Vom əˈkuːstɪk tɜːn zu 1LIVE (Erster Teil)

Gerade arbeite ich an meinem Vortrag über „Atmodesign im Popkulturradio“, den ich am Freitag in Berlin halten werde. Bei der Hintergrundrecherche habe ich das 2008 erschienene Standardwerk „acoustic turn“ gelesen (herausgegeben von Petra Maria Meyer – die übrigens einen ganz und gar interessanten Werdegang hat und vom Staatsexamen über den WDR zur Professur in Kiel gekommen ist). Anlass einer privaten Wahrnehmungsumstellung vom Sehnerv aufs Trommelfell. 

„Das Ohr ist der bevorzugte Sinn der Aufmerksamkeit. Es wacht gewissermaßen an der Grenze, jenseits deren das Auge nicht mehr sieht“ (Paul Valéry) – „Der Anwendungsbereich akustischer Inszenierungen und des Sounddesigns wird zwischen Dolby-Surround-Technik im Kino, dem Einsatz dreidimensionaler Audiotechnik in Event-Inszenierungen und hintergründiger atmosphärischer Akustik in Innenraumgestaltungen bis zur Allgegenwart individuell gestalteter Handysounds (…) immer größer“ (11) schreibt Petra Maria Meyer im Vorwort des 724-seitigen Sammelbandes, der entstanden ist nach dem „interdisziplinäre[n] Symposium ‚əˈkuːstɪk tɜːn‘ der Muthesius Kunsthochschule, das vom 4.bis 7. Mai 2006 im Kulturzentrum des Landes Schleswig-Holstein, auf ‚Schloss Salzau‘ stattfand“ (12).

Der Titel des Bandes stellt sich mit all jenen „turns“ in einen Zusammenhang, denen laut Meyer „immer schon ein əˈkuːstɪk tɜːn innewohnt“ (13) „vom ‚linguistic turn‘ über den ‚semiotic turn‘, den ‚iconic turn‘ und ‚performative turn‘ zum ‚medial turn‘.“ (13). Zugleich  (umgekehrt gedacht) setzen Laute „innere Bilder“ (16) frei (in Clubs verwandeln VJs Musik in Bilder, wie unten zu sehen ist). Oder mit dem Essay von Sven Lütgen (433 ff): Es gibt „indirekte Assoziationen nach dem Prinzip der Verkettung Bild verweist auf Bild verweist auf Sound, beziehungsweise Sound verweist auf Sound verweist auf Bild (Beispiel: Klangfigur erinnert an Lautäußerungen eines Tieres und ruft dessen Vorstellungsbild hervor, oder die Verwendung eines Samples ruft einen weiteren musikalischen Zusammenhang hervor, dessen Milieu und Bilder assoziiert werden etc.).“

Selbst Erdplattenverschiebungen, tektonische Veränderungen im Raum, werden akustisch analysiert. Man muss nur die einführenden Beispiele des Bandes verinnerlichen, um sich spätestens ab Seite 15 für das Akustische zu begeistern, das uns viel eher beeinflusst als das mittlerweile so wichtig gewordene „Sehen“. Als Embryo sind wir längst Angesprochene, bevor wir visuell wahrgenommen werden respektive wahrnehmen können. „Der Hörsinn hat sich nach den Studien von Alfred Tomatis spätestens viereinhalb Monate nach der Empfängnis bereits ausgebildet“ (39).

 

Fast wirkt es, als würde gerade diese frühere Ausbildung des Hörsinnes seine spätere Qualität erklären: „Das Ohr vermag kleinste Schallintensitäten und Amplituden wahrzunehmen. Es kann minimale Veränderungen vermerken. ‚Der Frequenzbereich des menschlichen Hörens reicht von 16 Hz. bis 20.000 Hz, was rund 10 Oktaven entspricht.‘ Im Vergleich dazu nimmt das Auge aus dem Spektrum elektromagnetischer Wellen nur einen Bereich auf, der einem Frequenzumfang lediglich einer ‚Oktave‘ entspricht. (…) Minimale Zeitdifferenzen von 0,03 ms kann das Gehör ebenso registrieren wie es zwischen gleichzeitigen akustischen Geschehnissen zu differenzieren vermag. Man spricht vom ‚Cocktailparty-Effekt‘ um zu verdeutlichen, dass das Gehör aus dem Zusammenklang heterogener akustischer Gemische heraus noch eine einzelne Stimme verstehen kann.“ (36) Tatsächlich leistet das Gehör 9 bis 15 dB Störschallunterdrückung, „das heißt, die Schallquelle, au die sich ein Mensch konzentriert, wird zwei- bis dreimal lauter wahrgenommen als die (störenden) Umgebungsgeräusche.“ (Wikipedia, 23.4.2014)

