Hohelied der Leiber

Zehn Jahre lang hat Clemens Meyer im Rotlichtmilieu recherchiert. Jetzt liegt sein Hetären- und Zuhälterroman “Im Stein” rechtzeitig zur Prostitutionsdebatte aus – und Clemens Meyer fordert: “Hört den Huren endlich zu!

“Alle Mädels, die ich durch die Arbeit kenne, rauchen. Na ja, neunzig. Also Prozent.” Über die Zahl, die Clemens Meyer gleich zu Beginn seines 560-seitigen Milieuromans einer Hure in den Mund legt, wird seit Wochen diskutiert. “Neunzig Prozent. So lauten die Angaben, was die Zwangsprostitution betrifft. Dazu kommen die neunzig Prozent, ich traue mich das gar nicht hier ernsthaft zu wiederholen und tue es doch, der Prostituierten, die schon als Kinder missbraucht wurden.”

Das schreibt der Autor in einem Artikel, der Mitte November erschienen ist und weiter: “Respekt. Ist uns der Respekt abhandengekommen? Wollen wir nur noch verallgemeinern? Pauschalisieren? Wollen wir Zahlen und Prozente über die Menschen stülpen? Neunzig Prozent, wo kommt das her? Lasst bitte die Frauen sprechen. Warum hören wir nicht mehr zu?“

Clemens Meyer hat jahrelang zugehört und aus seinen Rotlichtrecherchen einen vielstimmigen Roman konstruiert, in dem Huren und Freier, Wohnungsvermieter und Stripclubbesitzer zu Wort kommen. Aufhänger seiner riesigen Erzählung sind die realen “Sachsensumpf”-Berichte, die im Kern annehmen, dass hochstehende Leipziger jahrelang einen Bordellring unterstützt und Kinderprostitution gefördert haben, oder um gleich mit dem Buch selbst einzusteigen: “Anwälte, Justiz, Immobilien-Haie, Walfische, Ex-Stasis, Politik.”

Als die frühere Zwangsprostituierte Mandy Kopp während der Gerichtsverhandlungen gegen die Ost-Mafia aussagen wollte, erkannte sie in einen ihrer Freier wieder. Es war der Richter selbst, der gerade vor ihr saß und eigentlich Recht sprechen sollte. Mandy Kopp wurde der Verleumdung bezichtigt, jahrelang juristisch verfolgt. Ende Oktober dieses Jahres wurde das Verfahren gegen Mandy Kopp endlich eingestellt. Über ihre Jahre als minderjährige Hure der Oberen Zehntausend hatte sie vor wenigen Monaten ein Buch mit dem Titel “Die Zeit des Schweigens ist vorbei” auf den Markt gebracht.

Es gab unzählbare Artikel und Reportagen zu dem Skandal. Aber auf welche Weise nach dem Mauerfall die Prostitution im Osten florierte, wurde nie komplett ans Licht gebracht. Clemens Meyer hat aber genau das in seinem Roman geschafft. In seinem vielschichtigen Sittengemälde kommen die oft bevormundeten Huren ebenso zu Wort wie Arnold, der Vermieter von Wohnungen, in denen die Frauen ihrem Geschäft nachgehen können, ohne von Schutzgelderpressern, brutalen Freiern und Drogendealern belästigt zu werden.

Einflüsternd nähert er sich den Huren und wirbt für seine Unterkünfte: “Da draußen herrscht die Pest. Und die Cholera. Und der Abschaum wackelt durch die Straßen, als wäre er der neue Adel unserer verseuchten Zeit. Das Telefon klingelt. Und dann klingelt es an der Tür. Und der grimme Schnitter ist auf dem Weg zu euch.” Man erfährt, warum Laufhäuser für homosexuelle Männer nicht funktionieren würden, welchen Einfluss Internetpornographie auf die stetig ausufernden Sexpraktiken im Milieu haben und wie sich alle Beteiligten davor schützen, in den Bau  zu wandern “oder im Stein? Kiste, Knast, Café Viereck.”

ImStein_Fischer_gMan erfährt, dass es eine Taxi-Huren-Faustregel gibt: Auf 1000 Einwohner ein Taxi und eine Hure, dann stimmt der Schnitt. Es gibt einen rührend ermittelnden Kommissar, den alle “Schimanski” nennen und der in den Achtzigern für eine Filmberatungskommission gearbeitet hat, um die ARD-Tatortsendung realistischer zu gestalten. Es gibt ein Panorama der großstädtischen Nacht, das sich hier ausnahmsweise nicht in den Diskotheken und Technoclubs abspielt. Die hier Gestrandeten versuchen, ohne Strobe Licht in ihre Nacht zu bringen. Sie hören Domian in 1LIVE und fühlen sich mit ihm verbunden. Sie nennen sich “Liebeskünstlerinnen” und leben gegen das immer wieder drohende “Fasching im Kopf”.

Sie versuchen, mit Bibellyrik gegen die dreckige Straßenprosa anzukommen: “Schön bist du, meine Freundin, / ja, du bist schön. Hinter dem Schleier / deine Augen wie Tauben. Dein Haar gleicht einer Herde Ziegen”, oder weniger blümerant: “Wir wollen ja Tipps unter die Tausende bringen, zu euch unermüdlichen Rammlern, uns unermüdlichen Rammlern und Sammlern, die wir die einzig wahre Volkswirtschaft am Laufen halten, ins Leben schalten. The big titt. Für kein Geld der Welt fickt’s sich besser als für Geld. HEHHH, APPLAUS APPLAUS.”

Clemens Meyer kommt mit “Im Stein” dorthin, wo Ultrafemnistin Alice Schwarzer nie gewesen ist. Er beschreibt differenziert die Unterschiede zwischen Zwangsprostituierten und Huren, die freiwillig ihrer Profession nachgehen. Er unterscheidet zwischen den Asifreiern, die keinen Respekt zeigen wollen und zahlenden Minnesängern, die ihre Frauen verehren und nicht Geld gegen Unterdrückung austauschen wollen. “Im Stein” ist bestimmt nicht die Lösung für die vielen Fragen, die gegenwärtig im Männer-Frauen- und im Freier-Huren-Verhältnis gestellt werden. Er löst das Unbehagen feministischer oder freiheitsliebender Intelellektueller gegen das Rotlicht keineswegs auf. Aber er fügt den oft sehr platten Argumenten beider Seiten ein gewaltiges, von keinerlei Scheinheiligkeit beleuchtetes Epos entgegen.

Clemens Meyer: „Im Stein“, Fischer Verlag, 560 Seiten, 22,99 Euro

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