Rezension: Der Anti-Ellis

„American Psycho“ hat vor über drei Jahrzehnten die dunkle Seite des Wall Street-Kapitalismus seziert. John Wray geht in seinem neuen Roman ebenfalls in die späten 1980er Jahre zurück. Er setzt in seiner „Great American Novel“ düsteres Heavy-Metal-Dröhnen gegen den Huey Lewis & The News-Horror von Bret Easton Ellis.

Aus dem Abstand von nahezu vier Jahrzehnten erstrahlen die 1980er Jahre als eine Erfolgsdekade westlicher Zivilisation. Mit den sich mehr und mehr abzeichnenden fundamentalen Problemen in den Ostblockstaaten, was schließlich zum Zusammenbruch des Sowjetreichs und der DDR führte, schien das Ende der Geschichte nah – dabei war auch das vermeintlich obsiegende System in moralischer Hinsicht morsch wie die absterbenden Mammutbäume im Yosemite Nationalpark. Zahlreiche schadhafte Anteile des bröckelnden, westlich geprägten Turbokapitalismus hat Bret Easton Ellis in seinem 1991 erschienenen Yuppie-Thriller „American Psycho“ ausgestellt. Ein 26-jähriger, unverschämt gutverdienender Wallstreet-Broker zieht als Serienkiller durch die Welthauptstadt New York und lebt seine blutige Version des „American Dream“.

Wenig später spielten die Radiostationen in Heavy Rotation „Go West“ – gesungen von den Pet Shop Boys, als Cover der amerikanischen Disco-Band Village People, siegestaumelnd ignorierend, dass längst eine gegenläufige Bewegung nach Fernost ihren Anfang genommen hatte. Im Geiste dieser „Go west“-Euphorie reisen auch die gebeutelten Anti-Helden John Wrays von Florida über Kalifornien bis nach Norwegen – drei High-School-Teenager aus Venice, die in den letzten Jahren des Kalten Krieges zunächst einmal nur unter den popkulturellen Usancen ihrer Zeit leiden.

„Leslie Z war dreifach angezählt: Er war schwarz, er war bisexuell, und er war ein Fan von Hanoi Rocks. Vor allem das dritte Manko kam Ende der Achtziger einem Selbstmord gleich, als es an Floridas Golfküste bereits genügte, sich das Haar zu föhnen, um von Bikern, Skinheads oder irgendeinem verpickelten Banger mit Carnivore-Shirt zu Kompott geprügelt zu werden.“

Self Destruction Blues

Leslie Z, der einsame Wolf dieses „Unter Wölfen“ betitelten Romans, lebt bei einem spießigen, weißen Paar – seinen Vormunden. Auf Neulinge wirkt dieser schwarze, depressive Hüne unheimlich, geradezu abstoßend, „wie einer, der Gewalt gewohnt“ ist. Vermutlich würde er vom Zahn der Zeit allmählich zermahlen werden, träte nicht der halb-skandinavische Junge Kip Norvald in sein Leben. Der selbstunsichere, unter einer dissoziativen Störung leidende Schüler zieht im Abschlussjahr nach Venice, um bei seiner Großmutter unterzukommen. Auch er ist ein Gebeutelter, der prügelnde Vater im Knast, die Mutter über alle Berge.

Er kommt in Leslie Zs Jahrgangsstufe – und obwohl Kip keinen blassen Schimmer von Heavy Metal-Riffs hat, beginnt eine intensive, musikalisch geprägte Freundschaft zwischen den beiden Außenseitern. Sie erkennen einander im Schmerz, in ihrer Verlorenheit, in ihrem Unwohlsein, dass irgendwas nicht stimmen kann mit der Welt, in die sie geworfen wurden. Beim ersten privaten Treffen legt Leslie einen Metal-Song auf, den „Self Destruction Blues“ – und Selbstzerstörung mag Mittelpunkt beider Leben sein, doch kann Kip, der U2-, Creedance Clearwater Revival- und Huey Lewis & the News-Fan zunächst wenig anfangen mit der finnischen Glamrock-Band Hanoi Rocks.

