Schwarzbrot mit Quark

Wie sind 39 Euro am Besten anzulegen, wenn man in Solingen wohnt und sich Queen-Fan erster Stunde nennen darf? Dann geht man zu  „A Tribute to Freddie Mercury“, eben jene „Hommage an den großen Entertainer der Rockmusik“, die anderthalb Wochen nach Erich Kästners „Drei Männer im Schnee“ geboten wird. Das Theater und Konzerthaus Solingen, das den Queen-Revival-Bands dieser Welt Heimstatt ist beherbert von den Bergischen Symphonikern bis zur zünftigen „Musical Night“ alles, was nach Bühnenkultur klingt und nicht der Parkplatzsituation vor Ort entgegenspricht. Womit man schon bei Bastian Pastewka ist, der Anfang Januar eben hier einen umjubelten Auftritt hatte, zumindest umjubelt von jenen, die nicht währenddessen eingeschlafen sind. 

„Eva Verena Müller als Temples Frau Steve, die von Pastewka mit Macho-Sprüchen über die Rolle der Frau im Jahr 1946 aufgeklärt wurde, beeindruckte ebenso wie Edda Fischer, die jede Mengen unterschiedlicher Stimmen imitierte. Die Männer Kai Magnus Sting und Alexis Kara sorgten bei ihren vielen Rollenwechseln ebenfalls für spontanen Beifall.“ Mit diesen Worten vermeldet die örtliche Lokalzeitung, das Solinger Tageblatt, zwei Tage später Pastewkas Auftritt im ausverkauften Pina-Bausch-Saal – und man weiss nach der Lektüre zumindest ungefähr, was geschehen ist: „Seine süffisanten Blicke oder seine geradezu dreckigen unkontrollierten Lachanfälle waren eine Show für sich.“ – Die Schönheit dieses gerade für bundesrepublikanische Kleinstädtverhältnisse typischen Abends kann in der lokalzeitungsüblichen kurz-redundanten Form freilich nicht gewürdigt werden. Deshalb von vorn, mit Piccolosekt in der Hand und gut akzentuiert, wie es sich für Radiofans der 40er Jahre gehört – eine kurze Einführung in Sujet und Protagonisten des zu beobachtenden Phänomens:

Der beliebte Fernsehkomiker Pastewka ist bekannt durch seine Rollen in der SAT.1-Wochenshow und der nach ihm benannten Comedyserie „Pastewka“. Mit seinem Team tingelt er aktuell durch die Festhallen und -säle der Republik, unter großer Beobachtung. An besagtem Dienstag hatte auch Bestsellerautor Mario Giordano, der das Drehbuch für etliche Tatorte und den Kinoerfolg das Experiment verfasst hatte, von Köln hierhin gereist, um für ein eigenes Projekt anzuschauen, worin die nicht endende Begeistertung für Veranstaltungen wie diese begründet ist.

Der Ablauf ähnelt stets, das Setting auch. Auf den Merchandisingtischen örtlicher Buchhandlungen liegt bei derartigen Veranstaltungen neben Nippes und Remittiertem die neu produzierte CD. Diese hier ist vom renommierten Münchner Hörverlag, der Abend auf Konserve sozusagen. Es ist eine Konserve, die allein keinen Hörspielfan zu sättigen weiß, denn vis-a-vis und ironisch gebrochen dargeboten erleben Hörspiele seit Jahren eine ganz besondere Renaissance, ob mit dem Vollplaybacktheater aus Wuppertal oder den Drei-???-Sprechern. Es gibt Hörspiele im Dunkeln, Hörkino mit Bild, Hörspiele auf Platte, im Radio wie eh und je, Hörspiele für Kinder, für Horrorfreunde, für Kassettennostalgiker. Die Veranstaltungen sind immer gut besucht, sogar mehr als gut: rappelvoll sind sie, ausverkauft.

