Rezension: Ausschau halten nach Tigern

Falsche Freunde, Fight Clubs, Freaks und Würfelzucker-Worte machen aus dem neuen Buch von Stefan Petermann ein abwechslungsreiches Ensemble-Schauspiel mit brillant besetzten Nebenrollen.

Schon mit seinem Debütroman „Der Schlaf und das Flüstern“ hat Stefan Petermann übersinnlich begeistert. Damals erzählte er die Geschichte einer jungen Frau, die angeblich die Zeit anhalten kann und zudem von ihrem Liebhaber, dem einzigen Menschen, der an sie glaubt, immer wieder an den Rand des Todes gebracht wird. Mit „Ausschau halten nach Tigern“ gibt der 33-jährige Autor nun neuen Exzentrikern Raum, in unterschiedlichen Short Stories:

Ein durchschnittlicher Junge wird von seiner Familie zum „Wunderkind“ gedrillt, bereit, bei „Wetten, dass..?“ aufzutreten. Ein Anderer lebt zusammen mit seinem vorlauten, unsichtbaren Freund Glufke: „Jemanden wie Glufke gibt es natürlich nicht. Den hab’ ich mir ausgedacht. Ist unproblematischer so.“ Er nimmt ihn also mit, „wenn es ungemütlich wird. Glufke ist meine drei Bier, mein Adrenalin, mein eigener Fight Club.“ Zu behaupten, den Figuren dieser Geschichten ginge es ohne Haldol oder Therapie besser, dürfte eine Fehleinschätzung sein.

Es gibt Narzissten, die sich vorstellen, „die Explosion in einem Kinofilm“ zu sein. Über 30-Jährige kaufen „Hello-Kitty-Merchandise“, lassen sich vom Kindchenschema reinlegen, wie Schwachsinnige. Kontrastierend zu diesen Ewig-Jungen verliert ein Mann mittleren Alters langsam das Augenlicht.

Seine Nervenfasern lösen sich auf, „aufgrund eines zu hohen Augeninnendrucks“. Er lernt, seine Freundin mit den Händen zu ertasten. Und der Nächste glaubt, nicht blind zu werden, sondern stattdessen in „5-D“ sehen zu können. – Darf man solche Menschen eigentlich „Freaks“ nennen?

„Jeder sucht das schönste Wort“, heisst es am Anfang einer Geschichte. „Eines, welches wie Würfelzucker auf der Zunge liegt und von selbst schmilzt, sobald man es aussprechen will, ein Wort, so kostbar und klug und einzigartig, so unfassbar, dass nur daraus ein Universum geschaffen werden kann. Aber ich frage, was das bringen soll. Das schönste Wort. Was ist schon das schönste Wort allein? Ohne einen Satz?“ – Eingebettet in diese sehr schlicht konstruierten, sich nie aufdrängenden Geschichten wirkt das wie Selbstbeschreibung. Es ist: wahr.

Stefan Petermann: „Ausschau halten nach Tigern“, Asphalt & Anders, 158 Seiten, 16,90 Euro

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