Interview: „Die dunklen Seiten der Empathie“

Empathie ist eine besondere Fähigkeit des Menschen. Die Einfühlung in andere gilt gemeinhin als gut. Aber „dieses Buch handelt von den scheinbar unmenschlichen Dingen, die wir tun oder empfinden, nicht obwohl, sondern gerade weil wir Empathie haben.“ Das schreibt der Literaturwissenschaftler Fritz Breithaupt in seiner aktuell diskutierten Studie über „Die dunklen Seiten der Empathie“. Ein Gespräch über Narzissmus, Ich-Verlust und eine Sucht nach Mitgefühl, die in Sadismus umschlägt.

Weshalb muss man, um effektiv grausam zu sein, über Empathie verfügen? Wer grausam sein will, der muss wissen, was der andere empfindet und was er ihm eigentlich antut. Es kommt etwas Zweites dazu. Warum ist man eigentlich grausam? Ich glaube, viele Menschen sind grausam, weil sie andere Menschen verstehen wollen, denn wenn man grausam ist, leidet der andere Mensch und dann weiß man, wie der Andere sich fühlt.

Eine fürchterliche Vorstellung. Warum wird Empathie, dieser oft positiv konnotierte Begriff, in den verschiedenen Disziplinen unterschiedlich definiert? Dass Empathie positiv verstanden wird, ist natürlich mit viel Hoffnung verbunden. Wir können andere Menschen verstehen, wir sind nicht alleine in unserer Welt. Nur jeder hat seine eigene These dazu, was Empathie ist. Ist es Mitfühlen oder ist es das Nachvollziehen einer Situation eines anderen Menschen?

Wieso eignet sich Empathie besonders gut zur Manipulation? Wer Empathie versteht, kann sie dazu einsetzen, um Leute auf seine Seite zu ziehen. Donald Trump ist großartig darin, Empathie auf sich selber zu beziehen. Er kreiert eine Situation, die voller Spannung ist. Er inszeniert sich als „Einer gegen Alle“ und nun fragt man sich: „Was wird er jetzt sagen?“ Zack! Da ist man in seiner Perspektive gefangen. Wenn man plötzlich die Sicht eines Menschen übernimmt, dann übernimmt man auch dessen Werturteile, dann werden plötzlich die anderen zu Feinden. Wenn man sich im Wahlkampf auf Donald Trump einlässt, wird Hillary Clinton plötzlich verdächtig. Sie wird zum Feind. Sie wird zur „Crooked Hillary“.

Sie beschreiben unter anderem anhand Friedrich Nietzsche, welche Kosten entstehen für denjenigen, der empathisches Verhalten zeigt. Welchen Preis hat Wahrnehmungsfähigkeit in diesem Zusammenhang? Nietzsche ist natürlich, wie immer, sehr stark in seinen Ansichten. Er schlägt vor, dass der emphatische Mensch sich ganz entleert, ganz dünn macht, selber wie eine Art von Spiegel wird, um den anderen Menschen aufnehmen zu können. Der emphatische Mensch entleert sich. Dieser emphatische Mensch ist für Nietzsche ein selbstloses Wesen ohne Kontur. Dadurch kann der selbstlose Mensch aber den anderen Menschen projizieren als einen Menschen mit einem starken Ich. In einem Satz: Nietzsche erkennt, dass Empathie zur Selbstlosigkeit führen kann, zum Selbstverlust, zur Selbstaufgabe.

Wer wahrnimmt, der kann sich nicht gleichzeitig expressiv ausdrücken. Deshalb scheint derjenige seine Identität zu verlieren. Das klingt nach einem Argument der Neuen Rechten, die sagen, dass das emphatische Verhalten der Kanzlerin dazu führen könnte, dass wir unsere Identität als Nation verlieren. Kann man Nietzsches Konzept auf diese Weise übertragen? Ich glaube, man kann es nicht genau so übertragen, aber die Argumentation von Nietzsche ist verführerisch. Wer zu viel Empathie empfindet, der gibt sein Selbst auf. Nur muss man gegen Nietzsche einwenden, dass man dieses Selbst nie hatte. Auch die Identität einer Nation, der deutschen Nation oder auch der amerikanischen Nation – das sind alles Fiktionen.