Deshalb bekommen jetzt Menschen aus Witten, Delmenhorst und Viersen auch „Paul Temple und der Fall Gregory“ abendfüllend von der Bühne herab geboten, ein wieder aufgetauchtes Fundstück des britischen BBC-Autors Francis Durbridge. Der hat seit 1938 die Hörspiele um Krimiautor und Detektiv Paul Temple verfasst, insgesamt zwölf bis zum letzten Fall „Paul Temple und der Fall Alex“. Diese wurden ab 1949 vom deutschen NWDR, dem Vorläufer von NDR und WDR, nachproduziert, die Tonbänder auch sorgfältig aufbewahrt, außer jenes Stück das Pastewka nun aufführt. Sowohl die BBC als auch der NWDR hatten einst den „Fall Gregory“ gelöscht. Aufgetaucht sind vor Kurzem sowohl das unvollständige Radioscript des NWDR und eine norwegische Hörspielfassung. Daraus entstand, wieder in Kooperation mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, eine neue, postmoderne Version von Regisseur Leonhard Koppelmann.

Die  Bühne zeigt: Schaupieler auf Holzstühlen, umgeben von Lärm erzeugenden Gerätschaften, Gläser, Bleche, Kisten mit Geröll, eine wassergefüllte Wanne, ein Mixer, eine auf- und zuschlagende Tür, ein alter Kühlschrank, Knarrendes und Quietschendes. Im Hintergrund präsentiert die Leinwand Schwarz-Weiß-Szenen und Manuskriptausschnitte des Stücks. Die Schauspielerinnen und Schauspieler agieren mit verteilten Figuren- aber auch Geräuscherollen. Entweder muss man reden oder Sound herstellen, im Wasser plantschen, Käuzchen imitieren, die Pistole abfeuern. Wer die Augen im Saale schließt, soll einer realistischen Hörspielinszenierung folgen können. Und die Augen werden geschlossen, auch von jenen Mittelschichtsmännern, die müde gearbeitet nur deshalb anwesend scheinen, weil sie im Übereifer der Vorweihnachtszeit Tickets erstanden haben, um sie der Gattin zu verehren, „Warum bin ich nicht bei der Freddy Mercury-Show“, mag sich der eine oder andere denken.

Weiter hinten tuscheln Damen über Joe Cocker und dass sie ihn jederzeit hören könnten, so gut sei er gewesen, so brillant. Sie sitzen da im Betty Barclay-Dress, während die eigentliche Klamotte vorn geboten wird, in zwei mal 70 Minuten mit Brezelpause mittendrin: Tote, deren Einstecktuch vom Blute trieft, einen schummrigen Nachtclub gibt es, Verfolgungsjagden auf wackeligen Dorfstraßen und die abschließend typische Runde aller Verdächtigen, bei der Paul Temple den Mörder entlarven darf. Gelesen wird der Text mit verteilten Rollen, unterbrochen durch ironische Diskussionen über den Fall, seine Logiklöcher und für heutige Verhältnisse sichtbaren Inszenierungsschwächen. Pastewka, der bekennende Nerd, taucht in der Meta-Rolle des nischenbegeisterten Durbridge-Fans auf, der sich zu rechtfertigen hat ob seiner Begeisterung und der zugleich austeilt gegen seine Mitspielenden. Gelacht wird, wenn auch nicht von Anfang an, liegt Solingen zwar nah an den rheinischen Karnevalsstädten Köln und Düsseldorf, ist aber noch nörgelndes Bergisch Land.

Hier gerät man nicht so schnell aus dem Häuschen. Schwarzbrot und Quark gelten im Städtedreieck Wuppertal-Solingen-Remscheid als vernünftige Gabe zum Nachmittagskaffee. Daher braucht es doch die zweite Runde, um den Saal zu begeistern, die Frauen zuvörderst, die engenickten Männer, wie gesagt, eher auf zu vernachlässigende Weise. Es ist ein beschwingtes Event in der Provinz, das kurzweilig die Solinger Winterzeit verstreichen lässt, bis endlich wieder Hexenfest ist auf Schloß Burg (Mai) oder Bierbörse im benachbarten Leverkusen-Opladen (August). Es ist das perfekte Unter-der-Woche-Ding, das man wunderbar verschenken kann. 34 Euro kostet der Spaß, wofür man fast zwimal in die Queen-Revival-Show kommen kann. Aber, jetzt mal ehrlich: wer will das schon?

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