Die Rezension des Lebens

Über Dandys, den Blog von Karl Kraus und Literaturkritik im Zeitalter von Goodreads. 

„Besonders schön, wie Adolf Muschg von einem Spaziergang mit Reich-Ranicki an den Niagara-Wasserfällen erzählt, einer vergleichsweise unumstößlichen Naturerscheinung, die den Kritiker allerdings nicht daran gehindert hat, sie einer entschlossenen Rezension zu unterziehen: ‘Müsste weiter links fallen!‘ – Verdammt, dachte ich, welche Aussichten, welche Macht, welch kolossale Naturerscheinung er selbst, dieser Kritiker“, schreibt Hajo Steinert 2008 in seinem Essay „Das Glas, die Jacke, der Fleck – Flüssige Begegnungen“ über die geradezu manische Ästhetikfaszination des jüngst verstorbenen Großkritikers. F.AZ.-Herausgeber Frank Schirrmacher hat ihn „in seiner kurzen, bewegenden Trauerrede“ vermutlich recht eingeschätzt, als es sagte, Marcel Reich-Ranicki hätte „auch diese Veranstaltung rezensiert.“Kritik ist allgegenwärtig, das Leben eine Evaluation. Der 1890 noch kaltschnäuzig klingende Wahlspruch „Es gibt nur ein Ding in der Welt, das schlimmer ist, als daß über einen geredet wird, nämlich, daß nicht über einen geredet wird“, wird als schmissiger  Wahlspruch des „any publicity is good publicity“ aktualisiert. Wir beurteilen und rezensieren Menschen wie Waren (die bei kostenlosen Social-Media-Sites gegeneinander ausgetauscht werden). Aber diese Form der Kritik hat nichts mit jener Literaturkritik zu tun, die ich im Sinn habe – was ich auf den folgenden Seiten näher erläutere. Zu fragen ist: Was unterscheidet Produktbewertungen und echte Kritik, also jene, von denen Publizisten leben möchten?

Vorderhand klingen die beiden Szenen mit Reich-Ranicki verwunderlich und gelten als besonderer Beleg einer ästhetischen Haltung zur Welt, die bis in die späten 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts allenfalls mit den letzten Dandysin Verbindung gebracht wurde, denen man ganz im Sinne des „ersten“ Dandys George Brummell (1778-1840) neben Sorgfalt auf ihre Kleidung auch „besonders scharfen Wortwitz“ attestierte, „Ironie, das Verwenden des Wortes als Waffe“, „die Selbstinszenierung als König“ und als „zentrale Botschaft all dieser Geschichten: Egal, was die anderen machen, Brummell übertrifft sie allesamt. Anekdoten, wonach er die Stiefel mit Champagner polierte, Krawatten direkt wieder waschen und stärken ließ, wenn sie nicht mit dem ersten Handgriff perfekt gebunden wurden, oder dass er mehrere Schneider für seine Handschuhe beauftragte, einen für den Daumen, einen für die restlichen Finger.“

Schon die Anekdoten um George Brummel waren erfunden. Er selbst widersprach ihnen. Es ist ebenso wenig bekannt, ob die Wasserfallszene mit Reich-Ranicki der Wahrheit entspricht. Doch darum geht es nicht. Sie steht pars pro toto für eine Contenance, die F.A.Z.-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg aufgreift, wenn sie schreibt: „Am Schreibtisch traf man ihn eigentlich immer und überdies stets im Anzug an. Nachdem es im Getto überlebenswichtig gewesen war, sauber und anständig auszusehen, hatte er die dort angenommene Gewohnheit, sich zwei Mal am Tag zu rasieren, auch später beibehalten. Schlampigkeit verachtete er, in der Kunst wie im Leben.“

Eine Tonne purer Eleganz

Es ist eine Haltung, auf die ich später zurückkommen möchte, die aber nichts gemeinsam hat mit dem Drang zeitgenössischer Internetnutzer, Erscheinungen jedweder Art einer Bewertung zu unterziehen. Egal ob es um Bücher, Musik, Filme, Festivals, Restaurants, Imbissbuden, Waschmaschinen geht – alles wird rezensiert. HolidayCheck erbittet nach jedem Urlaub umfangreiche Benotungen, obschon der Geist ruhen wollte, ein paar Tage wenigstens. Kaum etwas ist anstrengender, als bereits vorm Boarding Mängel zu notieren.