„’Gibt es für dich auch noch was anderes als Metal?’, hörte Kip sich fragen. ‚Was meinst du?’ – ‚Ich meine andere Musik – sonst nichts.’ Kip wurde schwindlig. ‚Prince zum Beispiel, oder – ‚Oder wen genau? Stevie Wonder? Die Sugarhill Gang? LL Cool J?’ Leslies Stimme klang etwas gepresst. ‚Worauf willst du eigentlich raus, Kip? Erklär mir den Subtext. Sollte mein Musikgeschmack stärker in Richtung Ghetto gehen?’“

Weiblicher Metal-Taliban

Spätestens seit „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ von Mark Twain sind gegensätzliche, doch im Innersten verbundene Freunde ein zentrales Sujet US-amerikanischer Literatur – über John Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“ bis zu Hanya Yanagiharas „Ein wenig Leben“. Komplettiert wird die Jungs-Verbundenheit bei John Wray durch Kira, die von Leslie irgendwann halb liebevoll, halb abwertend als „Trailer-Trash-Mäuschen“ bezeichnet wird. Auch Kira leidet unterm „Self Destruction Blues“, auch sie kennt häusliche Gewalt, die sie internalisiert, indem sie sich fortlaufend in toxische Sexabenteuer begibt. Doch das ist nur eine ihrer Seiten. Zugleich strahlt sie das Selbstbewusstsein eines „tough cookies“ aus. Ihr Heavy-Metal-Wissen übersteigt sogar die Kenntnisse Leslie Zs.

„Kira war Hardcore, ein Metal-Taliban, eine wildäugige Gläubige, und die Verachtung, die sie für zu softe Musik empfand, nein, eigentlich für alles, was zu soft war, zu verhalten, zu unverbindlich, war viel zu heftig, als dass er riskiert hätte, sich ihr zu widersetzen. Kira diskutierte nie darüber, ob ein Riff, ein Song oder eine LP zu heavy war, zu düster, zu brutal; für sie galt nur, ob etwas sich echt anfühlte oder nicht.“

Echtheit und Fakes, Authentizität und Eskapismus, die Welt als Wille und Vorstellung unterminieren dieses Heavy-Metal-Epos, das viel von Musik erzählt und noch mehr von Verdrängung, Selbstimmunisierung, Wirklichkeitsverneinung und falsch verstandenem Realitätshunger. Aus der entfernteren Position einer auktorialen Erzählhaltung beobachtet John Wrays „Unter Wölfen“, wie eine beispielhafte Clique nach und nach den Boden unter den Füßen verliert, zugleich aber wie panisch gegen diesen Realitätsverlust ankämpft.

Simulakren der Gegenwart

Der erste, ein Jahr umfassende Teil in Venice wird durch einen rassistischen, polizeilichen Übergriff beendet. Bei einer nächtlichen Drogenorgie wird Leslie von einem übergriffigen Cop gedemütigt. Desillusioniert siedelt das Trio nach Los Angeles, nicht nur die Stadt von Bret Easton Ellis’ Debüt „Unter Null“, sondern auch Heimat der sprichwörtlich gewordenen Traumfabrik, in der Simulation und Wirklichkeit permanent gegeneinander ausgetauscht werden.

„’ Wir sind mit Filmen groß geworden, die in Studios oder auf den Filmranches in dieser Stadt gedreht wurden. Das Licht hier draußen ist also per definitionem Filmlicht. Was kein Zufall sein dürfte. Man hat uns eingetrichtert, dass es in Kalifornien aussieht wie in den Filmen, weil Kalifornien das Land ist, in dem das Produkt produziert wird.’“

Der erste Teil in Venice ist gekennzeichnet durch zerstörte familiäre Beziehungen auf der einen und der Suche nach einem Ersatzzusammenhalt in der kleinen Heavy-Metal-Clique auf der anderen Seite. Der zweite, zunächst in Los Angeles spielende Teil zerstreut Leslie, Kip und Kira, die teilweise an unterschiedlichen Orten der Stadt leben, sich nur gelegentlich treffen, oft auf sich allein gestellt die Grenzen des Zumutbaren ausprobieren, mehr und mehr abrutschen in eine Welt der Drogen, der Gewalt, der sexuellen Überkompensation. Später reisen sie nach Europa, besuchen Heavy Metal-Konzerte in Amsterdam, Berlin, im norwegischen Bergen – und geraten dort in die Fänge einer nihilistischen, die Wikinger verehrenden Sekte.

