Philosophentod

Die Sprache an sich ist durch Redesendungen und etliche Internet-Tagebücher zur Bück- und Racheware herabgesunken. Seit Bilder ihr Vertrauen verloren, seit das unmittelbare Erleben in digitale Hintergründe getreten ist, lässt sich mit scheinbar authentischen Worten einiges anstellen. Seit wenigen Jahren haben vielleicht auch deshalb sogenannte Schlüsselromane Konjunktur, in denen reale Personen und Ereignisse kodiert, also verschlüsselt, skizziert werden.

„Esra“ von Maxim Biller und „Meere“ von Alban Nikolai Herbst sind 2003 verboten worden, weil Ex-Freundinnen ihre Persönlichkeitsrechten verletzt sahen. Martin Walsers Abrechnungsband „Tod eines Kritikers“ fiel nicht nur beim angesprochenen Marcel Reich-Ranicki durch. Für Wirbel könnten alle drei Veröffentlichungen sorgen. Nun hat die 29-jährige Wuppertalerin Tanja Heinze ebenfalls einen Schlüsselroman veröffentlicht.

„Der Schnee des letzten Sommers“ spielt in den grauen Etagen der philosophischen Fakultät unserer Bergischen Hochschule. In diesen Etagen scheint Wundersames vorzugehen. Wundersam ist wahrscheinlich untertrieben. Denn das, was angeblich „vorgehen soll“, hat Tanja Heinze nach sechs Semstern alles hinwerfen lassen. „Weil ich gestorben bin, an den Leuten da“, sagt sie inzwischen. Die Leute, das sind Professoren und wissenschaftliche Angestellte des Fachbereichs, die laut Heinze nicht nur eine Liebe zur Weisheit entwickelt haben, sondern auch zu Machtspielen gegenüber aparter Studentinnen, zu Studentinnen wie ihr.

Davon handelt „Der Schnee des letzten Sommers“. Er archiviert zweideutige Emails und Beinahe-Liebschaften, Belästigungen, und das langsame Zugrundegehen einer jungen Studentin im ekelhaft männlichen Betriebsklima. „Ich habe einem Dozenten geschrieben, er solle mich in Ruhe lassen“, sagt Heinze, „doch er hat mich von einem anderen Seminar abgeholt, meine Hand gegriffen.“ Unangenehm. Tanja Heinze sah damals nur einen Ausweg und wendete sich an höhere Stellen der Universität. Ohne Erfolg.

Die Heldin im Buch dagegen wendet sich nicht an irgendwen, sie stirbt, zu Beginn bereits. Ihre bedrückende Geschichte ist rückblickend erzählt. „Im Nachhinein hat mich das alles sehr verletzt“, gesteht Heinze. Sie sitzt in ihrer kleinen Küche. Nebenan steht eine Schrankwand, Eiche rustikal, massiv. Tanja Heinze wirkt nicht massiv. Sie wirkt zierlich, fast zerbrechlich, in ihren rote Leggins, mit dem langen, schwarzen Haar, dem hellen Schneewittchengesicht. Inzwischen arbeitet sie als ambulante Pflegerin, in ihrem alten Beruf. Aus dem Studium wird erst einmal nichts.

Der Schnee des Sommers 2003, dem Zeitpunkt, wo sie die Universität verzweifelt verließ, der muss erst abschmelzen. Und das Buch soll dabei helfen. „Natürlich gab es auch anonyme Emails, in denen ich gefragt wurde, ob ich spinnen würde, ich wollte doch noch studieren, an der Uni, oder? wurde ich eingeschüchtert.“ Dann gab es zertretene Möhren vor der eigenen Haustür. „Aber das können auch Studenten gewesen sein.“

Warum?  Wenn man den Roman entschlüsselt – und dazu braucht man lediglich einen Internetanschluss und zehn Minuten Zeit – dann sieht man mit anderen Augen hoch, zum Berg. Herabsehen möchte man jedoch eher, auf die dort Gezeichneten. Daran kann selbst ein teilweise unbeholfener Schreibstil wenig ändern. Es ist kein schlechtes Buch, aber es wirft ein schlechtes Licht. An Anfang wird darauf hingewiesen, dass Ähnlichkeiten mit lebenden Personen zufällig sind. Nun enthüllt die Autorin selbst, dass diese Zufälligkeiten nicht existieren. „es ist ein Schlüsselroman“, sagt sie gefasst.

Bisher gibt es keine einstweilige Verfügung gegen den schmalen Band, keinen Wirbel, der mit „Esra“ oder „Meere“ vergleichbar wäre. Und auch hier fragt man: Warum? Es ist ein Rätsel, wie so vielens an dieser Geschichte. Denn auch der Romantext ist kein Schlüssel für jene verschlossenen Türen, die weiterhin hinter „Der Schnee des letzten Sommers“ verborgen sind. Man kann abwarten, ob diese Türen jemals geöffnet werden.

(Tanja Heinze – mit Zeichnungen von Daniel Grunewald: „Der Schnee des letzten Sommers“, Edition Erata, 172 Seiten, 16,95 Euro)

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