In ihrem Roman „Nullzeit“, der in einer Tauchschule auf Lanzarote angelegt ist, schreibt Juli Zeh über die neue Lust am Beurteilen: „Es war eine Sucht. Ein Fluch. (…) Urteilende und Beurteilte befanden sich im permanenten Kriegszustand, und jeder füllte, je nach Situation, die eine oder andere Rolle aus. Alles, was meine Kunden von zu Hause erzählten, waren Berichte von der Urteilsfront. Wie sie den Chef fanden. Wie sie von ihren Kollegen gefunden wurden. Was sie von der Kanzlerin hielten. Was sie von anderen Tauchern dachten. Nach den ersten drei Bier am Abend dann auch, wie ihre Frauen performten. Und am Ende des Urlaubs notierten sie auf tauchernet.de, wie sie mich gefunden hatten. Als müsste der Mensch befürchten, ohne Beurteilungen auf ewig zu verstummen.“ Die täglich eintreffenden Bewertungs-E-Mails werden längst parodiert, wenn Produkte wie die 33.201 Euro teure Fräsmaschine „Optimum F 100 CNC“ von einem Amazonkunden wie folgt „besprochen“ wird:

„Man gönnt sich ja sonst nichts. Hab ich mir gedacht, als ich mir diese CNC-Fräsmaschine zugelegt habe. Dazu muss ich sagen, dass ich schon einige Jahre in Rente bin, und auf der Suche nach einer neuen Lebenspartnerin, seit meine Frau mit dem jungen Kerl von ‚Essen auf Rädern‘ durchgebrannt ist. (…) Da stand sie nun. Eine Tonne pure Eleganz. Ich hielt es in meinem Alter nicht mehr für möglich, aber es war Liebe auf den ersten Blick. In dieser Maschine hatte ich alles, was ich in meiner Frau all die Jahre vergebens gesucht habe: Sie meckert nicht, wenn ich meine Wäsche herumliegen lasse. Es stört sie nicht wenn ich am Wochenende Fußball schaue. Sie braucht morgens keine 2 Stunden im Badezimmer. Sie klagt nicht darüber, zu wenig Kleidung zu haben. Sie schaut keinen anderen Männern hinterher (das war mir sehr wichtig, nach meinem Trauma mit dem Herrn von Essen auf Rädern). Und dank ihrer eingebauten Mikrowellenfunktion kann sie sogar noch besser kochen als meine Frau.

Airen-Gate

Erinnerte Marcel Reich-Ranicki 1970 im einleitenden Essay seiner Sammlung „Lauter Verrisse“ noch daran, dass „im Land, dessen hervorragendster Philosoph das Wort ,Kritik‘ schon in den Titeln seiner Hauptwerke verwendete (…) die kritische Einstellung allen Ernstes und mit Erfolg als undeutsch, als etwas Fremdartiges diffamiert“ wurde, so ist seine Feststellung heutzutage ob der zahlreichen Rezensionen, die unsere Timeline fluten neu zu überdenken. Rezensionen sind allgegenwärtig. Als Literaturjournalist denke ich täglich darüber nach, wie ich den Gegenstand meiner Analysen angemessen bearbeite. Als herausragendes Beispiel lese ich immer wieder „Medusa in der Selbsthilfegruppe“, den einseitigen F.A.Z.-Artikel von Richard Kämmerlings zu David Foster Wallace‘ „Unendlicher Spaß“. Wer sich jemals in dem 1544 Seiten-Roman verirrte, dem hilft „Medusa in der Selbsthilfegruppe“ im Labyrinth, indem hier ein Kritiker durch akribische Recherche den Plot erhellt, Lesepfade präsentiert, vor Falltüren warnt. Die Leistung des Textes besteht nicht darin, eine ästhetische Wertung abzugeben – wie gesagt, das können auch Amazon-Rezensionen.