Oft wird behauptet, Frauen seien empathischer als Männer – in welcher Weise ist diese weitverbreitete Annahme trügerisch? Natürlich zeigen Frauen mehr Emotionen, mehr Mitgefühl, sie wenden sich, jedenfalls dem klassischen Schema nach, den Kindern zu. Neuere Gehirnstudien allerdings haben gezeigt, dass das vielleicht gar nicht so ist. Wenn man Männer und Frauen in diese großen Hirnscanner legt und sie in alle möglichen Situationen überführt, zeigt sich immer wieder, dass Männer und Frauen sehr, sehr ähnlich reagieren, wenn es um Empathie geht. Mit einer kleinen Ausnahme: Wenn ein schuldiger Mensch bestraft wird, also wenn man zuschaut wie jemand, der vorher im Spiel betrogen hat, einen kleinen Elektroschock bekommt, dann reagieren die Männer begeistert. Die Frauen dagegen haben auch da noch ein bisschen Mitleid.

Viele Studien haben inzwischen belegt, das wir Empathie eher jenen gegenüber empfinden, denen wir schnell helfen können. Die Empathie nimmt mit der Zeit ab. Wir sind vorsichtig mit unserer Empathie. Das ist fast so, als würden wir das investieren. Wir investieren Empathie am liebsten dort, wo wir auf schnellen Erfolg hoffen können, wo wir wieder zu uns zurückkommen. Bei Menschen mit chronischen Krankheiten dagegen sind wir sehr viel kälter, denn da würden wir uns möglicherweise verlieren. Gerade dort, wo es natürlich am meisten gebraucht wird.

Kann man dennoch mit Schopenhauer sagen: Mitleid ist das, was den Menschen ausmacht? Es macht ihn aus, aber es macht ihn nicht zu einem guten Menschen. Wir sind als Menschen emphatische Wesen und wir sind durch und durch von Empathie geprägt. Aber Empathie hilft erst einmal demjenigen, der Empathie empfindet. Der weiß dann, wie er sich dazu zu verhalten hat, wie er die anderen Menschen manipulieren, was er daraus machen kann.

Warum kommt es zu Kämpfen oder Kriegen, wenn sich eine Gruppe über Empathie definiert? Empathie und Parteinahme hängen sehr eng miteinander zusammen. Wenn wir einen Konflikt zwischen zwei Parteien sehen, dann ergreifen wir Partei, nehmen die Perspektive dieser Menschen ein und erleben durch die alles mit, auch die andere Seite, die dann zunehmen böser wird oder unfairer oder unsympathischer. Damit kommen wir zu solchen Werturteilen, die sich dann immer stärker verdichten. Der Schalke-Fan hat dann sein Feinde. Mit denen kann er dann nicht mehr. Da verdichten sich die Grenzen.

Könnte es helfen, die andere Seite kennenzulernen? Das hat man in Nordirland mit den Schulkindern der 6. bis 8. Klasse probiert. Denen hat man in einem Großversuch neue Geschichtsbücher gegeben, die darauf zielten, dass beide Seiten, die Katholiken wie die Protestanten die Leidensgeschichte beider Partei nachfühlen konnte. Dabei ist rausgekommen, dass diese neue Generation noch stärker polarisiert war. Die hatten mitbekommen, dass es von allem immer zwei Seiten gibt: eine katholische und eine protestantische. Die wussten am Ende natürlich immer ganz genau, auf welcher Seite sie stehen. Dieser Versuch in Nordirland wurde schnell wieder aufgegeben.

Das heißt: die „gewaltfrei Kommunikation“ nach Marshall B. Rosenberg muss nicht unbedingt funktionieren? Ganz genau.

