Rezension: Fasten mit Bier

Ob Bubble-Tea, Fitness-Früchtchen oder Obst-Matsch: Markus Barth lässt in „Mettwurst ist kein Smoothie“ wenig Gutes an den Ernährungsgewohnheiten des durchschnittlichen Großstadtbewohners. Vergeht einem der Appetit?

Markus Barth hat ein Händchen für kuriose Titel. Mit „Der Genitiv ist dem Streber sein Sex“ betrat der Comedian Anfang 2011 den Buchmarkt. Es folgte die CD „Deppen mit Smartphones an LIVE“ und nun, in schöner Titanic-„Alles andere ist Käse“-Art also „Mettwurst ist kein Smoothie“, mit Salamiwürfeln auf dem Cover in feinstem Fleischerrot. In kurzen Glossen erzählt der Wahl-Kölner über frittierte Mars-Riegel, die neue Modekrankheit „Sidewalk Range“ und das gemütliche Leben als verheirateter Franke in der guten rheinischen Homo-Ehe: „Stefan und ich sind jetzt seit zehn Jahren zusammen. Das entspricht umgerechnet ungefähr siebzig Hetero-Jahren.“ Als Klischee-Schwuler, den er als Comedian manchmal geben muss zieht Markus abends mit seiner „leider sehr dicken und unansehnlichen Freundin“ durch die Kneipen, um Hetero-Männer mit extraschwulen Blicken anzuschauen. Manchmal sortiert er seine „Golden Girls“-Bilder und Sport interessiert ihn nur, wenn im Hintergrund ABBA laufen könnte, also Eiskunstlaufen oder Synchronschwimmen. Außerdem hat er einen besonders scharfsinnigen Blick für die verunglückten Gewohnheiten heterosexueller Großstädter im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. Dazu gehört die neumodische Leidenschaft für den seiner Meinung nach arg eingebildeten Chicorrée, der sich einzeln geschützt von bodenständigerem Gemüse abzuheben weiß.

„Dann bleib doch zu Hause, Chicorée! Oder schämst du dich vielleicht, weil du neben so profanem Allerweltsgemüse liegen musst wie dem Blumenkohl? Der sieht immer ein bisschen aus, als hätte jeder einzelne Kopf persönlich mit dem Bollerwagen aus Ostpreußen rübergemacht.“ Es steckt so viel Wehmut in diesen Zeilen, auch wenn sich Markus Barth nur einen Kinofilm aussuchen  soll und feststellt: „Bei ‚Überraschungserfolgen aus Frankreich‘ überrascht mich eigentlich immer nur, dass diese Filme überhaupt irgendwo ein Erfolg waren.“ Und dann ist da noch der „Stofferia-Frosch“, ein armselig verkleideter Student, der jeden Samstag in Kölns Fußgängerzone steht und für ein Meterwarengeschäft wirbt: „Die Einzigen, die den Stofferia-Frosch nicht ignorieren, sind die braun gebrannten Ed-Hardy-Honks, die ihn regelmäßig umarmen, ihren Kumpels ein Handy in die Hand drücken und schreien: ‚Los, Alda, fotografier misch ma mit de Frosch-Mongo!'“ Da weiß man gar nicht, wer es 2012 schwerer hat im Leben – der Frosch, der Betrachter, oder Menschen, die Ed Hardy tragen müssen.

Nun thematisiert Markus Barth nicht nur die Gegenwart, sondern unfreiwilligerweise auch die Vergangenheit, wenn er einen längst abgehakten Trend erklärt: Bubble-Tea. „Falls Sie an Bubble-Tea nicht kennen: Stellen Sie sich ein extrem überzuckertes Tee-Mischgetränk vor, auf dessen Boden künstlich schmeckende Geleekugeln wabern. Das Ganze ist so süß und stückig, als hätte man ein Glücksbärchi püriert.“ Das Buch erschien Anfang Oktober 2011. Der Text ist vermutlich im Frühjahr entstanden. Doch jetzt, kurz vorm Winter hat nicht nur jeder erfahren, was ein Bubble-Tea ist, sondern vermutlich längst wieder vergessen. Im Sektor schließen bereits die ersten hastig eröffneten Läden und machen Platz für Nagelstudios. Übrigens gibt es ein „Mettwurst“-Ebook für Kindle, ipad, Sony Reader und wie sie alle heißen, was den unschlagbaren Vorteil besitzt, dass man nebenbei absurde Themen im Netz nachrecherchieren kann. Denn nicht alles wird von Markus Barth erklärt. Was ist ein Schäufele? Wer hat das Fastenbier erfunden? Ist Morgenmoderatorin Anna Planken tatsächlich eine derart strahlende TV-Gestalt, dass es sich lohnt, als Google-Alert ihren Namen und den verknüpften Begriff „Scheidung“ anzulegen, um Letzteres auf keinen Fall zu verpassen? Wie werden eigentlich Zähne „geblaeched“, also wieder in den weißen Urzustand zurückversetzt? Wer mutig ist: Heim-Bleacher kaufen die magischen Weiß-Stifte für den Selbstversuch. Wie es genau funktioniert will kein Kettenraucher wissen. Mehr dazu gibt es in diesem wirklich unterhaltsamen Band. Das Beste: Er enthält keine Witze über die Deutsche Bahn.

Markus Barth: „Mettwurst ist kein Smoothie: Und andere Erkenntnisse aus meinem Großstadtleben“, rororo, 200 Seiten, 8,99 Euro

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