Der Artikel vertraut dem Roman als Text und hält sich nicht lange mit dem Autor David Foster Wallace auf. Es ist unfassbar langweilig, Literatur über den Autor zu verkaufen – was regelmäßig schief geht, siehe „Bruchstücke“ von Binjamin Wilkomirski (hochgelobte Holocausterinnerungen, nachträglich als Kompilation von Hollywoodfilmen identifiziert), oder „Sarah“ von J.T. LeRoy, das eben nicht das autobiographische Schicksal eines H.I.V.-infizierten Strichers nachzeichnet, sondern „ein von Laura Albert geschaffener Hoax war, JT LeRoy demnach weder ein Mann ist noch eine annähernde Vita durchlebt hat. LeRoy wurde vielmehr als Savannah Knoop identifiziert, eine Halbschwester von lbert damaligem Partner Geoffrey Knoop“. Ebenso erinnert man sich an Helene Hegemanns Debüt „Axolotl Roadkill“. Die interessantesten Stellen hat sie eins zu eins aus „Strobo“ des Raveschriftstellers Airen kopiert. Als der Münchner Journalist Deef Pirmasens das Plagiat aufdeckte, waren die Lobeshymnen auf Helene Hegemann längst veröffentlicht. Peinlich waren die späteren Rechtfertigungsversuche des Feuilletons – „Meiner Ansicht nach stellt der Hegemanntext eine deutliche Verbesserung des Airentextes dar“ usw. („Airen-Gate“ habe ich diesen Absatz nur deshalb genannt, weil inzwischen alles ein XXX-Gate ist, sobald etwas schiefgegangen ist).

Goodreads und Pfannendeckel

Ein Beispiel, das zwar durch die Brust ins Auge zielt, aber meine Argumentation weiterführen soll: Kollege Stefan Mesch ist begeisterter Nutzer des amerikanischen Social-Reading-Portals „Goodreads“, wo man ein persönliches Profil anlegen und für gelesene Bücher Bewertungspunkte abgeben kann. Wenn Stefan Mesch und ich aufeinandertreffen (zumeist im Netz), dann fragt er, wann ich beabsichtige, ein Goodreads-Konto zu eröffnen, um Sterne zu vergeben und Leselisten feilzubieten.

Stefan Meschs LUX-Beitrag „Futter für die Bestie“  beantwortet en passant, weshalb ich Seiten wie diese (z.B. auch „Lovelybooks“) als Kritiker meide (während ich als Autor eben dort gern zu Gast bin): „Elke Heidenreich und Goodreads helfen uns, Konsens- und Publikumsromane zu finden, die ,nicht dusselig sind‘ und ,mit uns allen zu tun haben‘. Schwerer – aber lohnenswerter – sind jene literarischen Empfehlungen, die ihren Lesern ein Stück näher kommen. Sie kitzeln. Irritieren. Treffen. Weil sie mit uns – und nur mit uns – zu tun haben.“

Wenn wir konsumieren, orientieren wir uns an Bewertungsportalen oder der Meinung jener Freunde, denen wir vertrauen, schreibt Stefan Mesch (der übrigens ganz und gar großartige Rezensionen für Die Zeit und den Tagesspiegel verfasst). „Freund Fred mag ruhige, schüchterne Männer als Hauptfiguren – Rollen für Schauspieler wie Tobey Maguire und Elijah Wood. Freundin Maria mag sachliche Mütter und Väter – Figuren, die sich um Kinder kümmern, doch in der schlimmsten Krise besonnen bleiben. Freund K. mag – im Privatleben – kühle, kluge, arrogante Frauen. Doch andererseits fühlt er sich schnell bedrängt und drangsaliert. Ich lieh ihm ein paar Superheldencomics. Doch alle ,Wonder Woman‘-Hefte legte er sofort zur Seite. Mit Schaudern.“