Sie argumentieren in Ihrem Buch, der Satz „Wir schaffen das“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel sei auf einen ganz besonderen emphatischen Auslösemoment zurückzuführen. Welcher Moment war das? Ich habe da eine Spekulation. Viel mehr kann das nicht sein. Etwa einen Monat vor der berühmten Nacht vom 4. zum 5. September 2015 war Angela Merkel in einer Diskussionsrunde mit Schülern. Da hat sie eine junge Schülerin aus dem Libanon getroffen, die als Flüchtling mit ihren Eltern aus Deutschland gekommen und über deren Antrag nun entschieden worden war – negativ. Diese junge Schülerin hat in einem hervorragendem Deutsch ihr versucht, ihre Situation nahezulegen. Und dann fing diese Schülerin an zu weinen. Daraufhin hat Angela Merkel sie in den Arm genommen, wollte sie trösten und sie hat gesagt: „Du brauchst doch jetzt nicht zu weinen, das hast Du doch so toll gemacht.“ Sie meinte: Du hast jetzt toll vor der Kamera Deine Position vertreten. Das war wahrscheinlich nicht der Grund, warum das Mädchen geweint hat. Jedenfalls wissen wir das nicht.

Sie hat wahrscheinlich geweint, weil ihre Situation als Geflüchtete schrecklich ist. Das hat der Moderator Angela Merkel auch vorgeworfen und gesagt; „Moment mal, das haben Sie völlig falsch verstanden, Frau Kanzlerin.“ Da hat sie sich gefangen und in diesem Zusammenhang den sonderbaren Satz fallen lassen: „Wir können das nicht schaffen, dass wir alle aufnehmen.“ Dieser Satz – „das schaffen wir nicht“ – gepaart mit dem Patzer, weil sie falsche Empathie gezeigt hat, könnte vielleicht dazu geführt haben, dass Angela Merkel sich selber revidieren musste. Sie musste zeigen, dass sie nicht völlig empathieblind ist, sodass sie beides auf einmal umgedreht hat. Sie wollte nun zeigen, dass sie Empathie hatte, dass sie diese Schülerin da durchaus versteht. Und plötzlich hieß es einen Monat später: „Wir schaffen das.“

Kommen wir zum Beginn des Gesprächs und zum Anfang des Buchs zurück, denn da geraten wir auf eine ganz dunkle Seite der Empathie. In welcher Weise kann gesteigerte Empathie zu Sadismus führen? Ein Sadist ist ein Mensch, der andere Menschen quält. Das kann physisch sein, das kann aber auch rein verbal sein. Einer der Gründe kann darin bestehen, dass der Sadist den anderen Menschen einengen will, um ihn zu verstehen. Wenn man sich den Sadisten als einen Menschen vorstellt, der Schwierigkeiten mit der Empathie hat, aber durchaus Empathie empfinden will, dann will er andere Menschen einengen, manipulieren, um sie verstehen zu können. Wenn er jemanden quält oder bloßstellt, lächerlich macht, dann weiß er genau, wie der sich fühlt. Der fühlt sich nämlich schlecht, der fühlt sich bloßgestellt. Der leidet auch physisch ganz massiv. Aber genau das könnte dem Sadisten den Zugang zum Anderen gewähren, denn in dieser Situation wird er verständlich. Das muss gar nicht ein ganz radikales Phänomen, das kann auch ein Alltagsphänomen sein. Es kann auch jemand sein, der einen anderen stichelt. Das kann Mobbing sein. Das kann ein Chef sein, der seine Untergebenen schlecht behandelt. Das kann Sexismus sein und so weiter und so weiter.

Jetzt haben wir so viele dunkle Seiten der Empathie kennengelernt. Sollten wir unter diesen Umständen Empathie überhaupt noch einüben? Unbedingt. Allerdings mit bestimmten Vorsichten. Das richtige Wort ist genau das des „Einübens“. Wir verlassen uns, glaube ich, zu häufig darauf, dass Empathie einfach da ist, dass sie aus der Luft fällt oder uns als Menschen gegeben ist. So ist das nicht. Wir müssen sie paaren mit anderen Dingen, wir müssen durchaus auch mal rational fragen, ob wir uns da für die richtige Seite entscheiden haben.

Fritz Breithaupt: „Die dunklen Seiten der Empathie“, Suhrkamp, 228 Seiten, 16 Euro

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