem lyrischen Ideal der Blaublümeleinritter“ und „stellt der platten Verheißung, dem fadenscheinigen Fortschritt seiner Zeit die zum Nichts offene Realität des Todes gegenüber.“ Er zerstört die alles liebende Vision seiner Geliebten und steigt derb mit der Schilderung einer Erektion ein: „Ein Rot schwärmt auf. Das große Blut steigt an“, bis „oh, ein Gerüste/ von Blütenkolben löste sanft sie ab/ und schwölle mit und schauerte und triefte.“

Das schwärmende Rot steht hier als vulgär konnotiertes Blut der Schwell- und Leichenkörper Else Lasker-Schülers blühend-romantischem Blau gegenüber, dem Blau Buddhas, diesem „indische[n] Königssohn“: er „trug die Blume Himmel in sich in blauerlei Mannigfaltigkeit Erfüllung.“

Doch Prinz Jussuf nimmt Benns‘ Farben- und Liebesspiel  im Gedicht „Zebaoth“ auf und schwört: „Meine erste Blüte Blut sehnte sich nach dir.“ Else Lasker-Schüler erkennt, dass „Untergrundbahn“ nur ihr gewidmet sein kann. Das Blütenmotiv, in der griechischen Mythologie mit der Geburt des Eros verbunden, taucht in „Mein Himmel“ mehrfach auf, nicht nur als „Blume Himmel“ in „blauerlei Mannigfaltigkeit Erfüllung“, sondern auch in Form der „blauen Gottesranken.“

„Der himmlischen Beete“ möchte Prinz Jussuf ziehen. Und Benn reflektiert in „Untergrundbahn“, als klare Replik, die Idee des Erdenbeets: „du Rosenhirn, Meer-Blut, du Götter-Zwielicht,/ du Erdenbeet, wie strömen deine Hüften/ so kühl den Gang hervor, in dem du gehst.“ „Untergrundbahn“ ist nicht irgendein Liebesgedicht – es ist direkt gerichtet an die Autorin von „Mein Himmel“, die in ihrem Essay Religion und Kunst nebeneinander stellt: „Die Gottheit Himmel im Menschen ist Genie.“ Es ist ein Bild, das Lasker-Schüler bereits für Benn selbst entworfen hat, ihren „Herculesdichter“, ihren „Christen mit Götzenhaupt“, der wie kein Zweiter als „Himmelsbegnadete[r]“ gelten darf.

Zeile für Zeile greift „Untergrundbahn“ die Thesen des Essays auf. „Die weichen Schauer. Blütenfrühe“ antworten auf Lasker-Schülers Schilderung „Vom Himmel“, der zu Beginn des Textes, wo er just „gefunden“ wird „ganz zart noch ein blaues Verwundern, ein seliges Aufblicken“ist. Langsam verwandelt diese Entdeckung den Suchenden (wie Benn es war) in einen Propheten, der in „Untergrundbahn“ erkennt: „Ich bin der Stirn so satt.“

Erst wer sich in „süße[r] Mystik“ verliert, kann „erfüllt vom Himmel (…) schwelgend blau“ wie der Nazarener über „die Plätze der Lande“ wandeln. Das lyrische Ich in „Untergrundbahn“ fühlt sich „ [s]o losgelöst. So müde. Ich will wandern.“ Als „Fernes Glück“ gilt hier: „ein Sterben/ hin in des Meeres erlösend tiefes Blau.“ – Aber „man kann nicht in den Himmel kommen, hat man ihn nicht in sich“, sagt Lasker-Schüler rigoros. „Wie strömen deine Hüften so kühl den Gang hervor, in dem du gehst!“ Das antwortet Benn.

„Untergrundbahn“ ist ein Kampfprotokoll, in dem der Militärarzt beschreibt, wie er langsam von Lasker-Schüler verführt („Durch all den Frühling kommt die fremde Frau.“) nach der  erotischen Entdeckung seiner „Blüte Himmel“ zu ihr, dem „Rosenhirn, Meer-Blut, (…) Götter-Zwielicht, (…) Erdenbeet“ wandern will wie der Hoffnungsfrohe im biblischen Psalm 23:  „Und ob ich schon wanderte in finsterem Tal, fürchte ich kein Unglück; denn Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“

„Vom Himmel“ verspricht: „Die Gottheit Himmel im Menschen ist Genie.“ Dort will Benn hin, durch „Schatten und Sintflut“, auf seine Prophetin vertrauend, bis die Erlösung naht. „Fernes Glück: ein Sterben/ hin in des Meeres erlösend tiefes Blau“, wo die Geliebte auf ihn wartet, mit dem „Saphir meiner blauen Abendstunden“. Das wissen beide: „Manchmal überkommt mich eine schmerzliche Verantwortung“, gesteht Lasker-Schüler, „aber man kann nicht tief genug in sich schauen und zum Himmel aufblicken.“

Doch hier hat sich das Wagnis bezahlt gemacht, die Wanderung des großen deutschen Dichters: „Wir dürfen sogar mit Fug und Recht sagen, ohne diese paar Monate, in denen er den Mut dazu besaß, wäre er nicht Benn geworden.“ Doch dafür musste Benn zunächst sein Dilemma erkennen, den Unterschied zwischen „Vom Himmel“ und seinem eigenen Leben. „Untergrundbahn“ ist das eindrucksvolle Zeugnis dieses Kampfes – und eine schmerzhafte Hymne an jene Frau, die ihn erweckte, in der „Blütenfrühe“: Else Lasker-Schüler.

(erschienen in: Johannes Barth / Stefan Neumann (Hrsg.) – „Auf meines Herzens Bühne – 100 Jahre Else Lasker-Schülers Schauspiel Die Wupper“ Arco Wissenschaft, Band 18, Paperback. 260 Seiten, 36 Euro.)

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