Rezension: „Der Mensch kann auf viele Arten sterben“

Das Cover lässt einen seichten Sommerroman vermuten, der Titel dieses finnischen Romans erst Recht. Doch „Lempi, das heißt Liebe“ ist diesen Befürchtungen entgegengesetzt eine komplexe Geschichte über Depression und Verlust, über Krieg und Eifersucht, über toxische Sexualität und die immer neue Vertreibung aus dem, was wir für ein Paradies halten.

Lempi, das heißt Liebe im Finnischen, so heißt auch die deutsche Übersetzung dieses Debüts, und die gleichsam an- wie abwesende Hauptfigur, eine rätselhafte Frau, die aufwächst im beschützten Lappland der 20er und 30er Jahre. Sie hat eine Zwillingsschwester, Sisko, die nicht nur elf Minuten nach ihr geboren, sondern Lempi auf immer neu variierende Arten und Weisen unterlegen ist: „Heutzutage wird viel über Gleichberechtigung gesprochen, und dass Frauen dieselben Rechte und Möglichkeiten haben wie Männer. Ich war damals noch nicht so weit. Du dagegen schon. Du warst die Mutigere von uns, die Erwachsene, ich eine im Wind trudelnde Feder.“ Lempi, die Bewunderte, verliebt sich früh, sie heiratet, erlebt unbeschwerte Tage, doch dann bricht der Krieg aus, und Finnland kämpft aufseiten der deutschen „Waffenbrüder“.

Minna Rytisalos Debütroman gestaltet aus drei Erzählperspektiven sein Panorama der Vergeblichkeit vorm Hintergrund eines politischen Konflikts, der im Nachwort der Übersetzerin auf dreieinhalb Seiten skizziert wird: “Jahrhundertelang zu Schweden gehörend, wurde Finnland 1809 Großfürstentum des russischen Zarenreichs, konnte sich jedoch im Zuge der Oktoberrevolution von Russland lösen und 1917 seine Unabhängigkeit erklären. Als Russland den kleinen Nachbarstaat gut zwei Jahrzehnte später im November 1939 angriff, um das strategisch wichtige Gebiet der Karelischen Landenge zu erobern, kam es zum Winterkrieg zwischen Finnland und Russland. Dieser wurde im März durch den Friedensvertrag von Moskau beendet. (…) Dem kleinen Staat wurde schmerzhaft deutlich, dass er sich langfristig nicht allein gegen russische Angriffe würde verteidigen können, und er suchte die Nähe zu Deutschland.“

Auch ohne diesen von der Übersetzerin Elini Kritzokat am Ende des Buchs skizzierten Hintergrund ist der Roman nachvollziehbar, denn im Mittelpunkt stehen weniger gesamtgesellschaftliche, sondern vielmehr jene individuellen Schicksale, die mit Lempi verknüpft sind. Alle drei, der aus dem Krieg heimgekehrte Gatte, die Magd des Ehepaars und die sich unterlegen fühlende Schwester erzählen je ein Drittel der Geschichte; und langsam entsteht aus diesen Erinnerungen ein Bild der Figur, ein Bild des höheren Töchterchens Lempi, die beinahe zufällig an den Farmer Viljami gerät.

Das deutsche Cover.

Zu Beginn kehrt eben dieser Viljami vom Schlachtfeld heim. Aus den Briefen der Magd Elli wurde ihm mitgeteilt, dass seine Frau gestorben, nur sein Sohn Aare und sein Ziehsohn Antero überlebt haben. Viljami streift depressiv durch die wilde Natur und klagt, denn „so gut lief unser Anfang, nie hätte ich kommen sehen, dass ich alles verlieren würde.“ Aus dem Lazarett entlassen, weil sein Leiden lediglich seelischer und nicht körperlicher Natur ist, sieht sich dieser gebrochene Mann vorm Nichts stehen: „Wenn ich wählen könnte, hätte ich lieber eine Verletzung. Eine Verletzung, die mich schwächt. Alles lieber als dieses Gefühl, das mich das Ende herbeisehnen lässt.“ In diesem ersten Drittel des Romans wird eine große, scheinbar unbeschwerte Liebe zu Lempi heraufbeschworen: „Wir schwammen in der nächtlichen Sonne, ohne Wellen zu hinterlassen, glitten vorsichtig dahin. Hätten wir an Gefahren denken sollen? An Partisanen hinterm Baum, Fallschirmjäger in Erdgruben?“ – Viljami ist gefangen in einer Trauer, die er nicht vorbeigehen lassen will, weil dieses Vorbeigehen bedeutete, dass man ihren Grund vergisst.

