Rezension: Salma Hayek und ich

Kurz vor Jahresende überrascht Michael Nast mit “Der bessere Berliner”. Wenige Debüts im Jahr 2009 sind so unterhaltsam wie dieser kluge, schnelle, intelligente Kolumnenband.

Es soll Bekannte und Ex-Freundinnen geben, die Blogger Michael Nast verachten. “Es ist inzwischen bereits ein geflügeltes Wort in meinem Bekanntenkreis, dass ich eine ,bluttriefende Schneise der Verwüstung‘ durch mein soziales Leben ziehe”, bekennt der 34-jährige am Ende seiner Großstadtgeschichten. “Man überlegt inzwischen, was man mir eigentlich noch erzählen kann. Eine meiner Exfreundinnen hasst mich, nachdem sie in einem meiner Texte beschrieben wurde, meine beste Freundin kündigte mir in einer E-Mail mit den Worten ,Ich habe beschlossen, nicht mehr mit dir befreundet zu sein‘ für ein halbes Jahr die Freundschaft, und einige Bekannte, die ich in meinen Texten zitiert habe, reden inzwischen nicht mehr mit mir. Nun ja, zumindest benutze ich inzwischen keine Klarnamen mehr.”

Kommen Michael Nasts Kolumnen tatsächlich so ehrenrührig daher wie es dieser Absatz vermuten lassen würde? Der brillant formulierende Berliner lässt sich aus über alleinerziehende Singlemamas, über Wayne Carpendale und Wolfgang-Petry-Fans, über Porsche-Proleten, großmäulige DJs und Kumpels, die Frauen nicht nach der Optik oder Ausstrahlung wählen, sondern danach, welche am ehesten “ja” sagen würde. Das ist scharf, das ist, um es etwas niedlicher auszurücken, ganz sicher auch gemein, aber es fühlt sich an wie der eiskalte Windhauch, der durch ein geöffnetes Wohnzimmerfenster in die überheizte Bude zieht. Michael Nast besitzt einen kühlen und klaren Kopf.

Ein Kopf übrigens, dessen Ausformungen ein Partygast einmal als “Celebrity-Gesicht” charakterisierte. Doch aus dieses Merkmal verhindert nicht die allerunglücklichsten Dates mit Damen, die später berichten, sie hätten in Berlin das “Judendenkmal” besucht oder unbekümmert zugeben: “Von Wolfgang Petry mag ich eher die alten Platten. Die aus den achtziger Jahren. Mit den späteren Liedern bin ich irgendwie nie klargekommen.”

Weil Michael Nast solche Begebenheiten angemessen kommentiert, kann es passieren, dass sich angegriffen fühlende Menschen den begabten Schreiber in die Hölle schicken wollen. Ist man dagegen nur sein Leser, kann man sich zurücklehnen und sagen: die Kolumnen knallen und machen Spaß. Auf jeder Seite steht ein großartiger Satz, selbst die wahllose Aneinanderreihung verschiedener Titel von “Der bessere Berliner” begeistern.

Klingende Überschriften wie “Prolette de Luxe”, “Das Prinzip der sexuellen Hörigkeit”, “Ist fickbar eigentlich ein Fremdwort?” oder, ganz großartig: “Es war eigentlich wie bei ,Friends‘ – es gab nur weniger zu lachen” versprechen einen unterhaltsamen Leseabend. Wer von diesem Buch unterhalten wurde, wird automatisch im Browser-Suchfenster “Michael Nast” eingeben und mit leuchtenden Augen auf seiner „Großstadtkolumnen„-Seite landen. Denn dort geht es weiter, es nimmt kein Ende, mit “Klein, hässlich und faszinierend” und der Feststellung: “Vom Joggen werden Brüste auch nicht größer”. Michael Nast ist unser neuer Lieblingsautor. 2010 gehört ihm.

Michael Nast: “Der bessere Berliner”, Rowohlt, 224 Seiten, 8,95 Euro

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