Rezension: Spieglein, Spieglein an der Wand

15 Autoren, 15 Illustratoren, 15 Märchen der Brüder Grimm: Die verwunschene Anthologie „Wer kann für böse Träume“ erspinnt Fabelgeschichten nach Märchensammlerart – und verrät, wie es Rapunzelns verwunschenen Kindern in der Wüste ergangen ist.

Aber zunächst waren da Hase und Igel, beide ledig, sich einen Haushalt teilend und kein Blatt Papier passte zwischen die beiden Freunde: „Begann der eine laut zu fluchen, beendete der andere leise den Fluch, Krankheiten teilten sie sich grundsätzlich, verkündete der Igel Ohrenschmerzen, so griff sich der Hase sogleich an seine Löffel und stöhnte laut – es konnte sogar sein, dass seine Schmerzen die des Igels übertrafen.“

Doch eines Tages freit der Igel eine krummbeinige Igelin und lässt den eifersüchtigen Hasen allein zurück. Man trifft sich nicht mehr, die Tage gehen ins Land und der Hase, längst Alkoholiker, muss erkennen, dass ihre innige Beziehung einseitig aufgekündigt wurde. Da macht er sich zum Ehepaar auf und muss mitansehen, wie nun die Igelin die Sätze ihres Mannes beendet. „Nahm die Igeln einen Bissen zu sich, ließ sie den Igel vorher kosten. Sie sahen sich andauernd an, als gäbe es sonst nichts, wo es sich hinzuschauen lohnte.“

Der Abend wird eine unschöne Wendung nennen, und am Ende steht die Aufforderung zu Duell. Hase und Igel sollen am kommenden Morgengrauen um die Wette laufen. Der Rest ist bekannt: „mal stand der Igel, mal sein Weib am Ende der Furche“. Gäbe es ein passenderes Bild für den Verlust des Hasen, der rennen kann, wohin er auch mag, er gelangt ja doch nicht zur früheren Zweisamkeit zurück. „Und als er über die letzte Ackerfurche taumelte, dachte er, dass dies doch alles einen höheren Sinn haben musste, der Igel wollte wahrscheinlich nur seine Freundschaft prüfen, ein allerletztes Mal, ehe er zu ihm zurückkehrte, und noch während er dies dachte, fiel er um und war tot.“

Mit dieser hintersinnigen Geschichte von Angelika Klüssendorf beginnt die Anthologie „Wer kann für böse Träume“, die sich als Publikationsanlass diese Mär hat einfallen lassen: „Eine geheimnisumwitterte Loge birgt seit Jahrhunderten Originalmaterial zu den berühmten Hausmärchen der Brüder Grimm. Jetzt hat Das wilde Dutzend erstmals ausgewählte Schriftstellern und Illustratoren exklusiven Zugang in die verborgene Archive der rätselhaften Gesellschaft gewährt.“

So erzählt das Märchen vom Froschkönig, meist nur noch als Disney-Version erinnert, von noch blutigeren Geschehnissen als die Brüder Grimm. Thomas von Steinäcker beginnt seinen  „Bericht, gefundenen in einem Kästchen, das sich im Bauch eines Bären befand“, mit dem anrührenden Schabernack: „Meine Mutter wurde früher, so sagt sie, Rapunzel gerufen. Meine Schwester und ich mussten darüber sehr lachen, denn wie kann man nach einer Pflanze heißem? Damals, ich erinnere mich, rief ich: ‚Gras! Und ich heiße Gras!‘, worauf meine Schwester einstimmt: ‚Und ich Halm! Ich bin Halm!“ und unsere Mutter verstummte und guckte bitter.“ Doch danach wird es düster…

Ulrike Draesner erklärt, warum das Rotkäppchen ein Mann gewesen ist. Michael Stavarič, mal wieder auf voller Höhe seiner Erzählkunst, lässt Patenkind und Gevatter Tod gemeinsam aufwachsen. Michael Weins birgt das erotische Potential der Märchenwelt (das in den Hausmärchen nur versinnbildlicht dargestellt wird). Fundevogel und vieräugige Tatzelwürmer, Spiegel und vergiftete Äpfel, Wälder, Schwäne und Seen kommen vor. Besonders hintersinnig: Tobias O. Meißner und Melanie Stumm, die in „Waldeslust“ die Hexengeschichte mit dem Knusperhäuschen grotesk, zynisch neu interpretieren.

Dazugestellt sind, neben fingierten Briefwechseln, wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über Märchenmotive, Codes und ganz reale Grausamkeiten: „FRAU HOLLE GEWÄSSER, die (im Logen Venimecum) – Angesiedelt sowohl 1) im brunnenreichen Thüringen, als auch 2) in Hessen. Das dortige Stillgewässer (was auf eine geflutete Grube o.ä. verweist), ist Heimat des als Geburtshelferkröte bekannten Glockenfrosch (Altes obstetricans). Dies könnte dazu geführt haben, dass an diesem See Frauen um Kinderreichtum baten aber auch ungewollte Kinder an die Göttin zurückgaben„.

Die Illustrationen sind zumeist von erstaunlichem Hintersinn, lehnen sich selten an die bekannten Märchenbilder an, sind Kunstwerke, Alpträume, bizarre Collagen, mal Tim Burton, dann Hieronymus Bosch, hier düster, da kindlich verspielt, getuscht, gezeichnet, in Holz geschnitten. Ein sehr schöner, sehr abwechslungsreicher, ein sehr kluger Band, unter anderem mit: Veronika Peters, Finn-Ole Heinrich, Rabea Edel und Christiane Neudecker.

„Wer kann für böse Träume – The Secret Grimm Files“, Das Wilde Dutzend, 228 Seiten, 18,90 Euro

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