Rezension: Sag es mir

„In der Nacht, bevor ich nach Deutschland zu Mosha, meinem Großvater, fliege, lerne ich jemanden kennen, nehme ihn mit zu mir und schlafe zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Mann.“ Mit diesem perfekten Eröffnungssatz beginnt „Sag es mir“, das Debüt der gebürtigen Frankfurterin Vanessa F. Fogel, aufgewachsen in Israel, nun Amerikanerin (wie ihre Heldin) – eine 29-jährige Kosmopolitin, die deutsche, polnische, jüdische Geschichte in einem wunderbaren Coming of Age-Roman verknüpft. Ihre jüdische Heldin Fela reist aus Israel nach Europa, um mit Opa, einem Holocaust-Überlebenden, Polen zu besuchen – das Land seiner Kindheit, gleichzeitig der Ort größter Qualen im Getto, im KZ, unter dem Terrorregime des Nationalsozialismus. Wechselweise erzählt dieses Buch von Felas Kindheit in Israel („einem Land, in dem Angst ein Alltagsgefühl ist“), von Bombenanschlägen und Stromausfällen während des Irak-Kriegs, von ersten Küssen und von Opas Ausreden, der behauptet, die tätowierte Zahlenreihe auf seinem Unterarm sei lediglich eine Telefonnummer, die er nicht vergessen will.

Dieser Wechsel zwischen Super-Trauer, Jugendliebe, Schrecken macht „Sag es mir“ zu einem besonderen Dokument der jüdischen Enkel-Generation, die auf neue Weise versucht, Shoa und Diaspora zu verstehen: „Während eines Holocaustgedenktages – ich war in der vierten Klasse – kam der Grossvater eines Klassenkameraden in unsere Klasse, um mit uns zu reden. Von seiner Geschichte erinnere ich mich nur noch, dass er uns erzählte, er hätte gesehen, wie ein SS-Mann ein nacktes Baby an den Beinen griff und gegen einen Metallpfosten schlug. In diesem Moment, als ich noch keine Frauenkleider trug, hörte ich auf, mir vorzustellen, je ein Kind gebären zu wollen.“ Atemlos!

Vanessa F. Fogel: „Sag es mir“, übersetzt von Katharina Böhmer, Weissbooks, 342 Seiten, 19,80 Euro

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