Rezension: „Reise um meinen Garten“

Wer es sich leisten konnte, der floh in früheren Jahren vor der Stadthitze in die Sommerfrische – ans Meer oder in die Berge. Vor 175 Jahren ist ein Franzose daheimgeblieben, in seinem Garten. Er hat Briefe geschrieben an einen fiktiven Freund, der gleichzeitig durch die Welt gereist ist. Wer erlebt mehr? Das ist die Frage hinter „Reise um meinen Garten. Ein Roman in Briefen“ von Alphonse Karr, dem ein Buch gelungen ist, dass in unserem 2020er-Corona-Sommer eine unverhoffte Aktualität bekommen hat.

Der griechische Fabeldichter Äsop hat vor über 2500 Jahren die Geschichte vom Fuchs erzählt, der sehnsüchtig zu den Trauben schaut. Als ihm klar wird, dass er die süßen Früchte nicht erreichen kann, rümpft er verächtlich die Schnauze und sagt zu sich selbst, die Trauben seien gewiss noch nicht reif, also sauer, demnach verzichtbar. Ähnlich klingen die wesentlich jüngeren, 1845 erstveröffentlichten Briefe, die ein Daheimgebliebener an seinen weit reisenden Freund in Alphonse Karrs „Reise um meinen Garten“ verfasst. Der eine umrundet die Welt, der andere das eigene Grundstück so lang, bis ihm der schnöde Rasen unbezahlbar erscheint:

»Das lasse ich mir gefallen!, sagte ich zu mir, das ist ein Teppich, wie ich ihn liebe: immer frisch, immer schön, immer wertvoll. In Wirklichkeit hat er mich zwanzig Pfund Grassamen gekostet, das Pfund zu fünf Sous, das heißt fünfzehn Francs, und er ist beinahe genauso alt wie der in meinem Arbeitszimmer, der mich hundert Écus gekostet hat. Der für hundert Ècus hat nichts als betrübliche Veränderungen erfahren: Er ist heute mit seiner ganzen verblichenen, abgeschabten, beschämenden, ausgebesserten Pracht ärmlich und ärmlicher als der andere.«

Frauen sind Götter

Hier spricht das Alter Ego von Alphonse Karr, einem hierzulande bislang unbekannten Schriftsteller, der 1808 in Paris geboren und nun entdeckt wurde mit seinen fein ziselierten Beschreibungen von Blumen, Gräsern, Mücken und Schwebfliegen. Das klingt wie ein träger Sommertag, ist aber verbunden mit allerlei bildungsbürgerlichem Schmäh, mit zivilisationskritischen Invektiven, und mit unzeitgemäßen Satiren, wenn beispielsweise erläutert wird, weshalb es angeraten bleibt, der Liebsten nicht die schönsten, sondern vielmehr die seltensten Veilchen zu schenken:

»Man sollte nicht glauben, dass die Liebe, die Frauen für Schmuckstücke und Edelsteine zeigen, Habsucht sei: Frauen sind Götter, die ihre Macht an der Schönheit der Opfer messen, die man auf ihren Altären darbringt; die meisten sind so vernünftig, sich nicht deshalb für schöner zu halten, weil sie viele Diamanten haben, aber sie lieben es, zu zeigen, wie schön man sie gefunden hat, da man ihnen so viele schöne Diamanten geschenkt hat.«

Welch merkwürdiges Ding, der Besitz

Alphonse Karrs Buch steht in der Tradition jener Zimmerreise, die der französische Schriftsteller Xavier de Maistre 1790 verfasst hatte. Einen gegen ihn verhängten Hausarrest nutzte er damals für eine 42-tägige Rundreise durch sein Zimmer. Es gab etliche Nachahmer; wir denken vielleicht an das Zimmerstück von Robert Walser oder an die »Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer« von Karl-Markus Gauß. Bemerkenswert ist an diesem schönen, mit Illustrationen einer französischen Luxusausgabe versehenen Buch, wie im klassischen bel parlare, im gesitteten Ton Nicklichkeiten ausgeteilt werden gegenüber zahlreichen Ahnherren des Bildungsbürgertums – von Homer über Ovid bis Racine…

»Man könnte ein dickes Buch allein aus den Dummheiten schreiben, die die Menschen über Bienen gesagt haben« Während zugleich ein stoisches Prinzip die Zeilen des Franzosen durchwirkt, ein konsumkritischer Impetus spürbar wird, der den Spottreden gegenübersteht, denn: »Welch merkwürdiges Ding, der Besitz, auf den die Menschen so erpicht sind! Als mir nichts gehörte, hatte ich die Wälder und die Wiesen und das Meer und den Himmel mit den Sternen; seit ich dieses alte Haus und den Garten gekauft habe, habe ich nur noch dieses Haus und diesen Garten.«

Vor der Haustür die ganze Welt

Nun kann sich der Wohlhabende leichthin melancholisch geben, wenn er auf seine Güter schaut – und doch erscheint mit Alphonse Karr ein beachtenswerter Kauz auf dem Tableau der aktuellen Sommerveröffentlichungen, ein Sonderling, der gebildet ist und zugleich das allzu hubernde Gelehrtentum ablehnt aus seinem Innersten heraus. Während er selbst interessante Gedanken entwickelt, wie jenen über das Mikroskop, das uns einen kaum vermuteten Insektenreichtum nahegebracht hat, und weitere Erkenntnisse schenken könnte:

»Wer weiß, ob die Krankheiten, die sich zu gewissen Jahreszeiten regelmäßig ausbreiten, oder die, wie die die Pest und die Epidemien, unregelmäßig in größeren Abständen auftreten, nicht von Insekten verursacht werden, die wir mit der Luft einatmen.«

Aufgrund von Stellen wie der gerade gehörten, wird „Die Reise um meinen Garten. Ein Roman in Briefen“ während dieses Sommers als Quarantäne–Lektüre empfohlen, dieses 175 Jahre alte Buch eines daheimgebliebenen Franzosen, der uns mit den eigenen Balkonpflanzen versöhnt, weil er auf 440 ausgeruhten Seiten zeigt, dass wir vor unserer Haustür die komplette Welt im Allerkleinsten finden – wenn wir uns die Muße gönnen, achtsam hinzuschauen.

Alphonse Karr: „Reise um meinen Garten. Ein Roman in Briefen“, aus dem Französischen übersetzt von Caroline Vollmann, mit einem Nachwort von Eduard Bodi, Die andere Bibliothek Berlin, 440 Seiten, 44 Euro.

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