Rezension: Schneller schießen mit Mercedes Bunz

Was geschah, als 1733 das der „Schnellschütze“, ein besonders ausgefeiltes Weberschiffchen patentiert wurde? Die Handwerker lobten nicht, dass ihnen eine fürchterliche Arbeit erleichtert wurde. Sie beklagten den möglichen Verlust ihres Arbeitsplatzes. 

Schnelleres Weben führte zu vermehrtem Garnbedarf und der Erfindung der „Spinning Jenny“, mit der die Industrielle Revolution begann. Nun gelten Digitalisierung und Internetausbau als ebenso tiefgreifend wie der Bau von Fabriken, die Bildung einer Arbeiterschaft und die daraus resultierende Landflucht im 18. Jahrhundert. „Die Vermehrung der Tauschmittel und der Waren überhaupt gaben dem Handel, der Schifffahrt, der Industrie einen nie gekannten Aufschwung. Und damit dem revolutionären Element in der zerfallenden feudalen Gesellschaft eine rasche Entwicklung. – Was ist das revolutionäre Element eigentlich an der Digitalisierung?“, fragte Mercedes Bunz bei der diesjährigen re:publica in Berlin.

Weil Server weniger Dreck und Lärm, Algorithmen leise operieren, analysiert Mercedes Bunz in ihrem aktuellen Buch eine „stille Revolution“ – die allerdings mit ähnlichen Beschwerden einhergeht wie die industrielle. „Die stille Revolution“ fragt sehr lesbar nach der tatsächlichen Macht von Maschinen, der gesellschaftsverändernden Kraft der Digitalisierung, und stellt fest, dass mit dem Internet erstmalig die Masse als positives Phänomen gesehen wird (anders als noch bei Adorno), dass Maschinen etwas Positives zugeschrieben wird (anders als bei Habermas, aus der zweiten Generation der Kritischen Theorie).

Aus dem Pöbel wird ein „Smartmob“, der Wissen enthierarchisiert und zu einer neuen Gesellschaftsform führen könnte, sofern wir es denn auch zuliessen. Freilich können Algorithmen inzwischen aus Spielprotokollen kleine Artikel basteln. Das ist niederintellektuelle Arbeit, für die kein Journalistenhirn blockiert werden muss. Die Chance der Maschinen liegt eben darin: Dass wir sie für eine höhere Form des Lebens und Denkens nutzen können. Ist es nicht verrückt, dass Marx die Maschinen zu Komplizen des Kommunismus machen wollte, als Sklaven, die den Arbeiter in der Fabrik ersetzen, auf dass er jagen, fischen, studieren, dichten kann? Genau so ist es gekommen. Doch wonach schreien die aus der Fabrik Entlassenen? – Nach noch mehr Arbeit. Es ist verrückt.

Mercedes Bunz: „Die stille Revolution“, Suhrkamp, 202 Seiten, 14 Euro

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