Million Dollar Baby

Wunderkinds Tat: 28 ist Reif Larsen als „Die Karte meiner Träume“ alle Verleger New Yorks in Raserei versetzt und einen Bieterkrieg auslöst. „Amélie“-Regisseur Jean-Pierre Jeunet hat den Bestseller „Die Karte meiner Träume“ verfilmt – er läuft ab heute in den deutschen Kinos. Ein Blick zurück ins Buch.

Wer denkt, Reif Larsen hätte eine Million Dollar Vorschuss für sein Debüt eingestrichen, hat das Kleingedruckte übersehen. Tatsächlich zahlte der New Yorker Verlag Penguin Press diese unfassbar hohe Summe allein für die nordamerikanischen Rechte von „Die Karte meiner Träume“. Lizenzen wurden zeitgleich in 30 weitere Länder vergeben – und jede Übersetzung lässt die Kassen klingeln. Was elektrisiert Verlage, Agenten, Journalisten, Käufer weltweit an diesem dicken Roman über T.S. Spivet aus Montana, einen hochbegabten 12-Jährigen, der so wunderbar zeichnen und dabei so kluges Zeug daherreden kann, dass er von allen wissenschaftlichen Koryphäen umworben wird, der eine Odyssee durch die USA antritt, um zuletzt in der Magnetresonanzröhre zu landen, wo sein Gehirn abgeklopft wird, mit einem lauten „err-err-err-err, wiii-wuuu, wiii-wuuu“, das ihn geradezu verschreckt?

Ein erster Blick genügt ins Buch genügt, auf die fein ausgearbeiteten Zeichnungen von Illustrator Ben Gibson, der in Marginalienspalten, am Rand des Textes, „Stechrüssel und Sensillen  der gemeinen Stechmücke“ hinterliess, Bilder von „Spatzenschatten“, „linken Parazentrallappen“, „futuristischen Heilinstrumenten“ und einem Hinweis, „wie man eine Schärpe so bindet, dass sie einen Blutfleck verdeckt“. Diese Zeichnungen sind das eigentliche Ereignis. Der Text ist es nicht. „Die Karte meiner Träume“ überwältig, weil dieser Roman über einen genial zeichnenden Bauerssohn von genialen Illustrationen begleitet wird, während der Jubel um T.S. „ein Echo seiner selbst“ in Reif Larsens kometenhaftem Aufstieg findet. Realität und Fiktionalität verschränken sich zu einem schillernden Märchen, das eine vergrößert die Strahlkraft des anderen, man kann nicht wegschauen, wie beim Blick zwischen zwei gegenüberliegenden Spiegeln, in denen das Bild des einen vom Bild des anderen abgelichtet und abgelichtet und abgelichtet wird.

Und schon ist man am Anfang der Geschichte, in der T.S. Spivet vorgestellt wird als präpubertären Wunderknaben mit leicht autistischen Zügen, weil er alle Gegenstände im Zimmer an Haken hängt, einen Umriss drumherum zeichnet und den Namen des Gegenstandes eben „als Echo seiner selbst“ auf die Wand schreibt. Doch ebenso, wie er nicht direkt versteht, dass der bezeichnende Name und das bezeichnete Ding nicht dasselbe sind, braucht der Junge ein paar Jahre, bis ihm klar wird, dass auch die Karten, die er von seiner Umwelt anfertigt, nicht der Raum sein kann, in dem er lebt. Der besteht nicht aus Zeichnungen, sondern aus einem schweigsamen Vater, einer spaßsüchtigen Schwester und Dr. Claire, seiner Mutter, die angeblich Käfersammlerin ist, im Laufe des Romans jedoch unheimliche Züge offenbart. Und darüber, wie ein Schatten liegt Layton, der kürzlich verstorbene Bruder von T.S., für den es wiederum keine Echos gibt – die Familie schweigt über ihren Verlust, über ihren Schmerz und lebt, nicht weniger autistisch als der junge Held, ein unspektakuläres Farmerleben im Mittleren Westen der USA.

Doch dann wird T.S. von einer angesehenen wissenschaftlichen Gesellschaft nach Washington eingeladen. Anstatt seinen Eltern von der Einladung zu erzählen, reißt er aus, klaut einen Wagen und fährt los. Seine Reise wird zur Odyssee. – T.S. trifft Trucker, Tramper, Vagabunden, er zeichnet und sinniert und sieht, postmodern geschult, Spiegel, Signale, Echos, Schatten, Doppelgänger. Er trifft auf Vielweltentheorien, einen Berg, der wie ein Biberkopf aussieht, auf ein mysteriöses Tagebuch, lässt sich von Wortwürfelspielen und von Jesusfreaks verwirren. In diesem Buch geht es um Molekularbiologen, Terror und Tigermönchkäfer. „Die Karte der Träume“ will von allem handeln. Doch enzyklopädische Romane sollten, erst recht im Google-Zeitalter, mehr bieten als aneinandergeklebte Listen und Zitate. Literatur muss nicht trösten. Aber sie darf berühren. Das fällt Larsens Debüt bis zur vorletzten Seite schwer.

(Reif Larsen: „Die Karte meiner Träume“, übersetzt von Manfred Allie und Gabriele Kempf-Allie, Fischer, 445 Seiten, 22,95 Euro)

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