Rezension: Die Ruhe nach dem Sturm

Norddeutsch klar erzählt Jan Christophersen von stillen Menschen und einer versunkenen Insel im Wattenmeer. Sechs Jahre Arbeit liegen hinter ihm. Das Ergebnis ist ein großer Wurf.

Zum Jahreswechsel 1978/79 versinkt Norddeutschland in einem gewaltigen Schneesturm. Telefon- und Strommasten gehen unter zentnerschwerer Eislast in die Knie. Viele Regionen sind von der Außenwelt abgeschnitten. Ein Zug bleibt 48 Stunden stecken. Sturmfluten bedrohen alle Küstenorte in Ost wie West. Nordfriesland löst Katastrophenalarm aus. Bundeswehr, NVA und Rote Armee rücken mit Panzern an.

Zur gleichen Zeit erleidet Paul Tamm, Hobbyarchäologe und Wirt des Vidtorfer „Grenzkrugs“, einen schweren Herzinfarkt. Kurz bevor die Melkmaschinen in den Kuhställen ausfallen und hordenweise Ferkel unter abgeschalteten Infrarotlampen zu kollabieren drohen, bevor das moderne Leben mit einem totalen Stromausfall zum Erliegen kommt, wird Paul im Krankenwagen abtransportiert. Eine Rettung in letzter Sekunde.

Zurück bleiben Pauls Lebensgefährtin, die von allen „die Chefin“ genannt wird, außerdem sein längst erwachsener Ziehsohn Jannis und Stammgast Heiner Bonatz, ein Maler, der sich seit der Nachkriegszeit regelmäßig im „Grenzkrug“ einquartiert. Alte Weggefährten allesamt, die ihre dutzendfach im „Grenzkrug“ erzählten Geschichten durchs Leben schleppen. „Sie waren alle zum Heulen traurig. Russen kamen darin vor. Mehr als ungewollte Schwangerschaften. Ein Schiff im Hafen, das verpasst wurde, glücklicherweise, weil sich später herausstellte, dass genau dieses Schiff die Fahrt über die Ostsee nicht geschafft hatte.“

Von stillen Menschen handelt Jan Christophersens Debüt „Schneetage“, von Menschen, die aber nach dem ersten „Möwenschiet“ (Leberwurst mit einem Klecks Senf, danach ein Pinnchen Doppelkorn) ins große Schnacken kommen und ihre Leben auspacken. „ich komme zwar selbst von der Ostseeküste“, sagt Jan Christophersen, „aber mein Roman musste an der Nordsee spielen, weil die Menschen dort viel mehr der Landschaft ausgesetzt sind. Deiche erinnern an die ständige Gefahr, dass da etwas von außen kommen kann. Die See ist rauer, Ebbe und Flut unterworfen. Man sieht das Watt und denkt, das sei schon immer dort gewesen – tatsächlich haben dort einst Menschen gelebt.“

In Rückblenden erzählt der Roman zunächst von Pauls persönlichem Untergang, in britischer Kriegsgefangenschaft, anschließend von einem gewaltigeren, kollektiven Untergang: der Inselort Rungholt wurde am 16. Januar 1362 in der Zweiten Marcellusflut zerstört. Mit dem Ort versank eine kleine Okarina-Flöte, die über 580 Jahre später von Ian Lubbock, einem abgeschossenen Piloten der Royal Air Force, gefunden wird. Diese Okarina wandert von Lubbock aus weiter in die Hände heimlicher Helfer, die ihn tagelang versteckten, von dort aus weiter zu Paul, der wie manisch nach Rungholt, dem Herkunftsort der Flöte, suchen wird – bis sie zum Ende ihre Geheimnisse preisgibt und Jannis, den Erzähler, vor eine existentielle Wahl stellt – mitten im „Schneetage“-Sturm.

Rungholt steht beispielhaft für die vielen Veränderungen eines Lebens. Eine lebendige Stadt wird totes Watt. „Und Hunderttausende sind ertrunken. Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch, schwamm andern Tags der stumme Fisch“, dichtete Detlev von Liliencron (1844-1909) in seiner Ballade „Trutz blanker Hans“. Dieser Mythos wird immer wieder auftauchen wie das unheimliche Läuten der alten Kirchenglocken Rungholts, die bei auflandigem Wind an die Ertrunkenen erinnern. So will es die Legende.

Aber Rungholt existierte tatsächlich, nur das Glockenläuten ist Einbildung. Der 34-jährige Jan Christophersen ist während seiner sechs Jahre dauernden Recherche hinausgegangen ins Watt, an die Stelle, wo der versunkene Hafen blühte bis zu der großen Flut, die alle mit sich riss. „Eine halbe Stunde hat man dort draußen. Dann kommt die Flut.“ Christophersen sagt das im gleichen unaufgeregten Ton, der auch „Schneetage“ auszeichnet: norddeutsch, klar, ohne große Worte, Tricks und Manierismen. „Wat mutt, dat mutt“, wie die Norddeutschen sagen. Sechs Jahre Arbeit – und ein großer Wurf.

Jan Christophersen: „Schneetage“, Mare, 370 Seiten, 22 Euro. TB bei Fischer, 9,95 Euro

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