Horrorvisionen en masse

Folter, Qual und schwache Männer: Clemens J. Setz, gerade ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse, irritiert mit seinem Erzählband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“.

Zunächst einmal gibt es in Clemens J. Setz‘ Erzählungen entsetzlich viele Weicheier: Der Holzfäller-Papa aus „Hänsel und Gretel“ darf seiner Frau noch einmal das wehleidige Lied vom Hunger klagen. Männer rasten mit Baseballschlägern in der Hand aus und fühlen sich bereit, die halbe Welt zu töten. Wenn sich aber eine Frau aus Lustgründen unterwerfen und als Sklavin gehalten werden will, dann hat der ausgewählte Sado-Maso-Gebieter „Angst“, genauer: ihm fehlt die Courage, das Spiel angemessen durchzuziehen. Nur in pöbelhafter Gemeinschaft sind Männer stark, schrecken dann nicht einmal vor der Vergewaltigung ihres Kollegen, einem anderen schwachen Mann, einem Sündenbock, ab.

Das Vertraute als etwas Fremdes sehen. Das ist oft große Literatur. Clemens J. Setz findet das Fremde, das Dunkle: Die Erzählung einer katholischen Kindheit wird bei ihm begleitet von sadistischen Jungsspielen, bei denen immer der gleiche „Freund“ gedemütigt wird – er muss unter Gewalt seine Brille in den Mund nehmen, wird ins Klo eingesperrt, immer gegen seinen Willen, erneut vom Pöbel verfolgt, wie der Firmenkollege in der einen oder andere „Opfer“ in weiteren Erzählungen. Diese Hochnotpeinlichkeiten passieren augenscheinlich, weil die Clique bislang nur zuschauen durfte, wie direkt unter ihnen zarte, unberührbare, reine Mädchen aufwachsen, „von denen wir im Turnunterricht getrennt waren, die höhere Stimmen hatten und sich miteinander in einem Jahrhunderte alten Geheimcode verständigten, der versiegelt und streng bewacht war.“ Die Männer sind Tiere. Die Frauen Prinzessinnen.

Dazu Stichwörter wie Geheimcode, Versiegelung, streng bewacht. Den Jungs bleibt nichts, als Gewaltphantasien. Sie wollen die Mädchen in Statuen verwandeln. „Nicht in eine aus Stein, sie sollte lediglich bewegungsunfähig sein, die Augen von mir aus geschlossen und ohne Kleider.“ Es folgen Spiel- und Folteranleitungen, dieser komplette KZ-Menschenversuchs-Wahn, dem nicht nur kleine Kinder erliegen können. In einer anderen Geschichte schlägt ein Gatte Frau und Sohn, bis er selbst bei einem Unfall zum Krüppel wird. Krankheit. Überall.

In einer Szene klingelt eine Ehefrau ihren Mann, einen untreuen, mit seinen Studentinnen flirtenden Professor, mitten im Seminar an. „Hör mir zu, lallte sie, ich steh gerade nackt im Bad, und … also entweder kommst du auf der Stelle nach Hause und beweist mir, dass du noch ein Mann bist, oder … oder du kannst dir heute Nacht einen anderen Platz zum Schlafen suchen, bei irgendeiner deiner – / – Ich kann jetzt nicht reden, ich ruf dich später – / – Nein, leg jetzt bloß nicht auf, du Feigling. Ich will, dass du auf der Stelle herkommst! Hast du mich verstanden?“ bei so viel Obszönität die eine eigene Kunst im Rätsel zu lassen, als Code zu inszenieren, ist das Faszinierende am „hochbegabten Kind“ Clemens J. Setz. Man fühlt sich die ganze Zeit belästigt, infiziert, beschmutzt. Hoch ansteckend!

Clemens J. Setz: „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“, Suhrkamp, 350 Seiten, 19,90 Euro / Hörbuch bei Griot, gelesen von Matthias Brandt

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