Dem Akustischen nähere ich mich in diesen Tagen über das Radio, genauer über 1LIVE mit seinen Betten, Jingles, Droppern, dem gesamten Audio-Layout, mit dem ich tagtäglich umgehe. Bei Lesungen war der „Sound“ immer eine Herausforderung. Von einstigen 800-Meter-Rennen weiß ich, wie die Stadionakustik Leistung beeinflussen kann. Interviews liegen akustisch vor. Ich arbeite mit Bändern, Kassetten, Flash-Speichern – die in mühsamer Arbeit abgetippt werden müssen. Ich richte mein Leben darauf ein, möglichst wenige Geräusche hören zu müssen. Die Klingel ist oft abgestellt, die Smartphone- und Computertöne stumm, Ohropax liegen immer neben dem Bett, das Festnetztelefon ist oft nur über den Anrufbeantworter erreichbar: Vielleicht das Ergebnis früherer Jahre in lauten Techno- und Indie-Clubs. Ich achte auf emmissionsarme Staubsauger, Waschmaschinen, Orangensaftpressen. Meine relativ teure HiFi-Anlage habe ich mir zum Magisterabschluss gekauft und viel Geld in die Audiokabel investiert. Das Hören ist für mich (obwohl in unserer Familie auch Schwerhörigkeit überdurchschnittlich häufig vorkommt) einer der prägenden Sinneseindrücke.

Die Fragen an das „əˈkuːstɪk tɜːn“-Buch waren: Worin unterscheidet die Kulturwissenschaft Hören von anderen Sinneswahrnehmungen? In welcher Weise steht das „Phänomen Radio“ für eine Sonderform des Akustischen? Was folgt aus der Transformation vom Programm- zum Designradio (vgl. 18)? Gibt es bereits Überlegungen, die Intermedialität des gegenwärtigen Radios zu erfassen? Schließlich besteht 1LIVE nicht nur aus seinem Sound, sondern ebenso aus Kinospots und Plakaten, aus der Internetseite und den Webcams, die im Live-Studio installiert sind, aus Leuchtkästen und anderen Werbemitteln für Konzerte, Lesungen, die Hörsaal-Comedy. Und zuletzt: Wie präsentiert sich ein Standardwerk, das sich einer neuen wissenschaftlichen Richtung zuwendet? Damit ist nicht nur die äußere Erscheinung gemeint. Das Buch wirkt monolithisch und am Rand werden (wie unten in den Bildern zu sehen) Intensität, Tiefe, Länge des jeweiligen Textes durch einen schwarzen, an Akustikbalken erinnernden Streifen übertragen. Es gibt zwei CDs mit Soundbeispielen des Symposiums. Das Papier ist dick, sodass dieses 97 Euro stolze Werk angemessen schwer in der Hand liegen kann.

Es gibt darin Übersetzungen wie Pierre Schaeffers „La musique concrète / Die konkrete Musik“ von 1966 oder Arsenij Avraamovs „Universelles Tonsystem (UTS)“ von 1925. Überblicksaufsätze beschäftigen sich mit dem „acoustic turn in der Psychopathologie“, „Akustische Kunst – Performance – ‚Theater der Ohren‘“, mit „(Elektronischer) Musik und ihre visuellen Entsprechungen“ oder auch der „Intermedialität in Radio, Film und Fernsehen“. Es gehört zu den faszinierenden Momenten von Systembildung, Eingrenzung, Fokussierung, dass die Welt als unter dem neuen Blick als eine sogleich andere und gewohnte erscheint. Vergleichbares erlebte ich bei „Luftbeben“ von Peter Sloterdijk, der sich mit dem „Atmodesign“ als olfaktorische oder terrorisierende (Gaskrieg) Idee beschäftigt. Ebenso: in Niklas Luhmanns Systemtheorie, die mich mit binären Codes und neuartigen Kommunikationsmodellen konfrontiert.

Das Gegebene wird in solchen Augenblicken neu entdeckt, gesehen bzw.: gehört (dafür nehme ich „blinde Flecken“ in Kauf. Die gibt es ohnehin bei jeder Analysemethode). Gegen die Idee des Allsehenden, Allwahrnehmenden sind einengende Entscheidungen interessanter und werden der menschlichen Mängelexistenz auch eher gerecht: die Welt nur visuell (als Fotograf oder Maler) wahrzunehmen, in ihren Bewegungsabläufen (als Tänzer) oder sprachlich determiniert (als Dada-Dichter) et cetera.