Dieser Essay erzählt von den Bedürfnissen eines Kulturkonsumenten, der sich unterhalten oder anregen lassen will. Wenn ich mir in der ARD-Mediathek einen Feierabendfilm ansehe, schaue ich freilich vorher auf Durchschnittsbewertungen. Hier geht es allenfalls um Unterhaltungsprodukte, die zum „Fernsehbier“ passen müssen. Kaufe ich eine App, halte ich mich Rankings. Möchte ich einen Pfannendeckel kaufen sortiere ich die „Küche & Haushalts“-Liste nach „besten Ergebnissen“.

In zahlreichen Lebensbereichen lasse ich mich von Hitparaden leiten. Aber wenn es ums Rezensionsgeschäft geht blende ich Long- und Shortlists, Auswahlsammlungen und Buchcharts aus bzw. riskiere den Querblick nur deshalb, weil ein Massenmedium wie 1LIVE als größter Jugendsender Europas den Mainstream kennen sollte, was aber eben nicht bedeutet, dass die neue Platte von „Scooter“, sondern eher die von den „Crystal Fighters“ gespielt wird und dass neben John Grisham Platz bleibt für Thomas Meineckes neuen „Analog“-Band aus dem Verbrecher Verlag.

When there‘s nothing left to burn, you have to set yourself on fire!

Es gibt MitarbeiterInnen von Verlagspressestellen, die zugeben, sie interessierte nicht der stilistische oder kritische Wert einer Rezension, sondern allein deren Einfluss auf spätere Verkaufszahlen und die Umrechnung der Kritik in gesparte Anzeigenkosten. Aber das bedeutet selbstverständlich nicht, dass ein Rezensent dieses Spiel mitspielen soll. Mir darf es egal sein, weil Verlage keine Sendezeit buchen. Das ist kein Verlagsbashing. Eine kulturell ausdifferenziertes, kapitalistisch determiniertes Literaturfeld erleichtert meine Arbeit enorm. Ich empfinde Dankbarkeit für kostenlose Bücher, die (noch nicht) rein digital verschickt werden, wie es in der Musikbranche längst üblich ist, wo in vielen Fällen lediglich Streamingzugänge ermöglicht werden. Doch Literatur ist mehr als Ökonomie, das darf nicht vergessen werden bzw. ich erinnerte mich zuletzt daran bei einem Besuch im Frankfurter mediacampus, als wir mit einer Ausbildungsklasse ernsthaft darüber debattierten, ob Buchhändler in erst Linie Lesende (das Fach „Literatur“ ist kein Prüfungsfach) oder Kaufleute seien. In der Sendung 1LIVE Shortstory, wo wöchentlich Kurzgeschichten präsentiert werden bleibt nebensächlich, ob ein Text veröffentlicht oder unveröffentlicht ist. Selbst der Autor darf ein „Nobody“ sein. So debütierte der Hildesheimer Student Felix Tota am 1. Juli 2012 eben dort mit seiner Geschichte „Hybride Momente“, die zu einer außergewöhnlich hohen Rückmeldung vonseiten der ZuhörerInnen geführt hat. Dergleichen findet außerhalb des Marktes statt (zum Glück).

