Rasende ICE

Michael Venezia aus Brooklyn ist einer der wegweisendsten Minimalart-Künstler, erfolgreich und avantgardistisch zugleich. Momentan stellt er in den Räumen für neue Kunst bei Rolf Hengesbach aus.

„Man könnte sagen, dies sind Alterswerke“, sagte Hengesbach auf der Vernissage am Sonntag, „aber dorthin möchte ich Michael Venezia noch nicht platzieren.“ Das wäre auch ungerecht. Die Arbeiten beziehen sich zwar auf Bekanntes von Venezia, reihen sich jedoch bemerkenswert in aktuelle Fragen ein. In der Ausstellung sieht man zehn lange Kantholzlatten, die nur auf der vorderen Fläche bemalt sind. Acrylfarben, punktuell gesetzt, dann verwischt, mehrschichtig, mit Metallicpigmenten durchsetzt. Kann so etwas Fragen provozieren? Die Gegenwart spiegeln?

Das wäre durchaus ein Anspruch der Minimalart. Und Michael Venezia hat ihn erfüllt. Besagte Kanthölzer sind großzügig in den Ausstellungsräumen gelegt worden. Eine Hängung hatte der Künstler abgelehnt, um das pure Holz nicht zu verletzten. Deshalb liegt es, drei, vier Blöcke aneinander montiert, auf schmalen Edelstahlträgern. Diese Hölzer dokumentieren durch ihr reduziertes Auftreten unsere Gegenwart, die durch neue Bescheidenheit und materielles Desinteresse gekennzeichnet ist. Venezia verringert die Zweidimensionalität des Bildes auf einen handbreiten Horizont. Dieser hebt sich in seiner Mehrfarbigkeit deutlich von den weißen Wänden ab und ist zugleich indifferent. Die Verwischung gibt der Farbe keinen Ort, höchstens eine Richtung.

Was man sieht, erinnert an die Silhouette eines vorbeirasenden ICE-Zuges, an kolorierte Zielfotos, bildet Impulsivität ab und bleibt dennoch zurückhaltend. Venezia ist 67 Jahre alt und steht mitten im Jahr 2002, ironiefrei, vage und ausdrucksstark. Vage deshalb, weil die Farben changieren: wenn die Arbeiten abgeschritten oder im wechselnd einfallenden Licht des Novembermorgens betrachtet werden. Ausdrucksstark, weil ein bisschen Holz und wenig Farbe Räume verändert. In diesem Fall die Räume für neue Kunst an der Vogelsangstraße 18. Die Ausstellung läuft bis zum 14. Dezember und ist von Mittwoch bis Freitag zwischen 14 und 20 Uhr geöffnet, samstags und dienstags von 10-14 Uhr. (Beitragsbild: Hengesbach Gallery)

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