Neue Sichtweisen: Interessant gestaltet sich das zwar allgemein bekannte, aber im Alltag kaum beobachtbare Phänomen der Sonifikation. „Sonifikation ist das akustische Pendant zur wissenschaftlichen Visualisierung. Es ist ein Verfahren, bei dem man abstrakte Datenpunkte nicht in einen Graphen einträgt, also Zahlen in Zeichnungen verwandelt, sondern ihnen nach ebenso strengen und einheitlich geltenden Regeln Klänge zuweist.“ (Florian Dombois, 92) Dazu gehören der Geigerzähler, das Sonar, die Erdbebenregistrierung auf Magnetband, aber auch „etwa der Sound des Computerbetriebssystems beim Löschen einer Datei“ (92) – mit dem Sound wird ein Ereignis bestätigt.

Ich habe diese Quittungstöne überall ausgeschaltet, gerate mit dem Phänomen der Sonifikation also nur beim Bahnfahren (wenn die Trittstufen ausgefahren werden), an Supermarktkassen oder beim Mikrowellenessen-Aufwärmen in Berührung. In meinem Alltag wird Sound eher umgekehrt (und wie häufiger zu beobachten) visualisiert: beim Schneiden von Interviewtönen fürs Radio, beim Abspielen von Songs via itunes (mit Einblendung der „Visuellen Effekte“, einer Art VJing light), wenn ich die Shazam-Musikerkennungsapp benutze, in Plakat- und artverwandten Werbeformen, wenn Akustisches nicht gespielt, sondern nur bilddynamisch oder mit Piktogrammen dargestellt werden kann.

Dieses bewusste Nach- und Hinterherhören habe ich ehrlich gesagt erst mit der Radioarbeit entwickelt. Vorher ließ ich mich viel mehr von Bildern (Kino) und Schrift (Romanen) beeinflussen. Diese Bevorzugung des Visuellen gegenüber dem Akustischen ist nicht ungewöhnlich, sind wir doch „im Identifizieren von Bildern, nicht aber in der Identifizierung von Sound geschult (…). Wie der Schuss einer Pistole klingt, ist uns heute nur aus dem Film bekannt – gleiches gilt für Klingonenschwerter, für die Untermalung von Katastrophen wie etwa auch Soundunterlegungen von Sphärenmusik im real lautlosen Weltall.“ (Ralf Bohn, 137). Es mag Klang-Bild-Kunstwerke wie die „Komposition mit Linien“ von Piet Mondrian (365) geben und inzwischen auch asynchron zum Film gesetzte Musik wie in „Un chien andalou“ von Luis Buñel (vgl. 367) – aber was den Bereich von Auspuffsound, High-End-Boxen und Club-Atmo übersteigt, wird selten bewusst wahrgenommen, gesteuert, thematisiert.

Denn obwohl wir 2014 an die Dauerbeschallung durch Musik (vom Supermarktradio zum Walkman zum ipod) gewöhnt sind, steht das Visuelle mehr denn je im Vordergrund, weil es leichter darstellbar, reproduzierbar, in kapitalistischem Zusammenhang transportiertbar ist.  Unsere Welt wird von Bildern begleitet, von City-Lights, U-Bahn-TV, Zeitschriften und Internetseiten (die Zeit der Akustikexperimente sind vorbei). Optisches Design kann relativ leicht thematisiert werden – das Akustische wird durch Lärmschutzverordnungen, gesetzlich festgelegte Ruhezeiten und Schallschutzfenster wesentlich stärker reglementiert. Für 3D wird an der Kinokasse ein Aufschlag verlangt, aber nicht für Dolby Surround. Wie Bilder Emotionen steuern, ist viel bekannter als die Mechanismen der Gefühlslenkung durch das Akustische.

„Angstsound im Film, das Gruselgenre von ‚Dracula‘ bis ‚Psycho‘, von ‚High Noon‘ bis ‚Stirb langsam‘ protegiert dagegen Angstlust, bezieht sich also auf die Dialektik des Todestriebes. Todestrieb, das heißt, unsterblich werden, um den Preis der Verdinglichung, Letzter Rest von Subjektivität klärt sich in der Angst auf, die Prophezeiung, Medienwirklichkeit und wirkliche Wirklichkeit könnten eines Tages zusammenfallen und das transzendente Korrelat von Subjektivität aufheben.“ (Ralf Bohn, 129) Von Einzelfällen abgesehen (Tarantino, der Kinofilm „Drive“) spielen Soundtracks eine untergeordnete Rolle in der Pop- oder Mainstreamrezeption. Ich erinnere mich, wie ich Hans Nieswandt vor zirka elf, zwölf Jahren im Wuppertaler Club „45rpm“ gefragt habe, aus welchen 70er-Jahre-Soundtracks er sich bediene, welche Filmmusik in sein DJ-Set einflössen und er entgegnete ganz und gar verwundert: „Kein einziger“. (Fortsetzung folgt, dann auch mit ersten Eindrücken zur laufenden Sounds-Klänge-Töne-Tagung in Berlin).

Petra Maria Meyer (Hrsg.): „acoustic turn“, Wilhelm Fink Verlag, 724 Seiten (+ 2 CDs), 97,00 Euro

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