Interessant sind Blogs wie die von Stefan Mesch und Dana Buchzik, (Timeline-)Klatsch, Lesungen, Fanfiction und Graffities, Selfpublishing, Litfutur- und Thomas-Mann-Tagungen, nächtelange Gespräche der Art „Schiller schlägt Goethe, wird aber von Hölderlin geschlagen“. Alles, was als literarischer Text oder im Zusammenhang mit literarischen Texten betrachtet werden kann, ist möglicherweise relevant und hat nur zu einem Bruchteil mit Ökonomie zu tun. Aber bezahlt werden wollen wir dennoch, weshalb umso deutlicher nachgedacht werden sollte, was eine professionelle Rezension von Amazonkritiken unterscheidet? Wird in ihr Literatur in Bezug zum kulturellen Archiv betrachtet, in das sie sich einschreibt, das Rezensieren zum „Lesen mit Links“, mit Zettelkasten, Recherche und Vernetzung, mit arebeit, erebeit, erbeit im mittelhochdeutschen Wortsinne, wo eben dies bedeutet: „mühe, mühsal; not die man leidet od. freiwillig übernimmt; kampfesnot; strafe“?

Mehrwert gegenüber der Amazonkritik entsteht, weil professionelle Kritiker täglich lesen, suchen, recherchieren, telefonieren, Autoren treffen, was klingt wie der Himmel auf Erden, dem widersprechend eine hohe Dichte an neumodisch Burnouts, altmodisch Depression genannten Diagnosen gegenüberstehen. Mehr als die thematisch sortierte Hausbibliothek belegen heutzutage Nervenzusammenbrüche die Ekstase der Idiosynkrasie. Rezensieren kann heissen: Sich der Literatur auszuliefern, bis das Serotonin versiegt. – Der großartige Novellenautor Hartmut Lange sagte 2010 zu mir: „Die Leser können sich ja an der Kunst erfreuen, sich an ihr erbauen. Aber die Künstler, die diese Kunst hervorbringen, sind umgetrieben, im ständigen Fegefeuer.“ – Als Kritiker schadet es möglicherweise nicht, dieser Verfassung nachzuspüren, sich also mutig vorzuwagen und Risiken einzugehen. Alles geben!

Versuch es

Stell Dich mitten in den Regen,
glaube an den Tropfensegen,
spinn Dich in das Rauschen ein
und versuche, gut zu sein!

Stell Dich mitten in den Wind,
glaub an ihn und sei ein Kind –
laß den Sturm in Dich hinein
und versuche, gut zu sein!

Stell Dich mitten in das Feuer,
liebe dieses Ungeheuer
in des Herzens rotem Wein –
und versuche, gut zu sein!

So abhängig von Walser & Co. bin ich nun doch nicht

Im Sommer 2013 wurde die Musikerin Scarlett O‘ abgemahnt. Sie hatte eine Rezension auf ihrer persönlichen Homepage nachpubliziert und „sollte 1.900 Euro für jedes Jahr der unberechtigten Nutzung des Textes überweisen, dazu 869 Euro Anwaltskosten.“ Das ist allein schon deshalb eine Unverschämtheit, weil in Deutschland keinem Rezensenten 1.900 Euro überwiesen wird. Eine Reaktion auf besagte Abmahnung war der „Offene Brief von Kulturschaffenden, Kulturvereinen, Journalisten und Kulturfreunden an die Zeitungsverleger und entsprechenden Rechteinhaber“, in dem dieser bemerkenswerte Absatz steht: „Gute Pressekritiken helfen den Künstlern, Veranstalter und das Publikum auf sich aufmerksam zu machen. Die Namen der Zeitungen und Rezensenten erfahren durch das Zitieren wiederum Verbreitung über den angestammten Leserkreis hinaus, wodurch sich auch die Reputation der Kritiker erhöht und der Zeitungsverlag weitere Anzeigenkunden gewinnen kann.“

