Rezension: Pulp vs. Blair

Zu den großen Brit-Pop-Bands der 90er gehört ganz klar auch Pulp, mit Hits wie „Common People“ oder „Disco 2000“. Gerade ist ein Essay über die Band und ihren Frontmann Jarvis Cocker erschienen. „These Glory Days“ von Owen Hatherley, ein Buch das aus der täglichen Band- und Popstarbiographienflut heraussticht.

Denn „These Glory Days“ ist kein Heiligengeschichte, kein Fanzine oder Pop-Poesiealbum. Der Brite Owen Hatherley erzählt anhand von Pulp, wie sich Great Britain seit den 80ern verändert hat – nicht nur musikalisch, sondern auch gesellschaftlich. Dabei setzt er immer Links von den Songs zum wahren Leben. Pulp sangen bekanntlich viel über Bildungsgefälle, Größenwahn und Sex, über Arbeiterklassethemen. Und wie The Kinks oder die Pet Shop Boys konnten Pulp das, weil sie aus dieser Schicht kamen und: weil sie mit staatlicher Unterstützung an Kunsthochschulen studieren, weil sie in Sozialwohnungen leben konnten, weil sie Zeit übrig hatten für ihre Musik.

All das wurde unter Maggie Thatcher und Tony Blair gestrichen, womit nach Hatherley auch die klassische Indiemusik verschwand, weil die Unterschicht keine Kohle mehr hatte. 2010 kamen 60 Prozent der britischen Top-Ten-Musiker von einer Privatschule. 1990 waren es gerade mal ein Prozent. Wer aber in einer Privatschule sozialisiert wurde, der singt eher nicht über gewöhnliche Leute, über „Common People“. Hierzulande versuchen immer noch viele Künstler – mit Hartz IV über die Runden zu kommen. Ist dieses Buch also auf deutsche Verhältnisse übertragbar?

Es macht auf jeden Fall klar, was passiert, wenn alles dem Sparzwang untergeordnet wird. Dann gibt es keine neuen Kinks, keine neuen Morrisseys, keine neuen Pet Shop Boys. Sondern allerhöchstens die gepflegte Langeweile von Maximo Park (dass sie ebenso wie Pulp bei Warp erscheinen, ist für Hatherley nur Beweis, wie tief dieses Label inzwischen gesunken ist). – „These Glory Days“ die Brücke von Pop zu Politik. Es vergöttert Pulp nicht, sondern erklärt immer wieder, warum ein Text schlecht ist – wenn er denn schlecht ist. Und am Ende hat man Lust auf alle „alten“ Pulp-Alben, ist angestachelt, weiterzudenken, tiefer reinzuhören. Also: weiterzumachen

Owen Hatherley: „These Glory Days“, übersetzt von Sylvia Prahl, Edition Tiamat, 168 Seiten, 16 Euro

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