„’ Wir reden von einer Gruppe von Leuten, die das Christentum für eine fremde Religion halten, für einen semitischen Glauben, der den nordischen Ländern im finsteren Mittelalter von europäischen Invasoren aufgezwungen wurde. (…) Die ältesten christlichen Kirchen Norwegens wurden auf heidnischen Grabhügeln oder Steinkreisen errichtet – an Kultstätten –, also, um die Ureinwohner zu demütigen. Um ihnen den Glauben zu nehmen.’“

Rumble und Âventiure

John Wray hat selbst in einer Rockband gespielt – und entgegen der öffentlichen Bezeugung, sein Künstlername sei vollkommen aus der Luft gegriffen, ist zumindest nach Lektüre dieses Buchs wahrscheinlich, dass er seinen Nom de Guerre an Link Wray angelehnt hat, jenen Rock ’n’ Roll-Gitarristen, der 1958 den ersten Powerchord der Popmusikgeschichte gespielt hat. „Rumble“ hieß dieses heutzutage eher an die Surf-Musik der frühen Beach Boys erinnernde Stück. Es wurde aufgrund seiner rauen Anmutung von zahlreichen Rundfunksendern boykottiert. John Wray stellt sein musikalisches Wissen jedenfalls in den Dienst einer nur vorderhand klassisch geordneten, beim näheren Hinsehen hochkomplexen Geschichte, die irgendwo zwischen mittelalterlicher Âventiure (inklusive „doppeltem cursus“) und QAnon-Parabel, zwischen Pop-Märchen und einer Coverversion von Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“ angesiedelt ist;  Letzteres einer von zahlreichen „American Psycho“-Verweisen, beginnt der Ellis-Roman doch mit dem berühmt gewordenen, aus der „Divina Commedia “ entliehenen Satz: „Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren.“

Und hier wie da wird ein dissoziativ gestörter U2-Fan in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt – als Zeichen einer nachgerade schizoid angelegten Weltanschauung.  Aus dem Geist einer alternativen Popkultur entsteht so das Dekadenz-Panorama unerfüllter Hoffnungen, zugleich die Erinnerung an eine unrettbar verlorene Hoch-Zeit, die dem Reißwolf Kapitalismus zum Fraß vorgeworfen wurde. Es ist eine Reise vom sonnigen Venice über das smoggeplante Los Angeles in die Dunkelheit Norwegens. „’Winter’, sagte Leslie. ‚Richtiger Winter. Nicht dieser kalifornische Quatsch.’“

„Unter Wölfen“ ist auch: ein Bildungsroman, der zwischen der Ästhetik des US-amerikanischen und des deutschen Covers oszilliert. Wirkt die Originalausgabe mit ihrer brutal anmutenden Zackenschrift wie ein Heavy-Metal-Cover, hat sich der deutsche Rowohlt-Verlag für eine KI errechnete, diesige Vorstadtidylle entschieden. So werden die Künstlichkeit, aber auch das Rabbit-Flair der Great American Novels im Stile eines John Updike zitiert – während das Eingangszitat des legendären US-amerikanischen Musikjournalisten Lester Bangs den inhaltlichen Limbus des Romans kartographiert: „Im Leben läuft nichts, wie es sollte. In der Rockmusik läuft alles so, wie es sollte. Deshalb ist sie faschistoid.“

Powercord mit Rotkäppchen

Entäußerungen des Faschistischen und düstere Männerphantasien im Sinne Klaus Theweleits durchziehen John Wrays „Unter Wölfen“. Bei Ellis wie bei Wray werden die USA als genuin faschistische Gesellschaft vorgestellt. Bei Ellis ist dieser Faschismus geborgen in popkulturellen Massenphänomenen auf der einen und malignen narzisstischen Individualitätsbestrebungen auf der anderen Seite. Wrays Gewaltpotentiale wurzeln in zerrütteten Familienverhältnissen und der notwendigen Entfremdung vom Naturzustand des Menschen. Man denkt bei diesem Titel schnell an den berühmt gewordenen Ausspruch „der Mensch ist ein Wolf für den Menschen“ des Staatstheoretikers Thomas Hobbes, aber auch an das „Rotkäppchen“-Märchen der Brüder Grimm, auf das im Roman permanent angespielt wird.

Mit Link Wray begann die Geschichte des Hard Rocks, mit „Unter Wölfen“ von John Wray wiederum wird über Hard Rock und Heavy Metal die moderne, popkulturell begleitete Gewaltgeschichte des Westens bis in unsere bedrohlich durcheinandergeratene Gegenwart extrapoliert. In einer Sprache, die an keiner Stelle artifiziell, sondern geradezu natürlich wirkt, entsteht so eine Reflexion über die künstlichen, von der Natur entfremdeten Affekte unserer Zeit. Mit „Unter Wölfen“ hat sich John Wray endgültig eingeschrieben in die einst von Nathaniel Hawthorne eröffnete Riege der großen Novellisten US-amerikanischer Provenienz.

John Wray: „Unter Wölfen“, aus dem Englischen von Bernhard Robben, Rowohlt Verlag, Hamburg, 480 Seiten, 26 Euro

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