Auch hier wird ein grundlegendes Missverständnis artikuliert. Anlässlich des nicht enden wollenden Bestsellererfolges seiner Autobiographie „Mein Leben“ äußerte sich Marcel Reich-Ranicki im Interview mit dem Spiegel: „Ich darf in aller Bescheidenheit sagen, dass keiner der Romane, die etwa Martin Walser oder Günter Grass in den letzten zehn Jahren veröffentlicht haben, eine auch nur vergleichbare Auflage erreicht hat. Das freut mich, weil ich von diesen Herren oft zu hören bekam, ich sei überhaupt nicht kreativ, ich könne ja nur – als Kritiker – etwas schreiben, wenn sie, die Schriftsteller, vorher etwas produziert hätten. Walser hat mir einmal gesagt: ,Wenn ich und meine Kollegen aufhören zu schreiben, sind Sie arbeitslos.‘ Da freut es mich doch, dass mein Buch jetzt gezeigt hat: So abhängig von Walser & Co. bin ich nun doch nicht.“ Reich-Ranicki steht diesbezüglich nicht allein. Der frühere F.A.Z.-Feuilletonredakteur Eberhard Rathgeb (Bei Hanser erschienen) erhielt für seinen Debütroman „Kein Paar wie wir“ gerade den aspekte-Literaturpreis.

Wenn Martin Walser nicht schreibt (eine beruhigende Vorstellung), dann macht es ein anderer. Viele große Kritiker waren ohnehin Literaten: Lessing, Fontane, Tucholsky (der in seiner „Weltbühne“-Rubrik „Auf dem Nachttisch“ bis zu 12 Bücher gleichzeitig besprach). Wer heute mit Rezensionen Geld verdienen mag, muss sich strecken. Wer jemals mit Rezensionen Geld verdienen wollte, musste sich strecken. Ohnehin brauchen wir kulturelle Diskurse, um als Gesellschaft zu überleben. Kulturell unterentwickelte Gesellschaft sind dem Untergang geweiht. Für diese Erkenntnis muss man kein promovierter Historiker sein. Es reicht Zack Snyders US-amerikanische Comicverfilmung „300“ aus dem Jahr 2007.

Man kann ebenso die Zweitausendeins-Ausgabe von Karl Kraus durchzublättern, über 20.000 Seiten, entstanden zwischen 1899 bis 1936, ein gewaltiger Kulturblog (würde man heute sagen), größtenteils vom Herausgeber allein gefüllt. Wie manisch schreibt er über Zwischenfälle im Vatikan, Sittlichkeit und Kriminalität, Pornographie und „die Schuldigkeit“, dazu immer noch bekannte Sotissen („Kosmetik ist die Lehre vom Kosmos des Weibes“) und treffendere Aphorismen („Geistige Zuckerbäcker liefern kandierte Lesefrüchte“). Über den österreichischen Schriftsteller Peter Altenberg („Ashantee“) liest man: „Unter den zahllosen, die ihre Stoffe aus der Literatur geholt haben und Migräne bekamen, als es an die Prüfung durchs Leben ging, ist einer, der im schmutzigsten Winkel des Lebens Literatur geschaffen hat, gleich unbekümmert um die Regeln der Literatur und das Leben.“ Ein Leben als Rezensent, eine einzigartige Rezension des Lebens. – Ob wir nun über Karl Kraus oder MRR reden, über Tucholsky, Lessing, Fontane – sie alle haben ihr Gesundheit aufs Spiel und ihr Leben auf Rot gesetzt, um Kritiker zu sein, zu bleiben. Sie haben sich in den Regen, den Wind, das Feuer gestellt – Sternchen vergeben hat keiner von ihnen.

The water looked grey, there was trash all along the edges

Auf der Tripadvisor-Website bekommen die Niagara-Wasserfälle übrigens nur 4,5 von 5 möglichen Bewertungspunkten, davon zwar 4202 „Ausgezeichnet“, allerdings auch 43 „Mangelhaft“ und 18 „Ungenügend“. Nutzer iSurvivor schreibt am 29. Mai 2013: „I was expecting this grand Natural Wonder. Not quite. The water looked grey, there was trash all along the edges of the falls.“ – Dagegen wirkt Marcel Reich-Ranickis „Müsste weiter links fallen“, geradezu zahm.

(Dieser Text ist eine mit Links versehene Fassung des LUX-Essays, der 11/2013 in der Bella Triste erschienen ist, dort allerdings mit Fußnoten)

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