Beeindruckend, wie Rytisalos Text hier eine äußere wie seelische Landschaft der Melancholie entwirft, eine erste Vertreibung inszeniert aus dem, was einer für sein privates Paradies gehalten hat: „Mit jedem meiner Atemzüge wirst du ein wenig mehr Geschichte, entweichst in die Vergangenheit und entfernst dich von mir, und das ist falsch, nach all dem.“ – Dass die Erinnerung trügt, dass er möglicherweise nur hereingefallen ist auf eine manipulative Frau, erzählt das zweite Drittel aus Sicht der eifersüchtigen Magd Elli. Sie sah sich bereits an der Seite Viljamis, „doch dann kamst du, wie ein neues Pferd in einem Rennen, ein Trumpf im Kartenspiel.“ Sie hasst diese Frau, die ihr wie eine Nebenbuhlerin vorkommt, ob ihres höheren Standes und ihres exaltierten, ausbeuterischen Wesens: „Ja, ich wünschte dir den Tod. Ich betete. Gott, nimm diese nichtsnutzige Stadtgöre, diese verdammte Hure fort, diese an elektrisches Licht und Radio gewöhnte Samt-Saum-Schlampe, diese Nagelfeile.“ In Ellis Erzählung verwandelt sich Lempi in eine Schickse, die ihren Mann benutzt und die verbitterte Magd zurücklässt hat mit den beiden Jungs. Die Kinder und den Mann will Elli für sich allein, als der gebrochene Viljami auf den finnischen Hof zurückkehrt, mit dem Netz des körperlichen Begehrens will sie den Mann einfangen für immer, denn „ich bin eine brünstige Kuh, eine Katze, die im Frühling laut maunzt.“

Das finnische Original-Cover.

Aus der Gegenwart unserer Zeit erinnert sich abschließend die greise Sisko. Am Anfang des Krieges gegen Russland verlobt sie sich mit dem Wehrmachtsoffizier Max, sieht in ihm den Ausbruch in ein anderes Leben. Ist die Sexualität in Viljamis Beschreibungen von seiner Ehe mit Lempi geradezu keusch, bei der Magd liebesferne Naturgewalt, so wird sie für Sisko zum Ort des Schmerzes, den sie auszuhalten bereit ist: „Manchmal drückte er aus heiterem Himmel meinen Kopf nach unten, und ich hatte sofort mitzumachen, auch wenn mir dabei übel wurde, oder ich weinen musste, und hinterher verspottete er mich noch dafür.“ Sisko hält es aus, denn in Hamburg, nach dem Krieg, „würde sich alles zum Guten wenden, ich war mir sicher, in einem Bett würde es sich bequemer, weniger nach Turnen anfühlen.“ –  Lempi wird von Sisko beäugt, weil sie das Abitur schafft mithilfe der Schwester, ohne sich selbst anzustrengen, weil sie zwar „nach unten“ heiratet, aber doch alles hat, was in jenen Jahren erstrebenswert scheint: einen Hof, eine Magd, einen braven Ehemann, dann das erste Kind.

„Ich beneidete dich um deine Eheschließung, um die verzauberten Blicke deines Mannes, um das Versprechen, das ihr euch gabt.“ Sisko wäre gern die Seelenverwandte von Lempi, deren Schwangerschaft sie selbst spürt im eigenen Körper, der gegenüber Max nur zum privaten Kriegsschauplatz wird – bis er sie am Ende verlässt.

Doch wer ist Lempi, diese Frau, deren Name Liebe heißt? Sie ist augenscheinlich eine Projektionsfläche für jene Sehnsüchte, die ihre Mitmenschen haben; dabei zeigt sie sich – was typisch wäre für Narzisstinnen – niemals selbst, als eigenständiges Wesen. Dreimal ist Lempi Zielgebiet anderer Biographien, dreimal wird sie belastet mit den Zuschreibungen Anderer, dreimal ist sie An- wie Abwesende, eine Unberühr-, eine Unverstehbare. Ihr Erscheinen erinnert permanent an eine Epiphanie. Dass die Finnin Minna Rytisalo trotz des historischen Hintergrundes, des gewaltigen Anspielungsraumes und der Höhe der hier geschilderten Gefühle nie abrutscht im Kitsch-Klebrigen, sondern mit der Souveränität der literarisch Geschulten ihr stilles Debüt inszeniert, ist bemerkenswert und falsifiziert leichthändig alle Assoziationen, die der deutsche Titel und das viel zu weiche Hanser-Cover evozieren. „Lempi, das heißt Liebe“ – es heißt aber auch: im Angesicht des Schmerzes überlebensfähig zu bleiben, komme was wolle, selbst wenn niemals das kommt, was man ersehnt und für sein Glück erwartet hat.

Minna Rytisalo: „Lempi, das heißt Liebe“, aus dem Finnischen und mit einem Nachwort von Elini Kritzokat, Hanser München, 224 Seiten, 21 Euro / Foto-Copyright: Marek Sabogal

 

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